Achilles' Verse: Radikaler Rotzlöffel - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Radikaler Rotzlöffel

Achim Achilles will raus. In die Natur. Rennen, trainieren. Für den Marathon. Aber das Einzige, was bei bei unserem Wunderathleten läuft, ist die Klospülung. Ständig muss er aufs gar nicht stille Örtchen. Ein Kleinkind ist schuld. Ein missratenes, findet Achim.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich sollte man Kinder nicht schlagen, kleine schon gar nicht. Außer Bruno. Bruno ist ein gutes Jahr alt, aber schon voll ausgebildeter Attentäter. Sein letzter Anschlag traf einen Läufer, der im entbehrungsreichen Marathon-Training darbt - mich. Bruno wohnt in Berlin-Mitte, dort, wo seit Jahren kein Berliner mehr wohnt. Die Ureinwohner können sich die luxusrenovierten Altbauten nicht leisten. Und die, die es könnten, die wollen nicht.

Mitte ist da, wo früher die Mauer stand. Jetzt ist der Streifen zwischen Ost- und Westberlinern noch breiter, dank all der Bielefelder, Essener, Mannheimer und Niederrheiner, die sich eingenistet haben und Metropole spielen. Sie arbeiten in Agenturen, die Kampagnen machen, damit die Leute nicht mehr politik- und konsumverdrossen sind. Eines Tages werden sie feststellen, dass die Leute vor allem kampagnenverdrossen sind.

Der Briefträger von Mitte kündigt, wenn der neue Manufactum-Katalog kommt. Hier kriegt jeder einen. Vor drei Jahren musste ein Postbote von der Feuerwehr aus einem Stapel Manufactum-Kataloge geschweißt werden. Die Klappskallis aus Mitte würden bei Manufactum sogar Walking-Stöcke aus Plantagen-Teak kaufen. Bruno ist das Kind zur Generation Manufactum, umgeben von Holz, Dinkel, Acerola und brutalstmöglichem Verständnis. Jede Minute bekommt Bruno eine total phantasievolle Geschichte erzählt, warum irgendwas gut ist fürs Bauchilein, fürs Seelilein, für Tante Yin und Onkel Yang. Nur das Wort "Nein" hat der Bengel noch nie gehört.

Mona wollte vor ihrer Entbindung unbedingt noch mal ihre Freundin Dörte sehen. Dörte ist mit Dschochar verheiratet, einem total einfühlsamen Inguschen. Früher bestellten sich die Männer mandeläugige Damen. Heute halten sich die Frauen Exoten. "Dealer?", fragte ich erwartungsfroh. Vielleicht konnte Dschochar mit seinen Osteuropa-Connections Epo besorgen. "Öko-Bäcker", entgegnete die Gattin mit Giftblick, der sofortiges völkerverständigendes Mildgrinsen befahl.

Auf dem Tisch stand das von kasachischen Hirtentöpfern gewirkte Geschirr aus Ökolehm um zwei graubraune Klumpen herum, die bis zur Garderobe staubten. Dazwischen lagen verschrumpelte Kastanien. Wenn die Klumpen der Kuchen waren, dann würde aus den Kastanien nach alter Schamanentechnik Kaffeepulver gemahlen. Oder wir essen die Kastanien, weil die Staubklumpen Befreiungstee sind, ohne Beutel. Trübe Aussichten, wenn man am Vormittag 20 zügige Kilometer absolviert hat und seine Frau nur deswegen zu Kaffeeklatschen begleitet, weil man auf feiste Schwarzwälderkirsch hofft. Sacher, Eierpunsch, Frankfurter Kranz - wo sind all die Torten hin? Bei den Maikäfern?

Während die Damen kiekserbegleitete Höflichkeiten über ihre groben Wollpullover tauschen, brüllt Dschochar: "Bruno!". Der Rotzlöffel hängt mit beiden Händen in der Leinendecke aus der letzten Familienweberei im Thüringer Wald, die Lehmtassen schwanken bedrohlich. Dschochar nimmt das Kind und lacht. Bruno versteht: Tischdeckereißen finden die Erwachsenen lustig. Stracks robbt er zurück zum Tisch. "Bruno war krank", erklärt Dörte. "Ein gemeines Virus. Alles kam raus. Überall." Mehr Details, bitte. "Jetzt ist er nicht mehr toxisch", beruhigt Dörte: "Wir haben ihm ein ganz tolles homöopathisches Mittel gegeben." Bruno rülpst. Mona streichelt ihren Acht-Monats-Bauch.

Die Staubklumpen erweisen sich als Kuchen. Bruno will mich mit Staubkuchen füttern und steckt mir seine Finger in den Mund. "Wie süß", sagen die anderen. Ich muss husten. Zum Glück bleiben wir nicht lange, weil Dörte zum Pilates-Training will. Ich habe nächsten Morgen meinen langen Lauf, da will ich ohnehin früh ins Bett. Die Nachtruhe dauert exakt bis 2:14 Uhr.

Nur dank meiner Grundschnelligkeit schaffe ich es ins Bad. Brunos Virus hat mich voll erwischt. Keine sieben Stunden mehr bis zum Lauftraining. Noch auf dem Weg zurück ins Bett drehte ich um. Faszinierend, welche Flüssigkeitsmengen ein menschlicher Körper speichert. Überall.

Um 8:45 Uhr schleppe ich mich die Treppe hinab. Beine wie Quark. Schüttelfrost. Nur ein Gedanke: "Backpfeifen für Bruno!" Klemmbrett-Karraß fängt mich auf, als ich aus dem Auto kippe. "Bist Du Dir sicher, dass Du heute drei Stunden laufen willst, Achim?", fragt er. Ich nicke. Lieber tot als Trainingschwänzen. Der erste Kilometer führt durch Kleingärten, immer an Zäunen entlang, die buschfreieste Zone der ganzen Stadt. Hechtsprung hinter den ersten Baum. Brunos Virus hat mich im Würgegriff. Ich krieche zurück zum Auto. Mein wertvoller Laufsonntag, ruiniert von einem missratenen Kleinkind.

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