Analyse Schach-WM: Kramnik rettet einen halben Punkt - DER SPIEGEL
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Analyse Schach-WM Kramnik rettet einen halben Punkt

Zweites Remis bei der Schach-WM: Titelverteidiger Anand spielte zwar ehrgeizig und gut, doch Herausforderer Kramnik konnte mit aktivem Spiel einen halben Punkt retten. Großmeister Dorian Rogozenko analysiert exklusiv für SPIEGEL ONLINE die zweite Partie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor allem zwei Fragen stellte man sich vor dieser Partie. Erstens: Wird der Weltmeister schon in seiner ersten Weißpartie scharf spielen und versuchen, Druck auf Kramnik auszuüben, oder wird er eine ruhige Taktik wählen, wie es sein Gegner gestern getan hat? Und zweitens: Was hat Anand gegen die Russische Verteidigung vorbereitet?

1.d4

Schon der erste Zug kam überraschend, denn meistens beginnt der Weltmeister seine Weißpartien mit 1.e4. Nach diesem Zug spielt Kramnik schon seit vielen Jahren die solide Russische Verteidigung, nämlich 1...e5 2.Sf3 Sf6. Womit die zweite Frage beantwortet ist: Anand kämpft nicht gegen die Russische Verteidigung, sondern vermeidet sie!

1...Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4

Die so genannte Nimzowisch-Indische Verteidigung – eine klassische Eröffnung, in der Schwarz von Anfang an um die Zentrumsfelder kämpft. Mit seinem letzten Zug verhindert Schwarz 4.e4.

4.f3

Anand zeigt seine aggressive Stimmung, denn 4.f3 gilt als die schärfste Fortsetzung in dieser Stellung. Offensichtlich setzt Anand auf den Überraschungsfaktor, denn diesen Zug hat er noch nie gespielt. Auch Kramnik hat in seiner Karriere noch nie gegen 4.f3 kämpfen müssen. Die Idee von 4.f3 ist es, anschließend e2-e4 zu spielen, wonach Weiß über ein starkes Bauernzentrum verfügt.

4...d5

Schwarz verhindert wieder 5.e4.

5.a3 Lxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5 Sxd5 8.dxc5 f5

Das Baueropfer ist nur vorübergehender Natur – Weiß muss seinen Mehrbauer bald wieder hergeben.

9.Dc2

Schlecht wäre 9.e4 fxe4 10.fxe4 wegen 10...Dh4+ und 11...Dxe4.

9...Sd7

Ein seltener Zug. Kramnik möchte den Bauern so schnell wie möglich zurück gewinnen. Bislang hat Schwarz in dieser Stellung meistens rochiert.

10.e4 fxe4 11.fxe4 S5f6 12.c6

Dieser Bauer wird sowieso bald sterben und mit diesem starken Zug verschlechtert Anand die gegnerische Bauerstruktur. Nach 12.Sf3 Sxc5 hätte Kramnik bessere Aussichten als in der Partie gehabt.

12...bxc6 13.Sf3

Beide Seiten haben viele schwache Bauern und Felder, aber Anands Läuferpaar stellt einen potenziellen Vorteil dar. Wenn Weiß die Entwicklung beenden und seine Figuren mobilisieren kann, ohne Zugeständnisse machen zu müssen, dann steht er klar besser. Deshalb muss Kramnik in den nächsten Zügen etwas unternehmen, um die Stellung zu ändern.

13...Da5 14.Ld2 La6 15.c4

Den Läufertausch zu verhindern ist die richtige Entscheidung - nur so kann Weiß auf Vorteil spielen.

15...Dc5 16.Ld3

Jetzt droht 17.Lb4, was die aktive gegnerische Dame vertreibt.

16...Sg4

Nach langem Nachdenken entscheidet sich Kramnik, die Damen zu tauschen und ein leicht schlechteres Endspiel zu verteidigen.

17.Lb4 De3+ 18.De2 0–0–0 19.Dxe3

19.Le7, mit der Idee 19...Tde8 20.Ld6 Sb6 21.Dxe3 Sxe3 22.Ke2 Sexc4 23.Se5, ist viel zu riskant. Schwarz kann dann mit 19...Db6 plötzlich doch die Damen auf dem Brett behalten und hat nach 20.Lxd8 Txd8 wegen der unsicheren Stellung des weißen Königs starke Kompensation für die geopferte Qualität.

19...Sxe3 20.Kf2 Sg4+

20...Sxc4 21.Lxc4 Lxc4 22.Thc1 Lb5 23.a4 kommt für Schwarz nicht in Frage.

21.Kg3

Nach 21.Ke2 Sde5 gewinnt Schwarz den Bauern c4.

Ohne die Damen auf dem Brett kann man es sich oft erlauben, mit dem König aktiv zu spielen. Dennoch sind noch viele Figuren am Leben und so versucht Kramnik zu Recht, taktische Motive gegen den weißen König zu nutzen.

21...Sdf6 22.Lb1

22.Thd1 Se3 23.Td2 Lxc4 stellt allerhöchstens Weiß vor Probleme.

22...h5!

Ein starker Zug: Kramnik opfert einen Bauern, um seine Figuren zu aktivieren. 22...Lxc4? verliert nach 23.e5 einen Springer.

23.h3 h4+

23...Sh6 wäre ein großer Fehler, denn nach 24.Se5 konsolidiert Weiß seine Stellung und dann sichert ihm das Läuferpaar klaren Vorteil.

24.Sxh4 Se5 25.Sf3 Sh5+ 26.Kf2 Sxf3!

Aktivität ist wichtiger als Material. Nach 26...Sxc4 27.La2 Sf4 28.Thd1 Sd3+ 29.Txd3! Txd3 30.Tc1 erhält Weiß starke Initiative.

27.Kxf3 e5

Weiß hat einen Mehrbauern, aber Probleme, seine Figuren zu koordinieren. Kramnik ist es nach dem Damentausch gelungen, sich praktische Chancen zu verschaffen. Objektiv gesehen steht Weiß besser, aber mit nur noch wenig Bedenkzeit auf der Uhr, ist es schwer für Anand, alle gegnerischen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

28.Tc1

Hier verpasste Anand die richtige Fortsetzung. Stärker war 28.Lc2!, um anschließend die Türme auf der d-Linie zu tauschen. In diesem Fall hätte Kramnik sehr viel härter um das Remis kämpfen müssen.

28...Sf4 29.Ta2 Sd3 30.Tc3 Sf4!

Es droht 31...Td1.

31.Lc2 Se6 32.Kg3 Td4

Hier bot Kramnik Remis an, was Anand mit nur noch wenigen Minuten auf der Uhr annahm. Obwohl Weiß in der Schlussstellung immer noch etwas besser steht, hat Schwarz mittlerweile klare Kompensation für den Bauern. Mit nur noch drei Minuten für die nächsten acht Züge hätte Anand viel riskiert, wenn er das Friedensangebot seines Gegners abgelehnt hätte. Deshalb: Remis.

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