Anthonys "Jab Step": Die dreifache Gefahr - DER SPIEGEL
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Anthonys "Jab Step" Die dreifache Gefahr

Wurf, Zug zum Korb oder Pass: Der "Jab Step" bietet alle Möglichkeiten, die Verteidigung bloßzustellen. New Yorks Star Carmelo Anthony hat die Bewegung perfektioniert. Wie der Knicks-Forward die Finte nutzt, erklärt das Basketball-Magazin "FIVE".
Von Tobias Jochheim
Knicks-Star Anthony: Wurf und Zug zum Korb sind gleichermaßen gefürchtet
Knicks-Star Anthony: Wurf und Zug zum Korb sind gleichermaßen gefürchtet

Knicks-Star Anthony: Wurf und Zug zum Korb sind gleichermaßen gefürchtet

Foto: EDUARDO MUNOZ/ REUTERS
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Die Bewegung

Die Memphis Grizzlies hatten in eigener Halle einen Rückstand von 17 Punkten aufgeholt. Beim Stand von 108:108 haben die New York Knicks eine letzte Chance auf den Sieg. Toney Douglas passt zu Carmelo Anthony auf den linken Flügel. Der will eigentlich das Pick-and-Roll mit Amar'e Stoudemire laufen, doch Zach Randolph schiebt diesen aus der Gefahrenzone. Anthony ist auf sich allein gestellt. Ausnahmeverteidiger Tony Allen kümmert sich um ihn, nimmt die Hände herunter und presst seinen Körper an den des Knicks-Stars.

Ein Duell an einer besonderen Stelle des Parketts: unmittelbar vor der Bank der Grizzlies. Sechs lange Sekunden verrinnen. Unmittelbar vor Ablauf der Uhr steigt Anthony aus knapp sechs Metern hoch - die letzte Finte war erfolgreich. Der Schütze fällt leicht nach hinten, der Ball weich durchs Netz. Es ist Anthonys erster Gamewinner für New York an diesem 9. März 2011.

Dass er den Wurf versuchen würde, überraschte nicht. Dass er ihn scheinbar mühelos gegen den langarmigen Allen loswerden konnte, aber schon. Schlüssel dazu war der "Jab Step": ein Bündel Ausfallschritte nach vorne und rechts, also in Richtung Korb statt zur Baseline - ansatzlos und hart wie die Gerade ("Jab"), nach der er benannt ist.

Die Analyse

Die sogenannte "Triple-Threat-Position" (dreifache Gefahr) ist eine, in der man seinen Gegenspieler gar nicht gerne sieht: Ball gefangen, kein Standbein etabliert. Nun ist alles möglich - werfen, zum Korb ziehen oder passen. In gewisser Hinsicht erhöht der "Jab Step" das Risiko nochmals, dass der Verteidiger plötzlich alt aussieht: Sobald sich der Angreifer für ein Standbein entschieden hat, kann er mit dem Sprungbein den Zug zum Korb antäuschen. Ein Schritt in Richtung Korb bedeutet für den Verteidiger "Rückzug, Korb beschützen", während ein Schritt zur Seite folgende Reaktion hervorruft: "Mitgehen, um frontal vorm Mann zu bleiben."

Darauf spekuliert der Angreifer, um vorbeizuziehen, wenn der Verteidiger angebissen und sein Körpergewicht verlagert hat. Oder er nutzt den Platz und geht zum Wurf hoch. Oder er dirigiert seinen Verteidiger schnurstracks in einen Block. Oder er spielt den Pass zum Teamkameraden, der sich in die Zone geschlichen hat. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Der "Jab Step" ist für Superstars reserviert, die sich in der Mitteldistanz am wohlsten fühlen, denen Platz geschaffen wird und deren Wurf und Drive die Verteidigung gleichermaßen respektieren muss. Diese Optionen eröffnen sich dem Angreifer allerdings nur, wenn die Täuschung überzeugend durchgeführt wird.

Die Haltung ist gebückt, der Ball wird nach außen neben das gebeugte Knie des Sprungbeins gebracht, um das Dribbling anzutäuschen. Wichtig ist dann, einen Sekundenbruchteil zu pausieren, um eine Reaktion des Verteidigers zu provozieren. Weicht der zurück, positioniert der Angreifer seine Füße wieder leicht versetzt und kann werfen. Will der Verteidiger genau das verhindern, indem er auf seinen Mann zustürzt, beginnt der Angreifer sein Dribbling und prescht vorbei.

Das Gegenmittel

"Keep calm and carry on" - mit diesen Worten warb die britische Regierung im Zweiten Weltkrieg um Gelassenheit, insbesondere für den Fall deutscher Angriffe. Zur Verteidigung des "Jab Step" gilt dasselbe: Nicht zu früh, nicht zu aggressiv bewegen. Ruhe bewahren ist die erste Defensivpflicht. Wer sich selbst nicht vom Fleck bewegt, behält schließlich den idealen, zuvor eingenommenen Abstand zum Angreifer bei. Somit bleibt das Duell ausgeglichen. Mit etwas Glück folgt ein überhasteter Wurf, ein überambitionierter Drive samt Offensivfoul oder ein Schrittfehler.