Achilles' Verse Pumpen, bis die Polizei kommt
Kraftübung Liegestütz: Stöhnen mit der Wucht einer Elefanten-Flatulenz
Foto: A9999 Db British Military Fitness LtD/ dpaHeute ist es mal wieder soweit. Soll ich gleich morgens? Oder doch erst mitten in der Nacht? Wehtun wird es allemal, schon wegen der Nachwirkungen von vorgestern. Meine Arme spüre ich seit einer Woche nicht mehr. Die letzten Tage habe ich immer das gleiche Sweatshirt getragen. Heben der Arme ist unmöglich, selbst der Fahrradlenker erweist sich als unhaltbar. Dafür ist mein Muskelzuwachs rekordverdächtig, auch wenn er sich in Zentimetern noch nicht so ganz exakt dokumentieren lässt.
Immerhin: Ich habe mich in den ersten drei Trainingstagen auf über 50 Liegestütze in zehn Minuten hochgearbeitet, verteilt auf fünf Sätze mit je 90 Sekunden Pause. Klingt beeindruckend, ist aber mörderisch. Der Muskelkater fackelt vom Nacken durch den Schultergürtel in die Arme und wieder zurück in den Restkörper. Egal. Ich zieh' das jetzt durch. Außerdem würde mich meine Facebook-Gruppe zum "Weichei des Monats" erklären, wenn ich unter scheinheiligen Ausflüchten aufhörte. Ich bin nicht mal der Schlechteste. Es sind ja auch nur noch fünf Wochen. Dann bin ich Arnie. Oder Matsche.
Es war mal wieder eine dieser borderlinigen Internet-Aktionen. Diesmal: "In 6 Wochen schaffst Du 100 Liegestütz am Stück." Binnen weniger Stunden hatten sich 70 flüchtige Internet-Bekanntschaften gegenseitig geschworen, das Programm gemeinsam durchzuhecheln. Wahrscheinlich bin ich der einzige, der die Übungen wirklich absolviert. Alle anderen liegen mit Caipirinha in der Hängematte mit ihrem W-Lan-Netbbok auf den Knien und beömmeln sich über diesen Achim-Trottel, der tatsächlich glaubt, die Mitmacher solcher Gruppen erledigten artig ihr Training.
Liegestütze führen zu wilden Strandbad-Phantasien
Ich tu's. Bierfassgrosse Oberarmmuskeln sind schließlich eine verlockende Aussicht. Obenrum ist praktisch jeder Läufer ausbaufähig. Im Strandbad, in Sichtweite des Fritten-Standes, könnte ich in diesem Sommer beiläufig ein Viertelstündchen vor mich hin pumpen. Vielleicht ein kluges Buch dabei lesen, ganz so, als ob nichts dabei wäre, mal eben 100 Liegestütze zu absolvieren. Nur eine kleine Lockerungseinheit für zwischendurch, selbstverständlich wie Nasebohren. Die T-Shirt-Ärmel werde ich mit beherzten Schnitten öffnen müssen, wegen der immensen Kraftpakete. Mona würde im Sommerkleidchen dekorativ auf einem Bizeps hocken, am anderen hätten die Kinder eine Schaukel aufgehängt.
In meiner seit Jahren konstanten Leichtgläubigkeit hatte ich auch diesmal wieder auf ein Wunder, eine Abkürzung, einen Trick, irgendeine Art der Erleichterung gehofft. Aber das Trainingsprogramm erweist sich als exakt genauso stumpf wie eine Marathonvorbereitung. Jeden zweiten Tag wird geliegestützt, jedes Mal mehr, am Ende soweit die Ärmchen tragen. Schlauerweise hatte ich beim Eingangstest meinen Ehrgeiz gezügelt und war nach acht, na gut: sechs echten und sieben, vielleicht auch nur vier eher hingehudelten Wiederholungen in einer mittelstarken Startgruppe untergeschlüpft.
Das Programm ist dennoch unmenschlich. Spätestens wenn die Nase zum dritten Mal in Bodennähe kommt, entweicht meinem hochroten Schädel ein Stöhnen mit der Wucht einer Elefanten-Flatulenz. Beim ersten Mal stürzte Mona noch ins Zimmer. Ihr besorgter Blick ging umgehend in breites Grinsen über. Offenbar teilte sie meine Strandbad-Phantasien nicht ganz. Vielleicht hätte ich in der ersten Woche auch mehr anziehen sollen als meine rote Wettkampfbadehose. Immerhin hatte ich ein Handtuch über den Spiegel gehängt, um keine allzu hässlichen Bilder für den Rest meines Lebens ins Gedächtnis zu brennen. Gefühlt sah ich ziemlich athletisch aus. Und meine Geräusche sprachen allemal dafür.
Netterweise verließ meine Frau das Schlachtfeld rasch wieder ohne dumme Fragen. Partner von ambitionierten Freizeitsportlern sind bizarre Auftritte gewohnt. Die Nachbarn weniger. Das Pochen unter mir stammte zweifelsfrei von einem Besenstiel, der im unteren Stockwerk an die Decke gestoßen wurde. Außerdem war es keine gute Idee, das Fenster offen stehen zu lassen. Im Innenhof wird das leiseste Alltagsgeräusch durch vielfaches Echo zu einem Orkan verstärkt, der noch Minuten später die Hauswände auf und ab tost.
Hauswart Meier hat bestimmt schon die Polizei gerufen. Die Cops wiederum werden die Feuerwehr alarmieren. In wenigen Minuten würden Männer mit Knarren und Bolzenschneidern unsere Wohnung stürmen, weil sie einen Fall grober Männermisshandlung vermuteten. Dabei mache ich doch nur Liegestütz. Und es fehlen nur noch 87.