Sieg bei der Vuelta Das Geheimnis des Alberto Contador
Radprofi Contador: Spinning mit einem Bein
Foto: JAIME REINA/ AFPMan muss sich die Bilder aus dem vergangenen Jahr ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, wie dominant Alberto Contador in den vergangenen Wochen bei der Vuelta unterwegs war. 2013 beherrschte der Brite Christopher Froome die Radwelt, seinen Antritten am Mont Ventoux oder in den Alpen kam kaum einer hinterher. Ein Jahr später ist es Contador, der Froome am Berg stehen lässt, der sich mit einer Attacke auf den letzten Kilometern hinauf zum Gipfel des Puerto de Ancares zum designierten Sieger der Spanienrundfahrt macht.
Gemeinsam ist ihren Triumphen allerdings eines: die argwöhnischen Blicke der Radsport- und Dopingkritiker.
Contador versuchte, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. "Ich bin überglücklich. Das ist ein großer Sieg für mich", sagte der 31-Jährige, der für das russische Tinkoff-Saxo-Team fährt. Er verwies zwar auf das noch ausstehende Zeitfahren am Sonntagabend im Wallfahrtsort Santiago de Compostela, doch auf diesen 9,7 Kilometern müsste schon etwas sehr Außergewöhnliches geschehen, um seinen dritten Sieg bei der Vuelta zu verhindern.
Drei Siege, drei Geschichten
Jeder dieser Erfolge erzählt eine andere Geschichte. 2008 nahm Contador den Gesamtsieg gewissermaßen im Vorbeigehen mit. Von der Tour de France wurde sein damaliges Astana-Team wegen der Blutdopingaffäre rund um Alexander Winokurow ausgeschlossen, Contador durfte dennoch bei der Vuelta antreten. Ihr Veranstalter hatte offenbar weniger Skrupel als die Tourorganisatoren.
2012 kam Contador von einer eigenen Dopingsperre wegen einer positiven Clenbuterol-Probe bei der Tour 2010 zurück. Die Wettkampfpause hatte Zeichen hinterlassen. Er wirkte weit entfernt von der Dominanz der früheren Jahre. Das Führungstrikot der Vuelta holte er sich mit einer Verzweiflungsattacke 50 Kilometer vor dem Ziel. Manöver dieser Art gehören eigentlich zum Repertoire von Fahrern wie Jens Voigt, die weder Sprinter noch Kletterer sind. Contador aber überraschte seine Konkurrenz und das Publikum: Die kalte Siegesmaschine hatte sich in einen Kämpfer verwandelt. Der einstige Seriensieger mit dem Dopinggrundrauschen und der dürren Rhetorik hatte plötzlich ein zweites Gesicht.
Die aktuelle Vuelta bietet neuen Stoff für Erzählungen. Im Juli noch war der Spanier mit einem Schienbeinbruch von der Tour de France ausgeschieden. "Das war ein total deprimierender Moment", erinnert sich Rennstallbesitzer Oleg Tinkoff. Der Russe hielt es zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich, dass Contador überhaupt an der Vuelta teilnehmen könnte. "Aber er hat uns alle überrascht. Zwei Wochen war er nicht auf dem Rad, hat in dieser Zeit aber mit dem gesunden Bein Spinning betrieben", sagt Tinkoff.
Rätsel um Blitzgenesung
Wie binnen zweier Wochen ein gebrochenes Schienbein belastbar zusammenwachsen kann, ist allerdings ein Rätsel. Welche therapeutischen Ausnahmegenehmigungen hilfreich waren, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis des Weltverbands UCI.
Er trägt dadurch allerdings nicht wirklich dazu bei, die anhaltenden Spekulationen um Contador verstummen zu lassen. Seine Dopingvergangenheit und auch die seines Teamchefs Bjarne Riis ist hinlänglich bekannt. Geldgeber Tinkoff hat Aussteiger Jörg Jaksche während seines kurzen Engagements bei einem der Vorgängerrennställe des Russen laut eigenen Aussagen "nicht als großen Antidopingkämpfer" erlebt. Der Ex-Profi hält es auch für bedenklich, dass der Radsport derzeit vor allem von Einzelpersonen finanziert wird, "die sich das als Hobby leisten".
Als Contador am Samstag die Ziellinie am Puerto de Ancares überquerte, ließ er jedenfalls seine übliche Jubelgeste des Pistolenschusses aus und zeigte auf das vor Kurzem noch schwer lädierte Bein - ganz so, als wollte er sagen: Das ist das Geheimnis meines Siegs.