Achilles' Verse Vom Zausel vorgeführt
Ich mag Mannschaftssportarten. Da ist im Zweifel immer die Abwehr schuld. Oder der Sturm. Jedenfalls der Mannschaftsteil, dem ich nicht angehöre. Laufen auf Zeit ist dagegen eine ekelhaft durchsichtige Angelegenheit. Gestern beim Lauftraining war wieder die Hassübung dran: 5000 Meter gegen die Uhr, zwölfeinhalb Runden auf dem oberen Stadionring, wo notdürftig gestreut ist. Immer im Blickfeld des Trainers. Zu kurz, um zu trödeln oder sich mit einer Ausrede ("Muss mal aufs Klo") zu verdrücken. Aber zu lang, um nicht nach wenigen Minuten das Laufen im Allgemeinen und diesen Abend im Besonderen einfach nur zur Hölle zu wünschen. Neulich sagte eine Frau, es tue ihrer Hüfte nicht gut, immer nur linksherum zu laufen. Die Fliehkräfte, die auf diese notorische Schleicherin wirkten, hätte nicht mal ein Hamster gespürt. Aber die Ausrede war prima.
Die erste Runde geht ja noch. Meistens bin ich zu schnell. Das merke ich aber erst ab Runde drei. "Tempo halten", brüllt Ausbilder Karraß dann. Daumen und Zeigefinger sowie Ring- und Kleinfinger beider Hände biegen sich äußerlich leicht, mental-mäßig aber stark Richtung Handinnenfläche. Die Runden vier bis neun sind flammendes Inferno. Die Lunge brennt, die Beine noch mehr, der Magen sondert gallige Substanzen ab, die an die frische Luft wollen. Meine Füße fühlen sich an, als trügen sie sizilianische Betonpuschen. Verdächtig wird es immer, wenn sich ein einzelner Schritt einschleicht, der knapp vorm Stolpern ist.
Die Durchgangszeiten sind so la la. Eigentlich wollte ich heute Bestzeit laufen, deutlich unter 23 Minuten. Vor zwei Runden hat mich diese erschreckend gesund aussehende Steuerberaterin überholt, die neu in der Gruppe ist. Mann, drei Kinder, Job, Porsche. Was diesen Frauen einfällt. Die Von-der-Leyenisierung der Gesellschaft nimmt besorgniserregende Ausmaße an. Hinter mir kommt Zausel angekeucht, dessen verdammte Aufgabe es sein soll, langsamer zu sein als ich. Aber er hält sich nicht dran. Er schickt sich tatsächlich an, mich zu überholen. Ausgerechnet auf der letzten Runde, vor den Augen derer, die schon im Ziel sind, also den Guten. Zausel missachtet die Hierarchie, und die geht so: Achilles vor Zausel, immer, bei jeder Gelegenheit. Keine Ausnahme, schon gar nicht beim 5000-Meter-Training vor Zeugen.
Doch er hält sich nicht dran, er will Krieg. Ziehe ich eben an, er leider auch. Ich ziehe noch mehr an, er auch. Ich keuche, er nicht. Noch 300 Meter. Zausel gleichauf. Er guckt rüber, ich gucke nicht zurück. Ich sehe ihn gar nicht. Gegner? Was ist das? Ich liege gut 3,5 Millimeter vorn. Er hält gegen. Noch 100 Meter. Kampf der Klappstühle. Ich rudere mit den Armen, in der Hoffnung, Zausel Angst zu machen. Keine Chance. Fotofinish. "Beide gleich", meldet Drill Instructor Karraß. Zausel ist persönliche Bestzeit gelaufen, ich natürlich nicht. Irgendwas knapp unter 24 Minuten, ist ja auch völlig egal. "Wir müssen an Deinem Tempo arbeiten, Achim", sagt Klemmbrett-Karraß am Ende des Trainings. Ach nee. Das weiß ich, seit ich auf der Welt bin.
Zuhause erstmal an den Rechner. Was haben Läufer eigentlich ohne Computer und Internet gemacht? Karteikarten geführt? Leitz-Ordner mit Listen verwaltet? Etwas Exotisches wie ein Gedächtnis gehabt? Dieser Bestzeit-Fetischismus ist sowieso total krank. Aber es wird Zeit, dass ich weiter vorne lande, auch mentalmäßig. 24 Minuten auf fünf Kilometer macht 48 Minuten auf zehn.
Ein Blick in die Ergebnisliste vom 10-Kilometer-Lauf auf dem Ku'damm vergangenes Jahr verrät: In meiner Altersklasse M 40 brauchte der Sieger 33 Minuten. Der war bestimmt gedopt. Völlig aussichtslos, jemals dahin zu kommen. Oder ich warte 25 Jahre. Aber selbst bei M70 hat der Sieger nur 45 Minuten gebraucht.
Die beste Frau in der Kategorie W50 kommt mir entschieden näher: 42 Minuten. Da will ich bis zu meinem 50. Geburtstag hin. Dann wollen wir mal rechnen: Wenn ich so fleißig wie weitgehend folgenlos weitertrainiere, werde ich pro Jahr um optimistische 30 Sekunden besser. Abzüglich der normalen Verfallserscheinungen, bin ich, sagen wir mal, drei Minuten fixer als heute. Wären wir bei 45 Minuten. Jetzt muss ich nur noch acht Kilogramm abnehmen, sagt der Gewichtsrechner und - schwupp! - bin ich unter 42 Minuten. Dann fehlt nur noch die Geschlechtsumwandlung.