Achilles' Verse: Nahtoderfahrung in der Designhölle - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Nahtoderfahrung in der Designhölle

Achim Achilles erlebt beim Crossfit-Training sein Armaggedon. Medizinbälle, Hanteln und Sprungeinlagen bescheren dem Wunderläufer die schlimmste Zeit seines Sportlerlebens - es sind zwölf Minuten, die nie vergehen. Schuld waren nur die Triathletinnen.
Kurzhanteln: Blitzender Stahl beim Crossfit-Training
Kurzhanteln: Blitzender Stahl beim Crossfit-Training

Kurzhanteln: Blitzender Stahl beim Crossfit-Training

Foto: Oliver Berg/ picture-alliance/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Langsam geht es wieder. Die Panik vor Stufen und Toiletten wird kleiner. Die Kinder ziehen mich inzwischen routiniert aus dem Sessel. Mona lacht kaum noch, sondern schüttelt nur still den Kopf. Aus Brand- und Stechschmerz ist anhaltendes Milchsäurefiepen geworden. Könnte sein, dass die Muskelfetzen in den Oberschenkeln doch wieder zusammenwachsen. Alter Mann im Eimer. Verdammter Sport.

Bislang dachte ich immer, dass die schlimmste Zeit im Leben eines Ausdauersportlers zwischen der 18. und 72. Stunde nach dem Marathon liegt. Aber es geht ärger. Am Tag nach Crossfit . Gäbe es Pobacken-Implantate - ich würde an einem Austauschprogramm teilnehmen. Ich bin kein Navy Seal, und will auch keiner werden. Warum dann diese Quälerei? Weil Triathletinnen im Knackigkeitswahn meinen krankhaften Ehrgeiz provozierten.

Es war einfach Leichtsinn, diesen jungen mageren Hüpfern zeigen zu wollen, wo der Elch die Schaufel hat. Das Medizinball-Wuchten ging gerade noch, die Gewichts-Jonglage trieb mich in den roten Bereich, die Sprünge auf den Kasten bedeuteten präletale Übersäuerung, die Burpies Armageddon.

Crossfit ist behämmert genug, um sich umgehend als Trendsport zu etablieren. Wichtig ist eine hammercoole Industrie-Etage, deren Innendesigner sich irre viel Mühe gegeben hat, die Location nicht hammercool aussehen zu lassen. Unterernährte Fachkräfte stieren angstvoll bis hammercool auf Eisengeräte, die überall herumliegen. Reckstangen für alle, Trauma des Schulsports. Motto: kein Ingwer, kein Wellness, kein Scheiß. Wer nach 20 Minuten keine Nahtoderfahrung erlebte, hat nicht ordentlich trainiert. Endlich mal eine passable Antwort auf Yoga und Pilates.

Wo Schmerz ist, ist noch Leben

Heute ist Partner-Training, "amrap", wie der Profi sagt: as many rounds as possible. Zum Kennenlernen erstmals lässiger Griff zur Kugelhantel. Aber das Scheißding ist festgeklebt. Doch nicht, wiegt aber immobile 32 Pfund. Also erstmal den kleineren Ball. Lieber hinten raus Gas geben. Einer reißt die Eisenkugel aus der tiefen Kniebeuge ans Kinn so oft er kann. Bei Kollaps übernimmt der andere. Drei Minuten lang. Fliegender Wechsel zum nächsten Gerät.

Der Trainer ist vermuskelt wie der junge Arnold, inklusive dezenter Föhnfrisur und niedlicher Zahnlücke. Wo er wohl seinen Schimmel parkt? Schweiß fließt nicht, sondern spritzt aus den Poren. Rummsbumms-Mucke dröhnt, dagegen klingt des Freiherrn AC/DC wie eine fränkische Trachtenkapelle. Abzüglich Auf- und Abwärmen dauert die Einheit 2 x 4 x 3 = 24 Minuten, wovon der Partner ja auch noch die Hälfte erledigt. Angeber notieren die Zahl ihrer Wiederholungen mit Kreide auf dem Boden. Trotz fortgesetzten Schönrechnens sind wir mit Abstand letzte. Es gibt zwölf Minuten, die nie vergehen.

Einsteigen ins Auto geht noch, Aussteigen kaum noch. Mit den Schneidezähnen die Stufen hochziehen, dabei Treppenlift-Prospekt blättern. Goldene Crossfit-Regel: Wo Schmerz ist, ist noch Leben. Nächste Woche wieder. Aber dann mit den großen Gewichten.

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