Achilles' Verse Unendliche Weiten
Am heiligen Abend steckte Karl schon schlechtlaunig seine Lego-Raumstation zusammen und hoffte insgeheim, doch noch irgendwo unter der ökologisch abgeholzten Nordmann-Tanne ein Paket mit Playstation oder Handy zu finden. Mona hatte ihr halbes Dutzend Päckchen Kosmetikkrempel ausgepackt, von kleinen spitzen Schreien begleitet. Endlich war ich an der Reihe. "Da", sagte Mona, "frohe Weihnachten." Sie grinste. Ich schüttelte das Päckchen. Die Größe war perfekt. Das leichte Rumpeln auch. Definitiv nichts zum Anziehen. Immerhin. Könnte also tatsächlich die S625x sein. Sie wissen: der Porsche unter den Pulsuhren.
Ich riss das Päckchen auf. Ein technisches Gerät. "Garmin", stand drauf. Was war das? Warum kannte ich das nicht? Mona hatte ihren Na-los-freu-dich-sofort-ganz-doll-Blick aufgesetzt. "Toll!", sagte ich. "Das ist GPS", sagte Mona. "Toll!", sagte ich, nahm das Ding von der Größe eines Handys aus dem Karton und kramte nach der Gebrauchsanweisung. "Der kann Strecke und Tempo bestimmen - das hast du dir doch so gewünscht", sagte Mona lauernd. "Toll", sagte ich.
Den Rest des Weihnachtsabends verbrachte ich im Garten. Ich hatte das Verlängerungskabel nach draußen gelegt, denn der Garmin brauchte Strom für den Akku. Außerdem musste man ihn justieren, also mit freiem Blick zum Himmel irgendwo hinlegen. Er musste einen Satelliten finden. Ein Garmin funktioniert überall auf der Welt. Wenn er einen Satelliten gefunden hat. "Und?", fragte Mona durchs Fenster. "Er sucht noch, dauert höchstens eine halbe Stunde", zitierte ich die Gebrauchsanweisung. Karl rief: "Nacht, Papa!" Ich nieste.
Der Garmin ist kein schlechtes Gerät. Er ist nur auffällig, eben ein komplettes Navigationssystem für Leute, die in Wüsten laufen und am Polarkreis oder die den Atlantik durchschwimmen. In Gegenden mit Straßenschildern ist er ziemlich überflüssig. Man muss das Ding mit einem Klettverschluss an den Oberarm schnallen. Auf meiner gelben Winterjacke ist er nicht zu übersehen. Mein Bizeps ist derzeit ausnahmsweise nicht repräsentativ genug für derlei Accessoires. Der Garmin ist oversized, großmäulig wie George W. Bush, amerikanisch eben.
Am zweiten Weihnachtstag ist der Gänsebratenvernichtungslauf, vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule und zurück. Immer auf einer achtspurigen Straße auf und ab. "Da kannst du dein neues Supergerät gleich ausprobieren", befahl Mona. "Mein Knie", sagte ich. "Ich komme auf dem Fahrrad mit", sagte Mona. "Ich auch", krähte Karl. Na gut. Ich versuchte, den Garmin unter der Jacke zu befestigen. Doch dann sah ich das Display nicht. "Klappt's?", fragte Mona. Sie wollte ihr ... mein neues Symbol der Besserverdienenden repräsentativ getragen wissen.
Am Brandenburger Tor standen schon ungefähr 800 Läufer. Ich hatte das Gefühl, dass sich alle anstupsten und grinsend auf meinen Oberarm zeigten. Sie hatten ja Recht. Ich war etwas over-equipped. Die verdammte Straße, auf der wir laufen würden, die sah man vom Satelliten aus mit bloßem Auge.
Ich fühlte mich sehr einsam. "Na Meester, haste Angst, dir zu verloofen?", fragte ein Dicker neben mir und zeigte auf den Garmin. "Weihnachtsgeschenk", sagte ich und zeigte über die Schulter, wo ich Mona hinter der Ansperrung wähnte. "Ah, vastehe, die Lady, wa?", wisperte der Kerl verständnisvoll. "Kenn ick. Ich hab' letztes Jahr Leggings jekriegt, in mintgrün. Aber dieses Jahr" - er tippte auf sein Handgelenk - "dieses Jahr gab's die hier." Unter seinem Ärmel blitzte eine nagelneue S625X. "Wie haben Sie Ihre Frau dazu gebracht?", wollte ich wissen. "Gaa nich", sagte er fröhlich, "ick hab mir scheiden lassen. Und die Uhr dann selbst jekooft." Ich dreht mich um zu Mona und winkte.