Achilles' Verse: Sudelsuhlen im Schlamm-Land - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Sudelsuhlen im Schlamm-Land

Wieso immer nur Asphalt und planierte Wanderwege? Achim Achilles hat sich querfeldein gewagt, einen Trailrun überlebt. Seine Erkenntnis: Das Ziel bei diesen Wettbewerben ist es, möglichst schnell unter einer geschlossenen Dreckkruste zu verschwinden. Die Belohnung: eine neue Narbe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern ist die letzte Kruste abgefallen. Geblieben sind drei schmucke kleine Streifennarben an einer Stelle, die nur Mona zu Gesicht bekommt. Narben sind die Tattoos des Ausdauersportlers, bleibende Erinnerungen an athletische Heldentaten. Das pfenniggroße Wundmal am linken Knie stammt von einem winterlichen Sturz auf eisglattem Geläuf, die Macke am Schienbein hat eine Radpedale ins Fleisch gerissen. Und jetzt drei parallele Streifen am Hinterteil - als frischestes physisches Mahnmal. Der Schorf geht, es bleibt der Stolz auf einen überlebten Trailrun .

"Trail" ist das englische Wort für Sudelsuhlen. Früher hieß der Sport mal "Querfeldein". Laufen ist Nebensache, dem Trailrunner geht es vielmehr darum, möglichst schnell unter einer geschlossenen Dreckkruste zu verschwinden. Der Trailer leidet unter Asphaltallergie, ordentliche Wege sind ihm unheimlich. Der ums teure Gewand besorgte Normalläufer hüpft auf planierten Wanderwegen um jede Pfütze herum, der Trail-Läufer dagegen nimmt aus Prinzip den schlammigen Abwassergraben nebendran und ist bisweilen nur noch am Periskop zu erkennen, das seine Alleskönner-Uhr ausgefahren hat.

Unerklärliche GPS-Accessoires, noch festere Kompressionswäsche

Vor allem aber neigt der Schlammspringer dazu, sein Treiben quasi-religiös zu verklären: eins mit der Natur und den Elementen, mentale Hammerhärte und immer eine Spur zu laut. Unlängst traf sich die Trail-Sekte in Dortmund, Deutschlands erster Adresse für schlammreiche Gegend. "Worldmasters" stand auf dem Finisher-Shirt, auch wenn man nur fünf Kilometer gelaufen war. Die Cracks absolvierten an drei Tagen immerhin über 60 Kilometer. Da wäre ich wirklich gerne dabei gewesen, aber derlei Strecken passen derzeit so gar nicht in meinen Trainingsplan.

Der Durchschnitt-Jogger ist sprachlos beim ersten Besuch im Trail-Zirkus. Es gibt tatsächlich noch mehr unerklärliche GPS-Accessoires , noch festere Kompressionswäsche, noch klügere Hochleistungsfasern, wenn auch nicht in den Beinen. Ein Trailrunner geht nie ohne Kompass und Trinkrucksack zum Vollkornbrötchenholen. Wichtig dabei das Angeber-T-Shirt, das den Träger als Wüstenrenner, Alpenüberquerer oder Polarkreis-Jogger ausweist. Mit meinem Marathon-Leibchen aus Salzkotten fühlte ich mich deutlich underdressed.

Mal jemand "Blair Witch Project" gesehen?

Fortgeschrittene Trailrenner sind an der Stirnlampe  zu erkennen. Nachtläufe haben den Vorteil, dass man nicht sieht, worauf man ausrutscht. Meine Leihlampe habe ich vor allem elegant als Halskette getragen, weil das Elasto-Band nicht hielt. Andere Anfänger tragen die Funzel über dem Mützenschirm, womit sie ähnlich schlecht leuchten wie die Experten, die den Lichtstrahl zum Himmel gerichtet haben, als wollten sie einem havarierten Airbus die Notlandung erleichtern.

Ein schöner Dortmunder Herbstregen hatte die Strecke verseift. Einzelstart, alle 15 Sekunden wird ein Läufer in die Nacht geschickt. Es ist dunkel. Gibt es hier eigentlich Suchhunde? Mal jemand "Blair Witch Project" gesehen? Was ist, wenn Felix Magath aus Herne West gekommen ist, um sein Borussia-Trauma ausgerechnet heute Nacht an wehrlosen Freizeitläufern abzuarbeiten?

Die ersten paar hundert Meter gehen geradeaus. Es sind die einzigen. Alle paar Meter lauert ein Streckenposten und wirft einen Armee-Scheinwerfer an, der zuverlässig bis zum nächsten Posten blendet. Aufgabe der Helfer: Die Athleten zuverlässig in die nächste Matsche-Pampa zu lotsen. An steilen Stücken stehen zuverlässig Büsche mit Dornen. Ein Festhalten will gut überlegt sein. Alternativ lassen sich die Passagen auch rutschen, wen zehn Tage Schorfhintern nicht stören und die zerfetzte Laufhose.

Fünf Kilometer Trail reichen allemal, um sensationelle Schmuddelfotos  zu machen. Da ohnehin nicht so viele mitmachen, wird jeder Teilnehmer bei der anschließenden Pastaparty mehrfach in Foto und Film auf die Leinwand geworfen und auch die lahmste Ente hysterisch bejubelt. Trailer finden sich ziemlich prima. Deswegen bekommt bei der Siegerehrung auch nahezu jeder Teilnehmer einen Preis. Nur ich wieder nicht. Dafür habe ich eine neue Narbe. Ist doch auch viel schicker.