Achilles' Verse: Vollgas im Volkspark - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Vollgas im Volkspark

Ein bisschen wie Speed Dating: Wunderläufer Achim Achilles braucht Aufbautraining im Park. Dabei trifft er auf allerlei Läufer-Typen, überholt Rentner, zieht an Bambis vorbei und verzweifelt an Gazellen.
Läufer im Frankfurter Stadtwald: Ein bisschen wie Speed Dating
Läufer im Frankfurter Stadtwald: Ein bisschen wie Speed Dating

Läufer im Frankfurter Stadtwald: Ein bisschen wie Speed Dating

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Haha, da vorne ist wieder eine. Blond, das ist gut. Die sind nicht so schnell. Meistens jedenfalls. Beine? Naja, sind immerhin erkennbar welche dran, sogar mit Konturen, soweit man das auf die Entfernung erspähen kann. Man sieht ja viel Elend im Beinland, gerade wenn die Temperaturen zu sparsamem Wäscheeinsatz verleiten.

Aber Obacht, Achilles: keinen Hochmut riskieren. Wie oft schon haben mich verwachsene Hausfrauen in Kittelschürzen und mit Bonobo-Laufstil gedemütigt. Aber diese Blonde da vorn, die nicht. Dich mach' ich fertig, Hase.

Ich ziehe locker an. Aber die elende Blonde kommt nicht näher. Dummes Ding, werd' langsamer. Ergib' dich, aber zackig, sonst mach' ich schlapp und werde im Grabmal des unbekannten Langläufers verscharrt. Ungeplante Zwischensprints machen mich fertig. Ich bin doch nicht zum Training in den Volkspark gekommen, um mich abhängen zu lassen. Im Gegenteil: Ich will Opfer, Überholmaterial, Freizeithoppler, die ehrfürchtig meinem Kondensstreifen nachschnuppern, wenn sie die Ehre haben, überholt zu werden.

Trainieren in öffentlichen Grünanlagen ist wie Speed Dating. Man weiß nicht, wie die anderen Läufer heißen, was sie machen, wer sie sind, aber man baut eine kurze und sehr intensive Beziehung zu ihnen auf. Sie sind die idealen Trainingspartner für jene Momente, wenn die vom Marathontraining wunde Seele mal wieder Aufbau braucht.

Schlimmer als die Häsin ist die Gazelle

Wenn sie nicht so zäh wegrennen wie diese Blonde. Na warte, Schätzelein, gleich presst der Windzug des Volkspark-Turbos dir die mühsam aufgetürmte Mantapalme auf die Kopfhaut. Blondie gehört zur eher lästigen Gruppe der Hasen, die dem Jäger zwar ausdauernd davonrennen, sich dann irgendwann aber doch meiner athletischen Übermacht ergeben.

Schlimmer als die Häsin ist die Gazelle, die dieses spielerische Laufen beherrscht, das ich seit Jahrzehnten vergeblich trainiere. Gazellen rennen nicht, sie gleiten, schweben, vor allem aber spielen sie mit dem Tempo. Und sie grinsen noch dabei, weniger erotisch aufgeladen, vielmehr ekelhaft selbstbewusst, dafür nur kurz, weil sie dann schon wieder entschwunden sind. Klare Sache: Hat man Gazellen vor oder hinter sich, einfach bei nächster Gelegenheit abbiegen. Problem: Manchmal kommen sie hinterher, einfach so, um einem alten Mann seine engen Grenzen aufzuzeigen . Gazellen sorgen zuverlässig für Depressionen bis zum nächsten Männerabend.

War es ein Pfiff - oder ein Loch im Rollatoren-Reifen?

Dann doch lieber die Bambis, jene hochempfindlichen Emo-Damen, die mit den Armen und Beinen schlenkern wie Pinocchio und diese hochgepolsterten Schuhe tragen, mit denen angeblich auch der größte Problemhintern umgehend erstrafft. Sie laufen nicht, sondern tupfen ihre Schritte zart auf den Grund. Kopfhörer und Sonnenbrille reduzieren den Kontakt zur richtigen Welt. Wahrscheinlich ist ihnen ihr eigener bewundernder Blick peinlich, mit dem sie meine knusprige Rückseite bestarren, wenn ich jet-like vorbeiziehe. Sie sind ideal als Aufbaugegner, weil sie auf der Parkrunde so langsam sind, dass man sie dreimal überholen kann.

Auf dem Weg nach Hause umkurve ich noch locker das Rentner-Pärchen aus der Nachbarschaft und genieße die spitzen Schreckensschreie. Ich meine, auch einen bewundernden Pfiff von der Frau vernommen zu haben. Kann aber auch das Loch im Rollatoren-Reifen gewesen sein. Hoch lebe die Hauptstadt der anonymen Trainingspartner.