Agassi-Bezwinger Becker: Folterknecht mit Tennisschläger - DER SPIEGEL
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Agassi-Bezwinger Becker Folterknecht mit Tennisschläger

Nach seinem verblüffenden Triumph über Andre Agassi will Benjamin Becker nun ins Viertelfinale der US Open vorstoßen. Sein Gegner freut sich schon sehr auf den Deutschen - nicht zuletzt, weil der ihm eine unangenehme Aufgabe abgenommen hat.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Andy Roddick war erleichtert. Weil er es nicht tun musste. "Klar", sagte der US-Open-Sieger von 2003, "man will gegen seine Idole antreten. Aber andererseits: Wer will schon der Typ sein, der Bambi erschossen hat?" Dieses Schicksal bleibt Roddick erspart. Er wäre der nächste Gegner von Bambi alias Publikumsliebling Andre Agassi in New York gewesen - nun aber trifft der 25-Jährige heute Abend auf einen unbekannten Deutschen mit weltbekanntem Namen.

Benjamin Becker ist der böse Bube, der Bambi umgebracht hat – in vier Sätzen am hellichten Tag, an einem friedlichen Sonntagnachmittag New Yorker Ortszeit. So richtig freuen konnte sich der 25-Jährige über seinen großen Triumph allerdings nicht. Natürlich nahm ihm niemand den Sieg über die lebende Legende Agassi wirklich krumm, doch in der von Pathos und Rührung überhitzen Atmosphäre des Arthur-Ashe-Stadions, in dem 23.000 Zuschauer ihren tränenüberströmten Helden nach dessen finaler Niederlage feierten, wähnte sich Becker wie in einer Inszenierung jenseits aller Realitäten. "Es fällt mir schwer zu begreifen. Das Ganze ist wie ein Hollywood-Film für mich", fasste der Deutsche seine Gefühlslage kurz nach dem Spiel zusammen.

Fast schien sich Becker ein wenig für seinen Sieg zu schämen. Seine Zurückhaltung beim Jubeln erklärte er so: "Es war auch für mich ein schwerer, ein emotionaler Moment. Ich habe mich gefreut und war traurig zugleich." Andre Agassi hörte sich die Worte seines letzten Gegners gern an – weil er nach 20 Jahren im Profi-Tennis die Regeln des Geschäfts besser kennt als jeder andere: "Wir arbeiten nicht zusammen, wir haben Erfolg auf Kosten des anderen." Deswegen sei Beckers Respektsbekundung "das ultimative Kompliment" für ihn.

Überraschend variabel und mit extrem viel Schnitt

Angesichts all der Nettigkeiten, die nach dem Match in der traditionsreichen Tennisanlage von Flushing Meadows umherschwirrten, hätte man beinahe vergessen können, dass der nur über die Qualifikationsrunde ins Turnier gerutschte Becker zuvor alles andere als freundlich zu Agassi gewesen war, der für jeden sichtbar mit schweren Rückenproblemen kämpfen hatte. Wie ein Folterknecht mit Tennisschläger quälte der Deutsche sein Gegenüber, indem er ihm nicht nur 27 Asse und Aufschläge mit Geschwindigkeiten von bis zu 220 Stundenkilometern um die Ohren haute, sondern gern mit extrem viel Schnitt auf die Vorhand servierte. Diese Variationen überraschten den 36-jährigen Routinier Agassi immer wieder und zwangen ihn zugleich, sich schmerzhaft zu strecken, um die Bälle zu erreichen.

Das verblüffend variable und genaue Spiel Beckers verhinderte zudem Agassis Taktik, mit möglichst kurzen Ballwechseln Kräfte zu sparen. Trotz der aufgeladenen Atmosphäre im Stadion erwies sich der bei Grand-Slam-Turnieren fast völlig unerfahrene Deutsche als kühl und nervenstark: Er wehrte im ersten Satz vier Breakbälle ebenso selbstverständlich ab wie er Agassi in Durchgang vier bei dessen Satzball zum Fehler nötigte. Strittige Schiedsrichterentscheidungen monierte er stets im richtigen Augenblick – und bekam immer Recht. Agassi dagegen lag mit seinen Reklamationen meistens daneben.

US-Reporter reden schon vom neuen "Bum-Bum-Becker"

Trotz Beckers überzeugender Leistung muss allerdings vorerst bezweifelt werden, ob das Ende der einen großen Karriere zugleich der Beginn einer anderen sein kann. Der Wert des Sieges vom Sonntag ist angesichts des angeschlagenen Gegners schwer zu beurteilen. Auf welchem Niveau der neue "Bum-Bum-Becker" – wie ihn US-Kommentatoren angesichts seiner Aufschlagstärke bereits feierten – tatsächlich agiert, wird erst die Partie gegen den Weltranglisten-Zehnten Roddick zeigen.

Tarik Benhabiles, der französische Coach des deutschen Newcomers, ist von den Qualitäten seines Schützlings verständlicherweise überzeugt: "Becker ist das, was die Amerikaner 'Big Caliber Player' nennen, ein Spieler von großem Format. Sein Potenzial ist bemerkenswert. Er wird die deutschen Fans glücklich machen."

Auch Andy Roddick ist von seinem Gegner zumindest ein wenig beeindruckt. "He serves out of his shoes", er schlage aus den Schuhen heraus auf, stellte der US-Amerikaner angesichts von Beckers vorbildlicher Körperspannung beim Aufschlag fest und attestierte ihm zugleich, über mächtige Schläge und einen guten Return zu verfügen. Was er nicht sagte: Klar, es wäre für ihn natürlich ein besonderes Vergnügen, den Burschen zu schlagen, der Bambi erschossen hat.