America's Cup: "Endlich hat mal einer Eier gehabt" - DER SPIEGEL
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America's Cup "Endlich hat mal einer Eier gehabt"

Segelprofi Tim Kröger zeigt sich im Interview mit SPIEGEL ONLINE kämpferisch. Der erfahrene Seemann startet beim "America's Cup" für das südafrikanische Team Shosholoza - und will seinen Schützlingen deutsche Tugenden beibringen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Kröger, was fasziniert Sie eigentlich am America's Cup?

Kröger: Der Anspruch, mit ausgeklügelten Hightech-Geräten auf dem Wasser unterwegs zu sein. Andererseits die physische Herausforderung, auf so einer Yacht zu segeln. So eine gigantische Segelfläche unter Kontrolle zu bringen, da ist Muskelkraft, Körperbeherrschung, viel Technik und Training gefordert. Es ist unglaublich komplex, mit 17 Mann auf einem Boot zu segeln.

SPIEGEL ONLINE: Im Vergleich zu Ihren früheren Engagements beim Whitbread Race rund um die Welt ist der Alltag in Valencia aber nicht so aufregend.

Kröger: Wenn du in einem Rennen um die Welt segelst, ist das Abenteuer natürlich viel größer. Das ist eine andere Nummer. Hier bei der Vorbereitung auf den Americas Cup ist das eher wie Fabrikarbeit im Segelsport. Beides hat seinen Reiz. Ein Rennen um die Welt bietet trotz der Länge immer wieder einen kurzweiligen Kick. Man muss schon sehr zäh sein. Eine 40-Stunden-Woche ist das aber auch nicht, was wir hier in Valencia machen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist Disziplin gefragt.

Kröger: Genau. Deutsche Tugenden eben. Das versuche ich den Südafrikanern zu vermitteln, und das ist nicht immer so einfach. Schließlich ticken die Uhren auf der Südhalbkugel etwas anders. Trotzdem läuft es sehr, sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Das Team Shosholoza gilt als lustige, bunte Truppe. Wie passt das mit Ihrem Anspruch auf Tugenden zusammen?

Kröger: Ich würde eher sagen: Wir sind eine gereifte, lustige, bunte Truppe mit Anspruch. Denn wir wollen ganz klar den sportlichen Erfolg, sonst würden wir das nicht machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sehr junge Südafrikaner im Team, die aus Township-Projekten kommen und vor ein paar Jahren zum ersten Mal auf einem Segelboot gestanden haben. Kann das gut gehen?

Kröger: Die lernen auch jeden Tag dazu. Manche mehr, manche weniger. Aber die Auswahl, die wir haben, um ein perfekt funktionierendes Team aufs Boot zu bringen, ist groß genug.

SPIEGEL ONLINE: Einem Syndikat wie dem Schweizer Titelverteidiger Alinghi oder BMW Oracle Racing würde solch ein Recruiting im Traum nicht einfallen.

Kröger: Das sind auch Kampagnen, die es sehr lange gibt, die viel Geld haben. Die können auf Leute zurückgreifen, die sehr gut, aber auch teuer sind. Aber unser Anspruch ist ja auch, eine überwiegend südafrikanische Crew zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Geheimhaltung beim Cup ist enorm. Als BMW Oracle seine neue Yacht taufte, bekam man vom Boot nur die Bugspitze zu sehen. Die Teams schotten sich ab, verbergen ihre Boote hinter Schürzen. Ist das berechtigte Sorge vor Betriebsspionage, schlicht paranoid oder nur ein PR-Gag, um sich interessanter zu machen?

Kröger: Es ist eine Mischung aus allem. Aber nach dem Protokoll des America's Cups ist Spionage verboten und zieht drakonische Strafen nach sich. Wenn hier einer rumspioniert, dann wird das immer auffallen, und der kriegt richtig zwischen die Hörner. Wer würde schon für vermeintliche Geheimnisse die ganze Kampagne gefährden, bloß um ein paar Fotos zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Gewinnt nicht ohnehin der, der das meiste Geld ins Boot steckt?

Kröger: Das gilt nicht immer. Einige Teams haben vor kurzem noch viel frisches Geld akquiriert, die sind aber gefährdet, sich zu verzetteln, das gerät schnell außer Kontrolle, weil sie anfangen, für alles Geld auszugeben, und es nicht mehr organisiert kriegen. Wenn man ein kleineres Budget hat und damit langfristig plant, ist man oft effizienter, als wenn man das Geld mit der Schippe aus dem Fenster haut.

SPIEGEL ONLINE: Anfang Mai müssen die meisten Teams ihre Sachen packen, weil nur noch vier der elf Herausforderer ins Halbfinale kommen. Wird die Shosholoza dann noch im Rennen sein?

Kröger: Hoffen wir mal. Wir haben unser Boot sehr optimiert, die Testfahrten haben gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber der ist sehr lang. Wenn man davon ausgeht, dass zu den vier Teams, die ins Halbfinale kommen, wahrscheinlich die drei Großen, also das amerikanische BMW Oracle Team, die Italiener mit der Luna Rossa und das Emirates Team New Zealand gehören werden, dann bleibt für uns vermeintlich kleine Teams nur noch ein Platz, um den wir uns alle balgen werden. Für den vierten Platz gibt es vier, fünf Aspiranten. Das wird eng.

SPIEGEL ONLINE: Früher wurde der Cup von schwerreichen Segelenthusiasten geprägt. Heutzutage scheinen scheinen eher die Marketingstrategen der Großsponsoren das Geschehen zu bestimmen. Denkt man da manchmal an die guten alten Zeiten zurück?

Kröger: Die vermeintlich guten alten Zeiten hat es nie gegeben. Der America's Cup war immer eine Spielwiese der Superreichen, und das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Natürlich sind immer mehr große Unternehmen mit dabei, was auch gut ist. Aber das Segeln hat sich nicht grundlegend geändert. Und die Unternehmen schreiben uns nicht im einzelnen vor, was wir zu tun haben. Das ist bei Teameignern schon anders und kann sehr irritierend sein.

SPIEGEL ONLINE: Es wird laut darüber nachgedacht, den Cup künftig alle zwei Jahre stattfinden zu lassen. Was halten Sie davon?

Kröger: Ich denke, das ist der richtige Weg. Der Segelsport wäre außerdem gut beraten, dem Cup ein Grand-Prix-Format wie bei der Formel 1 zu geben. Dann wäre viel mehr Interesse da.

SPIEGEL ONLINE: Warum segeln Sie eigentlich nicht für das deutsche Team?

Kröger: Als ich mich entscheiden musste, da bestand das deutsche Team nur als Power-Point-Präsentation. So einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin: Die Zeiten, als es quasi unmöglich war, Finanziers für eine deutsche Cup-Kampagne zu gewinnen, sind endgültig vorbei, oder?

Kröger: Das würde ich schon sagen. Und da danke ich Ralf Dommermuth, dem Vorstandsvorsitzenden von United Internet, aus ganzem Herzen. Früher haben immer alle davon erzählt, ein deutsches Cup-Team auf die Beine zu stellen. Nur getan hat es keiner. Und dann kommt Dommermuth um die Ecke und sagt: Ich mache das. Dass einer mal die Eier gehabt hat, das umzusetzen, das war toll.

Das Interview führte Frank Neumann

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