Achilles' Verse Plemplem, aber cool
Neulich war ich in München. Dienstlich. Wer fährt schon freiwillig zu den Bazis? Höchstens, um im "Augustiner" einen frischen "Edelstoff" zu lenzen oder zwei. Und Schweinsbraten, mit fettunterfütterter Knackekruste. Und Knödel. Und Soße. Und runterspülen mit drei, vier weiteren "Edelstoff".
Aber übergewichtige Läufer dürfen kein Bier. Erst recht keine Knackekruste. Laufen statt saufen, im Englischen Garten. Zeig' mir deine Läufer und ich sag' dir deine Postleitzahl. In München gibt es nur zwei Sorten laufende Männer. Die einen haben blondierte Haare mit aufgestelltem Mittelstreifen, sind ausgesprochen mager, tragen langärmelige T-Shirts mit krypto-amerikanischen Texten und werfen beim Laufen die Hacken etwas übertrieben nach hinten. Sie grüßen überschwänglich, mit Handwedeln oder Quietschgeräuschen, so als ob der Bussi-Bussi-Bedarf durch keinen Schweißfilm der Welt zu bremsen sei. Diese Zärtlinge werden noch auf Beckham machen, wenn der schon aussieht wie Dennis Thatcher.
Die andere Sorte Münchner Mann sieht aus wie Markus Söder. Läuft breitbeinig und breitschultrig, als steckten Rasierklingen in Hemd und Hose. Zeigt schwarz behaarte Waden mit dem Umfang von Sven Hannawalds Taille. Brüllen ungefragt ein furchterregendes "Servasss!" Der ortsfremde Läufer ist geneigt, sich untertänigst zu bedanken, dass Ihre Durchlaucht ihm die Ehre gewährt, auf den freibleibenden 30 Zentimetern des Weges seiner breitensportlichen Betätigung nachzugehen.
Münchner Frauen sind wie Münchner Männer: höchst seltsam. Sehen alle aus, als stammten sie aus dem Genpool von Uschi Glas. Wenn sie im Sommer auf dem Rasen liegen, muss man an Opis lederne Aktentasche denken. Erst vergangene Woche sind sie dem Sarkophag in der Cheops-Pyramide entflohen. Machen kleine zarte Tupfschrittchen, damit der Kitt nicht vom Leder bröckelt. Münchner Frauen sind die paradoxesten von allen Läufern. Weil sie schreckliche Angst davor haben, dass ihnen kalt wird, tragen sie Westen aus Daunenwürsten. Weil ihnen darin aber sehr schnell warm wird, können sie gar nicht richtig laufen. Und deswegen wird ihnen dann kalt.
Der Hamburger Läufer ist ganz anders. Als ich voriges Jahr eine Runde um die Alster drehte, machte ich nur dreimal den vorsichtigen Versuch, einen Sportskameraden zu grüßen, hanseatisch zurückhaltend durch kurzes Abspreizen des kleinen Fingers. Vergeblich. Der Hamburger Läufer leidet am Röntgenblick. Er guckt durch andere einfach hindurch. Blickt ernst, amtlich, ein wenig genervt. Muss Kilometer machen. Todernste Sache. Vielleicht liegt es auch an der psychedelischen Wirkung der Abgase. In keiner anderen deutschen Stadt führt die beliebteste Joggingstrecke vor allem an sechsspurigen Straßen entlang.
Dafür sind die Frauen an der Alster nicht so mager. Aber schlechter frisiert. Und tragen Schals im Juni. Oder einen Trainingsanzug von Adidas. Dann sind es Hockey-Spielerinnen. Vor allem, wenn sie gedrungen sind. Arme wie Keulen, Beine wie Säulen. Hamburger sind elende Pflichtmenschen. Die laufen einfach nur so, ohne jeden ideologischen Überbau. Vielleicht sind sie deswegen auch so langsam. Da fehlt einfach die Freude am Hass auf den Gegner.
Ich mag meine Berliner Läufer. Die sind jedenfalls durchgehend bekloppt. Neulich erzählte Klaus Heinrich von seiner Trainingsrunde im Volkspark Friedrichshain. Auf einmal hörte er ein Stampfen hinter sich, so dröhnend, als ob Helmut Kohl das Joggen entdeckt hätte.
Es war aber nur ein Punk, in den schwersten Stiefeln, die Doc Martens im Sortiment hat, dazu Ledermantel und ein Pfund rostfreier Stahlringe, die im Gesicht klimperten wie diese Windspiele. Unklar, ob es sich nun um Sport handelte oder ob der junge Mann zu seinem Praktikantenjob in irgendeiner Werbeagentur hetzte. Wo sonst gibt es noch Punks als im Frisör- und Reklamegeschäft?
Bei Berliner Läuferinnen sieht man die Frisur zum Glück selten. Neulich an der Hasenheide habe ich eine Frau mit Kopftuch laufen sehen. Vielleicht war es Susanne Osthoff. Berliner Läufer sind jedenfalls die coolsten von allen Großstadt-Joggern. Sie sehen nur selten aus wie Markus Söder, dafür leider manchmal wie Friedrich Merz, was daran liegt, dass es wirklich Friedrich Merz ist.
Der großgewachsene Christdemokrat läuft nämlich auch, wenn er nicht gerade große Firmen berät, wie man Steuern vermeidet in Deutschland. Aber Merz zählt nicht als Großstadtläufer. Der kommt aus dem Hochsauerland, Brilon. Wie man da wohl läuft? Gar nicht. Die Evolution hat einen Bogen ums Sauerland gemacht. Da wird noch aufrechtes Gehen geübt. Alles weitere auf der Homepage der "Sauerland Walkers".