Achilles' Verse Trainingslager in der Einöde
Kasernengelände in Ostdeutschland: Plötzlich ragt ein Plattenbau aus dem Wald
Foto: dapdLaufen ist wie die Ehe. Nach einer Weile schleichen sich Gewohnheiten ein, Bequemlichkeiten, bisweilen gar ein Hang zur Nachlässigkeit. Routine verdrängt die Glücksmomente. Trainer wie Paar-Therapeuten raten das gleiche: raus aus dem Trott, frische Reize setzen, Neues wagen. Vor allem Prioritäten setzen und erstmal das Laufen renovieren. Neue Schuhe hatte ich mehrfach versucht, kompromittierende Vollgummi-Wäsche auch, und allerlei revolutionäre Übungsmethodiken, am liebsten welche mit langen Pausen. Die Ergebnisse waren niederschmetternd.
Ich war sicher, dass sich die exzellente Form von vor fünf Jahren irgendwo in meinem Körper versteckte. Aber wo? Und wie konnte ich sie herauslocken? "Du brauchst ein Trainingslager", erklärte Klemmbrett-Karraß. Klar, wenn nichts mehr hilft, kommen die alten ostzonalen Schleifersprüche.
Trainingslager - das ist doch so was wellnessartiges mit Liegestühlen, Schirmchengetränken und viel Regeneration. Leider hatte der Trainer ziemlich genau das Gegenteil ausgesucht: eine unwirtliche Sportkaserne in der Einöde Brandenburgs, wo DDR-Athleten schon für die Olympischen Spiele 1972 in München gedrillt wurden. Flucht sinnlos, weil ringsum nichts ist, keine einzige Kneipe. Ich befürchtete das Schlimmste. Doch es kam schlimmer.
Lesen Sie im Folgenden den ersten Teil einer aufwühlenden Trilogie über die Unmenschlichkeit systematischen Lauftrainings.
Navigationssysteme haben ja auch nicht immer Recht. Völlig ausgeschlossen, dass hier irgendwo eine Sportschule liegt. Seit zehn Minuten kein Handy-Empfang mehr. Sind wir überhaupt noch in Deutschland? Da ragt plötzlich ein Plattenbau aus dem Wald, das Fassadengrau exakt auf Walter Ulbrichts Anzugfarbe abgestimmt. Hässliche, praktische Autos mit sächsischen Kennzeichen auf dem Parkplatz. Tapfer sage ich mein Mantra auf, das mich angstfrei durch die nächsten fünf Tage bringen sollte: Ich bin Wessi - und das ist gut so.
Mona hatte mich verabschiedet wie einen Rekruten auf dem Weg zur Front. Wird sie ihren Ernährer, ihre seelische Stütze, ihr Schnuffilein jemals wiedersehen? Unauffällig steckte sie mir eine Tüte Gummibärchen zu.
Immerhin kein Schlafsaal. Im Zimmer , in freundlichem Fichtenfurnier gehalten, kann man sich sogar umdrehen. Orangene Kräuselhaare in der Nasszelle weisen daraufhin, dass vor mir wohl eine bulgarische Kugelstoßerin hier gewohnt hat. Vielleicht sollte ich die kunstfaserne Auslegeware mit dem Stromhalm durchsaugen. Was hier seit 1970 an Illegalem durchgezogen wurde, da wird sich der ein oder andere Krümel doch noch irgendwo im historischen Interieur verbergen. Vorsorglich löse ich mir eine Multivitamintablette auf. Die Gummibärchentüte lege ich aufs Kopfkissen.
Es war keine gute Idee gewesen, am Samstag vor dem Trainingslager ein paar zünftige Bergläufe zu absolvieren. Andererseits: Hätte ich völlig unvorbereitet ins Jogger-Camp fahren sollen? Das "lockere Einlaufen" rund um den See gerät zum irren Wettrennen. Ich sinne vorsorglich über Verletzungen nach, die ich in den kommenden Tagen vortäuschen könnte. Möglichst solche, die das Röntgengerät nicht erkennt.
Abendbrot in der heimeligen Kantine. Gespachtelt wird in Halb-Stunden-Schichten. Vor uns sind die sächsischen Schwimmer dran. Alle nehmen eine Banane mit aufs Zimmer. Früher gab's zum Essen blaue Blitze von Jenapharm, heute empfiehlt der Küchenchef vor allem Variationen in Mett. Sonntagabend ist ja der ideale Zeitpunkt für ungekühlten Hackepeter. Ist es eigentlich Nachhaltigkeit, wenn man Altmett zu Hackbraten formt? Oder eher Ehec-Garantie. Wahrscheinlich gehört es zum Trainingslager-Konzept, nur Speisen anzubieten, die chronisch gereizte Läufermägen garantiert umstülpen. Ich nehme eine Banane mit aufs Zimmer.
Einschlafen mit Monas Gummibärchen im Arm. Drei sind noch übrig. Das "lockere Einlaufen" frisst sich durch die Knochen. In der Dunkelheit heulen hungrige Wölfe. Zweifel, ob die doppelt verschlossene Zimmertür auch sächsischen Schwimmtrainerinnen widersteht. Angst in jeder Zelle. Selbst wenn ich die Nacht überlebe - den nächsten Tag bestimmt nicht.
In Teil 2 der Trainingslager-Trilogie: Gefangen in einem Rudel irrer Läufer.