Achilles' Verse: Stärker als die Liebe - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Stärker als die Liebe

Wenn Läufer zu unförmigen Wurstwesen mutieren und die Gelenke knarzen, muss Winter sein. Achim Achilles freut sich über das Training in Deutsch-Sibirien: Bei gefühlten minus 79 Grad glaubt seine frostbeulige Frau endlich mal einen harten Kerl an ihrer Seite. Was für ein Fehler.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Angsterfüllt starrte meine Frau mich an. "Du, du..." - weiter kam sie nicht. Nach all den Jahren hatte Mona erstmals wieder diesen Bambi-Mama-Blick aufgesetzt, voller Sorge und Panik. Ich legte meine behandschuhte Hand auf ihre bebende Schulter, drückte das Kreuz trotz des widerwärtigen Stabilisationstrainings vom Vorabend durch und sagte sanft: "Es muss sein, Darling. Der Plan will es."

Meine Frau schluchzte in meine türkise Fleece-Jacke, die mit der wasserdichten Kajak-Hose zusammen nicht gerade einen optischen Triumph abgab. Aber Laufen im Winter  ist nun mal kein Schönheitswettbewerb, sondern eines der letzten Abenteuer für verzärtelte Großstadt-Weicheier.

Meine Frau ahnte: Diese Mission war sogar stärker als die Liebe. Was sie nicht wusste: Der Trainingsplan mit all den lästigen Anweisungen war mir genauso wurscht wie sonst auch. Aber in Tagen des Dauerfrosts ist der Plan plötzlich wertvoll. Ich kann Pflichtbewusstsein und Entschlossenheit demonstrieren, und natürlich Härte. Weil es kalt ist draußen, die Wege hart, die Raubtiere hungrig, fürchtet die frostbeulige Gattin um mein Leben.

Eiszapfen an den Bronchien. Knarzende Gelenke. Schleimwellen in den Nebenhöhlen. Völlig falsch gedacht. Wenn man mal von der Urangst des Mannes absieht, er könnte sich sein stolzestes Körperteil abfrieren, was aber Quatsch ist, da der Gute sich längst ins Körperinnere zurückgezogen hat, dann bietet Laufen in Deutsch-Sibirien so viele Vorteile wie keine andere Übungseinheit des Jahres.

Wie Roald Amundsen am Nordpol

Vorteil 1: die Emotionen. Endlich sorgt sich der Partner mal wieder um einen. Die Vorstellung, dass der einsame Läufer mit verknicktem Fuß mitten im Wald langsam hartfriert, während Krähen ihm die Augen auspicken, hilft einer in die Routine gekommenen Beziehung schlagartig wieder auf, zumindest kurzfristig. Tränenerstickte Sorge vor dem Start, das erleichterte Lächeln bei der Rückkehr - so viele nette Blicke gab's lange nicht. Halten allerdings auch nur bis zum Verlassen der Badewanne.

Vorteil 2: Sozialprestige. Natürlich erzählt Mona überall herum, dass ihr Heldenmann bei gefühlten minus 79 Grad fast zwei Stunden durch den Tiefschnee des Berliner Unterholzes gerobbt ist. Im Kopfkino entstehen Bilder von Roald Amundsen, wie er in Schneeschuhen einen Schlitten voll bibbernder Hunde zum Nordpol zieht, verfolgt von Eisbären. Dass ich mit guten Kumpels locker plaudernd über komfortabel festgetrampelte Waldwege trabe, muss die Gattin ja nicht wissen.

Vorteil 3: kein Mode-Druck. Es ist praktisch unmöglich, in Winterklamotten auch nur einigermaßen sexy auszusehen. Drei Lagen Funktionswäsche verwandeln selbst das drahtigste Kerlchen in ein Knäuel. Mütze, Mundschutz, Nierengurt und Wintertrampelschuhe schaffen Wurstwesen, die ästhetisch bestenfalls zum Komparsen bei Mad Max taugen.

Vorteil 4: Wegen der kalten Luft und der ungewohnten Verpackung ist schnelles Laufen nicht nur unvernünftig, sondern schlichtweg verboten. Wie schön. Ausgerechnet mein Lieblingstempo, der gemäßigte Schlurfschritt, kommt bei Frost zu Ehren. Morgen geh' ich wieder raus.

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