Achilles' Verse: "Nipple confusion" - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse "Nipple confusion"

Saisonabschluss im Mittelmeer: Wunderläufer Achim Achilles zieht es auf Deutschlands liebste Insel - Mallorca! Bei westfälischem Traumwetter trifft er auf Hochintelligenz, schwerbepackte Walker und einen Fachmann in Sachen Glück.
Achim Achilles und Jürgen Drews: Medaillenvergleich beim Mallorca-Marathon 2008
Achim Achilles und Jürgen Drews: Medaillenvergleich beim Mallorca-Marathon 2008

Achim Achilles und Jürgen Drews: Medaillenvergleich beim Mallorca-Marathon 2008

Foto: Ralf Graner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Quälende Frage: Wie schließen wir die Saison ab? Halbmarathon um den Müggelsee oder zehn Kilometer Sprint auf Malle? Die Anfahrt dauert etwa gleich lang, gut zwei Stunden, und die Zahl der Bekannten im Starterfeld ist nahezu identisch.

Entscheidender Punkt für Mallorca: Hier laufen weniger verbissene Ostdeutsche als am Müggelsee, es herrscht deutlich weniger Leistungsdruck. Für Wessi-Weicheier ist die Insel demnach die bessere Wahl .

Hier startet die deutsche Hochintelligenz: Mickie Krause ("zehn nackte Frisösen") , Peter Wackel ("Hände hoch, die Hose runter"), Inselkönig Jürgen Drews ("Kornfeldbett") und erstmals Dr. Eckart von Hirschhausen, der in der Vorbereitung allerdings die Zeitbudgets für Pastaparty und lange Läufe verwechselt  hatte.

Was zudem für die Insel des Irrsinns spricht: Der Insellauf ist frei von afrikanischen Mietraketen, die mit ihren Fabelzeiten vor allem schlechte Laune im Feld der breiten Sportler erzeugen. Stattdessen wetzen die Besten der Balearen um die Wette und freuen sich über Marathon-Zeiten unter drei Stunden. Horden von Walkern mit zentnerschweren Rucksäcken sorgen derweil für Amüsement. 8000 Starter können nicht irren - es lebe der ambitionierte Volkslauf auf mediterranem Boulevard.

Wie war Jürgen Drews?

Der ambitionierte Lauf-Senior hörte diesmal auf die mahnenden Worte von Gattin Ramona und machte tatsächlich nach zehn Kilometern Schluss. Unzählige Autogrammwünsche auf der Strecke verhinderten abermals den Sieg des Malle-Heesters in der Methusalem-Klasse. Im vergangenen Jahr hatte er sich noch über die doppelte Distanz gequält, in Skisocken, weil irgendwer ihm verraten hatte, dass Kniestrümpfe gut fürs Tempo sind . Leider hatte der Barde nicht mitbekommen, dass es sich um Kompressionsstrümpfe handeln muss und nicht um flauschige Fleecesocken, eher mit dem Hüttenschuh verwandt als mit Sportgerät.

Überlebte Novize Hirschhausen?

Deutschlands bekanntester Arzt hatte die wichtigste Regel jedes Laufwettbewerbes sofort begriffen: Immer eine gute Ausrede parat haben. Hirschhausen drehte unterwegs ein paar Handy-Filmchen , womit er im Ziel eine prima Begründung hatte, warum er über die zehn Kilometer knapp über einer Stunde geblieben war. "Ohne Filme hätte ich's unter 60 Minuten geschafft", erklärte der Glücks-Experte, der gut gelaunt wie kaum ein anderer Teilnehmer durchs Ziel wetzte. Gut möglich, dass Hirschhausen künftig häufiger meldet. Wieder einer angefixt, der noch viel Potential hat.

Weitere beliebte Ausreden

Gern genommen wurden auch Wind, Niesel, glattes Geläuf, wenig Zuschauer. Der Spanier schläft halt morgens um zehn, weil er erst vier Stunden zuvor aus der Disco nach Hause gekommen ist. In Wirklichkeit aber waren die Bedingungen ideal, zumindest für Westfalen. Gestartet wurde im Schatten einer großen Kirche bei etwa 16 Grad, einsetzendem Landregen und zartem Gegenwind - Herbst in Palma ist eben wie Hochsommer in Münster.

Irgendeine persönliche Erkenntnis?

Manchmal haben Trainer ja doch recht. Jahrelang schwor Achilles auf die Taktik, nach dem Start so schnell wie möglich ein Zeitpolster zu erlaufen, um sich mit letzter Kraft über die letzten beiden Drittel zu quälen. Diesmal endlich der Anweisung von Klemmbrett-Karraß gefolgt: verhalten loslaufen und auf der zweiten Hälfte Dampf machen. Bestzeit. Bisweilen scheint an dem Trainer-Gerede was dran zu sein.

Die beste Geschichte am Rande

Urs Weber von "Runners World" berichtete, wie er unlängst eine Hochleistungs-Pulsuhr kalibrieren wollte. Nach 18-mal 1000 Metern auf der Laufbahn und mehreren Anrufen beim Hersteller stellte sich heraus, dass die Uhr gar nicht zu kalibrieren war, denn der Hersteller hatte in seiner vielseitigen Bedienungsanleitung leider völlig falsche Anweisungen gegeben. Fazit: Mist-Uhr, aber immerhin hat sie ein paar wertvolle Trainingseinheiten erzwungen.

Die Trophäe des Sonntags

Laufsau Marc Bischof brauchte keine Ausreden , denn er erreichte sein hochgestecktes Ziel: Beim Halbmarathon blieb der sympathische Laufliterat unter zwei Stunden und gewann damit zwei Flaschen Rotwein. Eindrucksvoller Leidensbeweis: Zwei blutig rote Punkte auf dem einst blütenweißen Laufhemd. Hirschhausens Diagnose: "Nipple confusion."