Achilles' Verse: Wählen ist wie trainieren - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Wählen ist wie trainieren

Fünf Tage noch bis zur Bundestagswahl, da kann auch unser Wunderläufer nicht vorbei an der Politik. Für die 15 Millionen Läufer unterzieht er die Parteien einem letzten Check. Wer verschenkt Sattelüberzüge, wer will Bestzeiten abschaffen und bei wem droht der Kollaps? Achim Achilles weiß es.
Briefwahl in Bremen: Kurz wählen gehen, und dann lange laufen
Briefwahl in Bremen: Kurz wählen gehen, und dann lange laufen

Briefwahl in Bremen: Kurz wählen gehen, und dann lange laufen

Foto: Joerg Sarbach/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Läufer allein ist eine ziemlich kraftlose Gurke, vor allem in den Tagen nach dem Berlin-Marathon, wenn er sich rückwärts die Treppe hinab zittert und Hilfe braucht beim Socken anziehen, weil Bücken eine Qual ist. Alle Läufer zusammen dagegen sind eine Macht, vor der sich jeder Politiker fürchten muss. Wenn tatsächlich 15 Millionen Deutsche laufen, dann sind wir wahlentscheidend, fast so mächtig wie Frauen, Katholiken oder Autofahrer. Was fehlt, ist eine gemeinsame laufpolitische Position. Und die ist ziemlich schwer zu finden . Entscheidende Frage: Was wollen wir? Leistung? Spaß? Stars? Oder was geschenkt? Am besten natürlich alles.

Als Liberaler giere ich nach Bestzeiten ohne Rücksicht auf die Mitläufer, als Sozialdemokrat muss ich erst mal in meiner Laufgruppe über alles reden. Als Grüner darf ich keine Powerbar-Papiere mehr in die Gegend werfen und als Unionist nur noch laufen, wenn Mutti Merkel es erlaubt hat. Aber nicht schmutzig machen. Die Linken wiederum wollen Bestzeiten abschaffen und jeden halbwegs guten Läufer zwingen, mindestens einen Walker über die Ziellinie zu tragen. Verehrter Herr Oskar, es mag ja sein, dass soziale Unterschiede nicht unbedingt sein müssen; auf sportliche Differenzierung legen wir Läufer allerdings allergrößten Wert.

Wählen ist wie Trainieren. Man muss es einfach tun, auch wenn kaum Aussicht auf Freude, Belohnung oder Entspannung besteht, ja nicht mal Hoffnung darauf, dass es nicht weh tut. Aber wen sollen wir ankreuzen? Ein Blick in die Wahlprogramme hilft nicht viel weiter .

Immerhin: Die FDP will den Sport als Staatsziel im Grundgesetz verankern. Aber steht da der Tierschutz nicht auch schon? Selbst in der Verfassung ist der Läufer also vor Hunden nicht sicher. Die Union dagegen will den Leistungssport bei Bundeswehr und Polizei monopolisieren. Ob ich bei Mona wohne oder in einer Kaserne, macht eh keinen Unterschied. Attraktiv klingt die Position der Linkspartei. Der Mensch, Läufer demnach auch, soll künftig mehr Zeit haben für individuelle Lebensgestaltung. Völlig richtig: Erwerbsarbeit wird überbewertet. Reichlich Zeit zum Training dagegen ist ein Grundrecht, Regeneration natürlich auch, Trainingslager im Süden sind bei Tui einklagbar und Lauf-Wettbewerbe erst recht, vor allem gegen maulende Gattinnen. Kleiner Verbesserungsvorschag noch: Das Recht auf Kinderbetreuung während des Trainings. Und an die SED-Altkader noch die Bitte, vielleicht ein paar dieser kleinen blauen Pillchen aus DDR-Beständen herauszurücken, aber nur für ältere Herren, die gern noch mal angreifen würden.

Vitaminbonbons für die Einen, 100 Milliarden für die Anderen

Wir kommen zum praktischen Teil, den Wahlgeschenken: In Sachen Rennverpflegung liegt Schwarzgrün ziemlich weit vorn. Während die Unionisten an ihren Wahlständen reichlich Vitaminbonbons verteilen, locken die Grünen mit einem praktischen Sattelüberzug fürs Rad.  Schon mal nicht schlecht, aber doch ein wenig kleinlich angesichts von 100 Milliarden Euro für die HRE und 4,5 Milliarden Euro für Opel. Ein Paar Laufschuhe sollten wirklich drin sein. Wer mir eine Pulsuhr bietet, die ich auch noch kapiere, den wähle ich. Versprochen.

Was sportliche Leistung und mithin persönliches Identifizieren angeht, ist der Sozialdemorat Heiko Maas  ganz weit vorn. Erstens läuft er nicht nur, sondern wagt Triathlon. Zweitens war er bislang weder als Parteivorsitzender noch als Kanzlerkandiat im Gespräch und drittens wohnt er ganz nah bei Jan Frodenos Helden-WG in einem geheimnisvollen Landstrich namens Saarland. Klare Sache, Maas weckt mehr Emotionen als Claudia Roth. Leider kann man ihn nicht für den Bundestag wählen.

Tempotraining ist wie Schwarz-Gelb

Bleibt am Ende die Partnerfrage: Die Große Koalition ist der Intervall-Lauf unter den Regierungsbündnissen. Da gibt ein paar Hochs, viele Tiefs, bisweilen Stillstand, schlechte Laune und permanent droht der Kollaps. Tempotraining ist dagegen wie Schwarz-Gelb, besonders am Anfang tut es weh, am Ende aber auch, und hinterher ist man entweder Exportlaufmeister, krankenhausreif oder beides. Lange Läufe sind wie Rot-Grün, man holt sich zwar nachhaltige Ausdauer, dafür zieht sich die Strecke eine gefühlte Ewigkeit hin. Im Moment eher unrealistisch. Und die Ampel? Ist wie eine Berliner Laufgruppe, wo vom arbeitsscheuen Autonomen bis zum Porsche-Protz alles miteinander läuft, ohne sich mit Pflastersteinen zu bewerfen.

Was lernen wir für den Wahlsonntag? Eigentlich gar nichts, außer: Kurz wählen gehen, und dann lange laufen.