America's Cup: Größte anzunehmende Windstille - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

America's Cup Größte anzunehmende Windstille

Nur ein laues Lüftchen, alle Duelle verlegt: Durch die Flaute im Herausfordererrennen des America's Cup vor Valencia droht dem milliardenschweren Wettbewerb ein Fiasko - für den Austragungsort, die Sponsoren und die Fernsehsender.
Von Andreas Kling
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es sollte die ganz große Werbung werden für den Segelsport. Nach 156 Jahren war der legendäre America’s Cup wieder nach Europa zurückgekommen. Moderner, spannender und spektakulärer als je zuvor würde die Regatta werden, versprachen die Macher vom ACM (America's Cup Management). Mit einem geschätzten Aufwand von insgesamt rund zwei Milliarden Euro wollte die 32. Auflage der Wettfahrt Boot gegen Boot in die Top-Liga der weltweiten Sportveranstaltungen aufsteigen.

Teammitglieder des spanischen Segelsyndikats: "Windchancen unter 50 Prozent"

Teammitglieder des spanischen Segelsyndikats: "Windchancen unter 50 Prozent"

Foto: REUTERS

Und nun? Flaute in Valencia, und das schon seit vier Tagen. Statt der Matchraces im Louis Vuitton Cup der elf Herausforderersyndikate gibt es immer nur das gleiche Bild: Die 24 Meter langen Hightech-Rennziegen dümpeln ohne Wind auf spiegelglatter See. Und das Schlimmste: Eine Besserung der Wetterlage ist nicht in Sicht. Obwohl heute Nachmittag einmal kurz Hoffnung aufkeimte, und alle Yachten die Segel gesetzt hatten, liegen die Chancen, dass bis zum Wochenende gesegelt werden kann bei "unter 50 Prozent", prophezeit der Kieler Diplom-Meteorologe Meeno Schrader.

Wenn das so käme, würde der gesamte Zeitplan ad absurdum geführt. Montag endet theoretisch die erste Runde (Round Robin) jeder gegen jeden mit einem längst belegten Reservetag, Mittwoch fängt bereits die zweite an. Am 7. Mai sollten die Halbfinalisten feststehen, die ab 14. Mai zur Vorschlussrunde antreten. Die Regattaleitung rechnete in einer Krisensitzung bereits hin und her, ob der gesamte Louis Vuitton Cup nicht einfach nächste Woche noch einmal von vorne beginnen soll. Auch wenn der Gedanke auf den ersten Blick clever erscheint, schlicht so zu tun, als sei nichts geschehen - was ja sportlich sogar richtig ist. Der Imageschaden dürfte bereits jetzt unermesslich sein. Unvorstellbar, dass die Olympischen Spiele nach ereignislosen Tagen eine Woche später beginnen würden.

Genau das muss sich auch der wohl prominenteste America's Cup-Gast heute gedacht haben. Das Emirates Team New Zealand hatte für den ersten Zweikampf gegen das United Internet Team Germany ausgerechnet Jacques Rogge als 18. Mann an Bord. Der IOC-Präsident fordert wie von vielen Disziplinen immer auch von den Seglern einen telegenere Aufmachung, sollten sie im olympischen Programm bleiben wollen. Der Tag auf See dürfte ihm wenig gute Argumente für den "weißen Sport" geliefert haben.

Auf der "Germany I" nahm Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF Platz. Sie wird am Sonnabend das Aktuelle Sportstudio aus Valencia moderieren. Die dort geplante Zwischenbilanz nach einer Woche America's Cup ohne Wind ist eigentlich nicht möglich. Ihr Sender ruderte bereits zurück und strich die für den morgigen Reservetag um 14.10 Uhr nachgeschobene Livesendung wieder aus dem Programm. "Das ist wie Grasplatztennis bei Dauerregen oder Skifliegen bei Sturm", sagt ZDF-Reporter Nils Kaben. Nur, dass jene Widrigkeiten selten tagelang andauern.

"Vielleicht bewegt sich Freitag etwas Luft aus Osten auf die Küste zu", so Schrader, der als Wetterberater des deutschen Teams fungiert, "am Sonnabend sieht es wieder mau aus." Für die heutigen Rennen hatte er schon mittags abgewinkt, als noch ein diesiger Film über dem Mittelmeer stand. Die Luftdruckgegensätze seien weiterhin gering und von der Richtung ungünstig verteilt. Sie höben die schwache Seebrise auf, statt sie zu verstärken. Und mehr Thermik erzeuge die schlappe Aprilsonne halt noch nicht, denn in Valencia ist es tagsüber gerade mal 20 Grad warm.

Während der Experte von Weltruf die deutsche Mannschaft aus schwer nachvollziehbaren Gründen nur aus der Ferne mit Wetterinformationen versorgen darf, packen seine Kollegen vor Ort mangels aktueller Brise ihre Statistiken aus und sorgen damit hinter den Kulissen für mehr Wind. "Die Lage ist unglücklich, aber nicht ungewöhnlich", sagt Chris Bedford vom US-Team BMW Oracle Racing, "das hatten wir 2004 schon einmal fünf Tage lang."

Nervöse Bemühungen um Schadensbegrenzung

War das alles nur Lug und Trug mit der versprochenen Windsicherheit vor der spanischen Hafenstadt? Hat sich die ganze Region den Event doch nur mit viel Geld erkauft? Mindestens 300 Millionen Sponsoring-Euro sollen geflossen sein, noch mehr in die Infrastruktur. Das hypernervöse PR-Team des ACM bemüht sich um Schadensbegrenzung in alle Richtungen und erwähnt permanent, dass 2003 in Auckland/Neuseeland sogar mal neun Tage in Folge – meist wegen zuviel Wind – ausgefallen seien.

Nur das damals kaum jemand davon Notiz genommen hat. Diesmal wollten zehn Sender, die Halter der Fernsehrechte, packende Duelle live senden. Die Hälfte stieg schon aus oder speist die Zuschauer mit Konserven ab. Bei der ARD, die sich wie bei Olympia und der Fußball-WM täglich mit dem Zweiten abwechselt, haben die Segelkritiker längst Oberwasser, die Segeln live im Hauptprogramm ablehnten und am frühen Nachmittag sowieso lieber weiter die quotenträchtigen Telenovelas ausstrahlen. Der America's Cup wurde auf den Digitalkanal Eins Festival verbannt, den nicht mal ein Viertel aller Fernsehzuschauer empfängt. Dort werden nun teils Jahre alte Wiederholungen gesendet, aber immerhin noch Segelsport.

Mehr lesen über