Achilles' Verse Schinder mit Herz
Mit dem Auto zum Laufen zu fahren ist eigentlich Unsinn. Es wäre trainingstechnisch klüger, locker dorthin zu traben und hinterher zurück nach Haus. Nachbar Roland hatte gesehen, dass ich in Laufklamotten ins Auto stieg. "Coole Tarnung für 'nen Kneipenbesuch", hatte er über die ganze Straße gebölkt. Ich schwieg anklagend. Was hätte ich antworten sollen? Dass ich zur "Laufgruppe" fahre? Geht gar nicht. Klingt wie "Männergruppe", mit Handarbeiten und Heulen. "Speedrun-Event" hätte ich sagen sollen. Klingt kompetent, auch wenn es gelogen ist. Das macht bei Roland nichts, er ist Werber.
Lied 13 vom Soundtrack aus "Fluch der Karibik" volle Pulle. Danach "Lolas Theme" von den Shapeshifters. Mit etwas Glück würde ich noch "Whole lotta Rosie" von AC/DC schaffen, live. Paradenummer an der Luftgitarre. Was die Beine nicht können, muss Musik machen. Mich zu Höchstleistungen treiben. Furcht ergriff meinen funktionsfaserumschmeichelten Körper.
Wie soll man gucken, wenn man zum ersten Mal seine künftigen Sportsfreunde trifft, von denen man leider nicht weiß, ob man überhaupt Freund sein will? Vielleicht nur Venice-Beach-Elsen, die unablässig kichernd an ihren Klamotten zupfen. Oder Superexperten, die Analysen zur minimalinvasiven, lasergestützten Meniskuskorrektur absondern oder über den Unterschied zwischen "soft shell" und "light fleece" philosophieren. Alle würden sich wortlos auf die Schuhe gucken. Schneeweiße Sohlen heißt: frisch vom Händler - Blender. Wer leberwurstgraue Pilzpantinen mit zwei Pfund Dreck trägt, ist ein Streber. Ich brauchte so lange zum Anziehen wie Mona, also ewig. Sollte ich gleich meine edelsten Klamotten anlegen?
Alle würden mich für einen Snob halten oder Wunderdinge erwarten. Lieber den verführerisch auf Taille geschnittenen Windstopper in Reserve behalten. Besser die pelzige Altklamotte, die nach ehrlicher Laufarbeit aussieht. Ein Profi-Accessoire musste aber sein, eines, das mich als Fortgeschrittenen auswies, zum Beispiel die einfache schwarze, gleichwohl unerklärlich kostspielige Asics-Socke. Pulsuhr oder nicht? Ja, aber diskret unterm Ärmel.
Ich bin superpünktlich, höchstens drei Minuten drüber. Im Halbdunkel der Stadiontreppe steppen sieben, acht Gestalten von einem Fuß auf den anderen. Sie starren auf einen jugendlichen Kerl, der mit Zetteln hantiert: Jens Karraß, Lauftrainer, 1991 Deutscher Meister und 4. der Weltjahresbestenliste. Für 10.000 Meter brauchte er so lange wie ich für fünf Kilometer: 27 Minuten und 53 Sekunden. "Du musst der Achim sein", sagt er und reicht mir seine Sportlerpranke. "Dann sind wir komplett. Wir fangen übrigens immer sehr pünktlich an." Geht ja gut los. Ich bin nicht "der" Achim, sondern Achim, Blödmann. Bin ich hier bei der Bundeswehr?
"Wir laufen uns ein", befiehlt der Jens. Ich will meine Verspätung kompensieren und setze mich an die Spitze, Achim, die Lok. In Sekunden ist der Jens an meiner Seite. "Ganz ruhig, Achim", sagt er mit jener milden Strenge, die das Pflegepersonal in der Geschlossenen auszeichnet. "Einlaufen bedeutet, die Muskeln und Knochen und Gelenke behutsam aufwärmen, den Alltag abschütteln", singsangt er. Schon gut, Bhagwan. Achim, die Lok, nimmt Dampf raus. "Austoben könnt ihr euch gleich noch", sagt der Jens. Schweigetrab. Am Atem meine ich eine Lehrerin (kontrolliert), einen Versicherungsvertreter (hechelnd), einen Beamten (flach) und eine mittelalte Singlefrau (hektisch) herauszuhören. Die Luft ist bitter vor Angstschweiß.
Zurück im Stadion. Vier Frauen, vier Männer und ich, zwischen Anfang 30 und Ende 50. Sehen so normal aus, wie Läufer es vermögen. Wir kreisen die Hüften, hoppeln wie betagte Kängurus über den Rasen. Mir tut alles weh. "Und jetzt jeder 1000 Meter auf Zeit", sagt der Schinder lächelnd. "Ich muss doch wissen, wo ihr steht." Ich nähere mich ihm unauffällig. "Also, ääh, ich habe da so eine Sache im Knie und außerdem eine Verhärtung im Oberschenkel und mein Magen ist auch so ..." Der Meister guckt ernst. "Macht einfach so schnell, wie ihr könnt", ruft er. Alle gucken mich interessiert an. Verdammt. Das war nicht die Antwort, die ich wollte.
Ein Kilometer kann verdammt lang werden, wenn man zu schnell anfängt und acht Kilogramm zu viel auf den Rippen hat. Die gute Nachricht: Ich bin nicht Letzter geworden. Die schlechte: Der Sieger war eine Minute schneller als ich. Wer 1000 Meter unter vier Minuten läuft, ist suspekt. Charakterliche Defizite, garantiert. Ich werde das Angeberschwein im Auge behalten.