Achilles' Verse: Volle Polle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Achilles' Verse Volle Polle

Wunderläufer Achim Achilles wird gequält: Millionen von Killerpollen würgen seit Wochen die Bronchien des Altersallergikers und rauben ihm den Schlaf. Zudem macht seine unermüdliche Glibberproduktion einsam. Da hilft nur eines - endlich Regen.
Pfeifen, Prusten, Grollen, Keuchen: Das Schicksal von Allergikern im Frühjahr
Pfeifen, Prusten, Grollen, Keuchen: Das Schicksal von Allergikern im Frühjahr

Pfeifen, Prusten, Grollen, Keuchen: Das Schicksal von Allergikern im Frühjahr

Foto: ddp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mitten in der Nacht fühle ich mich plötzlich wie bei "Starsky and Hutch": Mein linker Arm wird brutal auf den Rücken gedreht. Ich habe höchstens zehn Minuten geschlafen. Längere Ruhepausen lassen meine Hustenattacken nicht zu. Ich röchele um Hilfe. Doch Mona ist unerbittlich. Kaum öffne ich den Mund, schiebt meine Frau mir eine kleine weiße Tablette zwischen die Lippen. "Dein Gekeuche ist nicht zu ertragen", bellt Mona und schreitet zur fürsorglichen Zwangstherapie.

Hoffentlich keine Wahrheitspille. Dann würde ich gestehen müssen, dass ich schon wieder einen langen Trainingslauf geschwänzt habe. Aber diesmal hatte ich einen Grund: Seit Wochen würgen Killerpollen, derzeit Birke, meine Bronchien. Immer nachts quält mich ein teuflischer Zwangshusten. Pfeifen, Prusten, Grollen, Keuchen - so muss für Hans Castorp der "Berghof" in Davos geklungen haben.

Monas Pillen werden genauso wenig helfen wie der ganze andere Schnickschnack in unserer Hausapotheke. Als Freund der experimentellen Selbstmedikation habe ich unseren Medizinschrank  bereits mehrfach durchwühlt. Das Tigerbalsam-Dampfbad bewirkt allerdings bestenfalls Netzhautablösungen, und zum Gurgeln mit Monas Zellulite-Creme habe ich mich noch nicht durchringen können. Die Halskrause immerhin hilft gegen Nackenverspannungen nach komatösem Spontanschlaf, den Heuschnupfenpillen auslösen, leider nur am Tag. Die Nächte keuche ich durch - und ich schleppe mich tapfer durch den Trainingsplan. Leider so langsam, dass mich Ameisen im Handstand überholen. Aber nur so lange, bis sie in meinem Auswurf kleben bleiben.

Faszinierend, wie viel Schleim so ein Körper produzieren kann. Wo früher meine Lunge saß, arbeitet derzeit eine unermüdliche Glibberproduktion. Hänsel und Gretel haben auf ihrem Weg durch den Wald Brotkrumen verteilt; allergische Läufer markieren ihre Strecke mit ästhetisch fragwürdigen Glitschinseln. Die Hälfte der Schleimschlieren endet allerdings auf den Klamotten, was gerade auf der schwarzen Laufhose einen phantasiefördernden Kontrast bildet. Irgendwann kommt auch noch Hirn mit.

Überleben ist das einzige Trainingsziel

Kaum sind die Atemwege jedenfalls halbwegs frei von Pfropfen, spüre ich ein stacheldrahtumwickeltes Brett, das auf meiner Lunge liegt. Und die Augen sind so verquollen, dass ich meine Trainingsstrecke im Wald gar nicht finden würde, weil ich baumsamenblind direkt vor das erstbeste Straßenschild renne. Schlimmer ist nur die Einsamkeit: Denn Laufpartner meiden mich konsequent, seit ich pro Kilometer ein knappes Pfund Kehlenglück absondere.

Ich bin volle Polle Altersallergiker. Seit drei Jahren legen mich Birke, Hasel und Erle lahm. Statistiker errechnen, wie viele volkswirtschaftliche Milliarden durch die Virenwolke der Schweinegrippe oder die Aschewolke aus Island vernichtet werden. Aber die Pollenwolke ist deutlich dramatischer: 45 Prozent aller Deutschen röcheln derzeit wie ein Moped aus DDR-Zeiten und liegen praktisch lahm. Besonders anfällig ist das Hochleistungssystem des Dauerläufers. Klar: Wer draußen mehr als nötig atmet, zieht sich die kleinen fiesen Gesellen besonders gründlich in die Atemwege. An zügige Läufe ist nicht zu denken. Überleben ist das einzige Trainingsziel.

Weder Jägermeister noch Mentholzigaretten schrecken die Pollen ab

Bislang habe ich die Pollen zu ignorieren versucht. Aber die Biester sind ausdauernder als jeder Marathon-Freak. Pollen lassen sich nicht mal mit bewährten Hausmitteln töten, weder Jägermeister noch Mentholzigaretten schrecken sie ab. "Du gehst morgen früh in die Apotheke", befiehlt Mona. Aber was soll ein bekennender Homöopathie-Hasser da? Die Übersetzung von "rezeptfrei" lautet doch: hilft nichts. Unser Pillendreher wird mir irgendein total neues, garantiert pflanzliches Yoga-Mutti-Mittel anpreisen, dessen Hersteller ihm seine ausladende Schaufenster-Deko bezahlt hat. Gehe ich zum Arzt, wird er mir umgehend Laufverbot erteilen.

Doch zum Glück naht mein Freund, der Regen. Die Stadt flieht unter den Schirm, nur der Allergo-Läufer tollt wie ein junger Hund durch die Nässe. Grünweißliche Inseln auf den Pfützen rauschen in den Gully. Millionen von Pollen verschwinden in der Kanalisation. Ob sie wirklich weg sind? Vielleicht kehren sie auch als Walker zurück. Aliens sind eben nie kaputtzukriegen.