Achilles' Verse Merkwürdige Marathon-Marotten
Läufer beim Berlin-Marathon: In der Vorbereitung nur nicht in den Wahnsinn treiben lassen
Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERSJeder vierte Europäer soll einen psychischen Defekt haben, berichteten Qualitätsmedien unlängst. Das geht ja noch, denkt sich der Marathon-Läufer. Von denen, die freiwillig 42,195 Kilometer am Stück rennen, haben exakt 100 Prozent eine Vollmeise. Immerhin: Für diesen Berlin-Marathon blieb mir, bislang, eine verletzungs- und infektionsbedingte "Startverbotsdepression" erspart.
Dafür grassiert gemeine Marathon-Blödheit mit autoaggressiven Zügen: Wie ist sonst zu erklären, dass ich mir Zahncreme auf die Beine schmiere und die Zähne mit Monas Ladyshave schrubben will. Klar, was mein Unterbewusstsein sagen will: Lass den Quatsch!
Seit etwa drei Wochen hat sich zudem mein Blickfeld verengt. Ich sehe überall Absperrgitter, rund ums Bett, vor dem Kühlschrank und in Dreierreihe vor meiner Stammkneipe. Sobald ich ein Müllauto höre, nehme ich Reißaus, vor Angst, es könnte der Besenwagen sein. Krankentransportern wiederum will ich mich vor die Reifen werfen, um eine leckere Zwischeninfusion zu ergattern.
Flaschen sind im Läuferhaushalt die zweitgrößte Pest
Die grünen Streifenbündel, die die Ideallinie durch die Stadt weisen, sind seit wenigen Tagen aufgebracht. Beim Versuch, an der frischen Farbe zu schnuppern, hätte mich gestern fast ein Doppeldeckerbus überrollt. Die neuen Magnesiumpillen, die Mona aus der Apotheke besorgt hat, sind dreimal so hoch dosiert wie die alten, was ich leider erst nach der üppigen Einnahme feststellte. Immerhin nähere ich mich meinem Wettkampfgewicht, wenn auch schwerstdehydriert.
Dass ich bereits dreimal die halbvolle Trinkflasche nach dem Trainingslauf auf dem Autodach habe stehen lassen, ist dagegen kein Problem. Flaschen sind im Läuferhaushalt die zweitgrößte Pest, gleich nach Finisher-Shirts, dafür deutlich ekliger. Den Ärger hatte die Radfahrerin hinter mir, als der Amino-Carbo-Schleim ihre Brillengläser verschmierte. Bleibt die Hoffnung, dass sie eben deswegen mein Nummernschild nicht erkannt hat.
Unerklärliche Hektik allenthalben, auch beim manischen Waschen. Der Schrank quillt zwar über vor kostbarem Textil, aber für den Wettkampf kommt exakt eine einzige Hose in Frage, wegen ihrer schenkelschonenden Sanftheit. Und die muss natürlich nach dem täglichen Training in die Maschine, und zwar fix.
Autoschlüssel in der Waschmaschine
Dass ich in der Eile den iPod bis zur Funktionsuntüchtigkeit mit wusch, wäre noch erträglich gewesen, wenn es nicht Monas Gerät gewesen wäre. Sie ist eh schon sauer, weil ich nur noch mit regenerationsfördernden Kompressionsstrümpfen ins Bett steige. Immerhin waren die Ohrstöpsel sauber hinterher. Mit einem Walkman von früher wäre das jedenfalls nicht passiert. Der hätte gar nicht in die Maschine gepasst.
Problematischer waren die Schlüssel unseres quasi-historischen Autos. Erste Generation Funktechnologie, sehr robust eigentlich, aber leider alles andere als wasserabweisend. Das Auto stand jedenfalls eine Woche still, der Mietwagen kostete ein Vermögen und die Beruhigungsblumen für Mona auch. Von den Kollateralkosten her wäre ich in New York billiger gelaufen als vor der eigenen Haustür. Da fielen die Socken heute morgen wirklich nicht mehr ins Gewicht, die ich beim Versuch, sie wirklich eng an den Fuß zu zerren, leider mitten in zwei riss. Das Leben ist eh zu kurz, um sich mit schwächelndem Material zu umgeben.
"Ist denn am Sonntagmittag im Ziel alles wieder gut", fragt besorgt meine Mona. Wie gern würde ich nicken. Doch dann kommt erstmal die postmarathonale Belastungsstörung.
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