Achilles' Verse: "Schneller, schleimige Schnecke!" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse "Schneller, schleimige Schnecke!"

Null Lust: Der Berlin-Marathon steht an, doch Achim Achilles kann sich nur schwer zum Training aufraffen. Zudem will er sich nicht mit Tiernamen beschimpfen lassen und hat Angst, bei einem Last-Minute-Start die Ziellinie nur im Leichenwagen zu überqueren.
Schnecke: Beschimpfung mit Tiernamen zur Leistungssteigerung
Schnecke: Beschimpfung mit Tiernamen zur Leistungssteigerung

Schnecke: Beschimpfung mit Tiernamen zur Leistungssteigerung

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Blöder Marathon. Mir doch egal. Null Lust, in der Vorbereitung jeden Sonntag auf dem Zahnfleisch noch eine Runde um den See zu kriechen oder einsame Krämpfe im Wald durchzustehen. Kostenlose Trainingspläne  sind ja eine prima Sache - man muss sie nur auch befolgen. Aber ich hatte wirklich keine Zeit für den ganzen Trainingsquatsch, schon gar nicht mit Mona und den Kindern im Nacken. Immer war irgendwas: Grillen, Rasenmähen, Sportschau. Marathon hatte ich ja auch schon vor ein paar Jahren: Alpträume von weglaufenden Käsebrötchen bei Kilometer 37, alberne Glückstränen im Ziel. Und trotzdem diese verdammten paar Sekunden über vier Stunden, die mich bis heute fertig machen.

Andererseits nagender Neid: Die Strecke läuft praktisch vor unserer Tür entlang. Alle rennen. Nur ich bin nicht dabei. Wie fühlt sich das an, wenn ich zwölf Kilometer ganz allein durch den Grunewald wackele, weil alle anderen richtig laufen, in der City? Alle quälen sich und ich gucke zu. Das ist unsportlich. Aber so bin ich nun mal.

Soll ich mich vielleicht doch noch ? Die ersten 25 Kilometer würde ich halbwegs durchstehen. Dann kommen aber noch 17. Und walken ist würdelos. Wenn Elton schon den New-York-Marathon ohne viel Vorbereitung übersteht - warum soll ich nicht einen Last-Minute-Start in Berlin überleben? Andererseits: Kann Elton ein Maßstab sein? Und für was? Ich könnte Mona bitten, mit dem Rad nebenher zu fahren und mich mit Tiernamen zu beschimpfen. "Los, lahmer Lurch", könnte sie in ein Megaphon brüllen, oder "Schneller, schleimige Schnecke" oder "Wir sind hier doch nicht Zuhause, du Schlappschwanz".

Mit einem Bund Möhren in der Hose durch ein Ziegengehege

Die Zuschauer würden sich köstlich amüsieren. Und ich würde laufen, nur um der peinlichen Lage zu entfliehen. Dann besser gleich zwei kaukasische Fachkräfte anheuern, die sich mit ausgebeulten Sakkos in gemessenem Abstand hinter mir her bewegen. Nackte Angst soll ja psychologisch ungemein schieben, weil sie verborgene Kräfte mobilisiert. Und das sind schließlich die einzigen Kräfte, die untalentierte Freizeitläufer überhaupt haben.

Zur Abwechslung könnte ich natürlich auch mal trainieren, ab sofort zweimal täglich, und noch drei lange Läufe machen, mindestens zweieinhalb Stunden lang. Oder brutale Tempoeinheiten, nur aus Furcht und Flucht gespeist. Ich könnte mir ein Bund Möhren in die Laufhose stecken und im Ziegengehege rennen. Ein Schnitzel an die Wade tackern und die beiden missratenen Pitbulls von nebenan zum Waldspaziergang bitten. Mich an den letzten Wagen der S-Bahn ketten - aber die fährt ja gar nicht.

Doch Klemmbrett-Karraß winkt ab. "Macht nur müde", sagt der Trainer der Herzen. Also doch lieber die Psycho-Nummer. Akupunktur, rät Mona, oder Hypnose. Die CD von Andreas Gast  entspannt immerhin schon mal. Leider schlafe ich meistens ein. Vielleicht sollte ich selbst mal einen kleinen Marathon-Cocktail anrühren: Wenn ich alle alten Hustensäfte, Espressopulver und Aspirin verrühre, mit Goldkrone aufgieße und wegen der Vitamine noch eine Kiwi-Scheibe auf den Glasrand drapiere, dann merke ich definitiv unterwegs nichts.

Gibt es eine Wertung für die Verstorbenen?

Andererseits würde ich nur ungern im Leichenwagen durchs Ziel fahren. Frage: Was passiert, wenn der Tote noch den Chip am Schuh hat? Wird die Zeit dann trotzdem gemessen? Bekommt man ein kleines schwarzes Kreuz in der Ergebnisliste? Und vor allem: Gibt es eine Wertung für die Verstorbenen? Ich könnte schnellster Toter in der Altersklasse M45 werden, wenn die Sanitäter nicht trödeln.

Es gibt allemal geringere Gründe für einen Suizid. Es hat keinen Zweck; dieser Berlin-Marathon wird einmal mehr ohne mich laufen. Zur psychischen Bewältigung werde mich in Nostalgie suhlen und alle Finisher-Shirts übereinander ziehen, die ich je gewonnen habe . Das ist wie Marathon - nicht schön, aber auch was Besonderes. Und nächstes Mal lauf' ich dann einfach wieder mit.

Jede Menge Infos, Tipps und Spaß rund um den Berlin-Marathon gibt es im großen Achilles-Spezial .