Zverev-Aus bei den US Open Genug gelernt
Alexander Zverev
Foto: Julio Cortez / dpaAlexander Zverev konnte es nicht mehr hören. "Wie lange soll ich noch sagen, dass ich lernen soll? Ich habe keine Lust mehr aufs Lernen", sagte er nach seiner Niederlage gegen den Kroaten Borna Coric in der zweiten Runde der US Open. Bereits vor zwei Monaten in Wimbledon hatte der deutsche Tennisspieler die Schnauze vom angeblichen Lerneffekt aus Niederlagen voll. "Das sage ich mir schon seit drei Jahren. Ich will solche Matches endlich gewinnen."
6:3, 5:7, 6:7 (1), 6:7 (4) hatte Zverev nach dreieinhalb Stunden Spielzeit gegen den jungen Kroaten verloren, elf Breakchancen hatte er sich erspielt, nur eine davon genutzt. "Ich habe im zweiten und dritten Satz sehr, sehr schlecht gespielt. Den dritten hätte ich gewinnen können, den vierten hätte ich definitiv gewinnen müssen", sagte er. Doch es war nicht nur die Niederlage gegen Coric, sondern der Blick aufs große Ganze, der ihn nervte: "Das untere Tableau ist ziemlich offen, ich hätte hier der Favorit sein sollen."
Zverev war nach den prominenten Absagen, unter anderem von Novak Djokovic, Andy Murray und Stan Wawrinka, der Höchstplatzierte in seinem Tableau. Er hatte gute Chancen, einen Lauf hinlegen zu können beim abschließenden Grand-Slam-Turnier in New York. Um seiner starken Saison ein weiteres Puzzleteil hinzuzufügen: einen starken Auftritt bei einem der ganz großen Turniere.
Mit Stirnband - wie einst Björn Borg
In Wimbledon hatte Zverev vor zwei Monaten zum ersten Mal in seiner Karriere die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht, in New York trauten ihm einige sogar den Marsch bis ganz ans Ende zu. Zu imposant war seine Saison bislang, mit insgesamt fünf Turniersiegen, darunter zwei Masters-Titeln in Rom im Mai und Montréal im August, mit Siegen über Novak Djokovic und Roger Federer, mit dem Einzug in die Top Ten der Tenniswelt.
Zverev war nach seinem starken Sommer auch in den US-Medien Thema, er gab neben Angelique Kerber, Garbine Muguruza und Dominic Thiem das modische Aushängeschild des Turniers. Musikstar Pharrell Williams ("Happy") hatte für einen Ausrüster Tenniskleidung im Stile der 70er-Jahre entworfen, Zverev erinnerte mit seinem gestreifen Shirt und Stirnband mit etwas Phantasie an den Schweden Björn Borg. Der deutsche Youngster sollte für die nächsten zwei Wochen nicht nur sportliche Schlagzeilen produzieren, sondern auch abseits des Platzes glänzen.
Doch daraus wird nun nichts. Nicht, weil Zverev nicht um die Gefahr Corics wusste - der Kroate ist, obwohl auch erst 20 Jahre alt, schon einige Jahre in der erweiterten Weltspitze vertreten. Er gehört ebenfalls zur "NextGen", zu den jungen Wilden also, die die Herrentour ins Leben gerufen hat, um auf lange Sicht Federer, Nadal und Co. abzulösen.
Boris Becker sah das Unheil kommen
"Für mich ist das jetzt etwas zu passiv, was Zverev spielt", sagte Boris Becker schon zum Ende des zweiten Satzes, als für Zverev nach gewonnenem ersten Durchgang die Welt noch in Ordnung schien, das Match aber eine kritische Stelle erreicht hatte. Becker sollte recht behalten: Nur wenig später entglitt Zverev das Spiel. Während Coric weiterhin stabil blieb und den Deutschen in lange Ballwechsel verwickelte, übernahm Zverev zu selten den Versuch, das Match in die eigenen Hände zu nehmen, es zu gestalten, gewinnen zu wollen.
Zverev hat wie Federer fünf Turniersiege im Jahr 2017 eingefahren, beide haben zwei Turniere der Masters-Serie gewonnen. Allerdings siegte Federer auch bei zwei Grand Slams, bei Turnieren der Königsklasse im Tennis. Das kann Zverev nicht vorweisen. Sein Ziel für 2018 bleibt es somit, die Leistung bei ATP-Events, wo es über zwei Gewinnsätze geht, auf Grand-Slam-Ebene zu übertragen. Seine noch bescheidene Karrierebilanz über drei Gewinnsätze: 13 Siege bei 14 Niederlagen; in der entscheidenden Phase eines Grand-Slam-Turniers hat Zverev bislang keine Rolle gespielt.
Hätte Großes erreichen können
Zverev geht es hier jedoch ähnlich wie Federer in dessen Anfangszeiten: Vor seinem ersten Wimbledonsieg 2003 war Federer bei den vorherigen fünf Grand-Slam-Turnieren gleich drei Mal zum Auftakt rausgeflogen. Nach seinem Wimbledonsieg holte er bei den nachfolgenden fünf Majors drei weitere Titel. Insgesamt steht er mittlerweile bei 19 Grand-Slam-Turniersiegen.
"Ich habe gegen einen 20-Jährigen gespielt", sagte Zverev noch, "nicht gegen Federer oder Nadal." Aber es war nur eine Nebensache im Vergleich zu dem, was ihn nach wie vor am meisten nervte in dieser Nacht. "Ich weiß, dass ich hier etwas Großes hätte erreichen können. Etwas, das ich bislang noch nicht geschafft habe."