Arbeitslose Profis Berufsverbot auf Zeit
Torhüter Vortmann (2008 in Berlin): "Prekäre Situation für uns alle"
Foto: Matthias Kern/ Bongarts/Getty ImagesJens Vortmann ist ratlos. "Es ist eine prekäre Situation für uns alle", sagt der Handballtorhüter vom DHC Rheinland in Dormagen. An seiner Stimme ist die Enttäuschung deutlich zu erkennen. Enttäuschung darüber, dass sein Arbeitgeber beim Amtsgericht Düsseldorf Insolvenz angemeldet hat. "Das war ohne Ankündigung", erzählt der 23-Jährige. Immerhin: Bis zum Ende der Transferperiode am 15. Februar ist noch ein paar Tage Zeit, um sich einen anderen Job zu suchen. Theoretisch jedenfalls.
Die Praxis aber sieht anders aus. Denn der bestellte vorläufige Insolvenzverwalter, Dirk Andres, hat den Beratern der Profis nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lakonisch erklärt, dass ein Vereinswechsel "ohne Zahlung einer Ablöse" nicht in Betracht komme, da der Spielbetrieb zunächst durch ihn weitergeführt werde. Andres wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern.
Vortmann macht diese Aussage fast sprachlos. "Das würde unsere Lage noch zusätzlich erschweren." Denn die interessierten Vereine, weiß der Profi, hätten angesichts der fortgeschrittenen Saison kaum Möglichkeiten, den Transfer zu finanzieren. "Die Vereine können sich die Gehälter für vier Monate leisten, aber nicht noch eine Ablösesumme."
"Eine wirklich beschissene Situation"
Noch drastischer drückt es Johannes Bitter aus. "Das ist eine wirklich beschissene Situation", sagt der Nationaltorhüter vom HSV Hamburg, der als Vorstand der Spielervereinigung Goal die Interessen vieler Profis vertritt. "Man muss an die Spieler denken. Es kann doch nicht sein, dass diese jetzt gezwungen sind, eine Ablöse zu organisieren." Zumal Ablösesummen "nahezu ausgeschlossen" seien, glaubt Bitter.
Das schlimmste Szenario, das den Profis droht, ist dies: Der Insolvenzverwalter beharrt bis zum 15. Februar auf einer Ablösesumme, weshalb die Spieler in Dormagen bleiben müssen. Der DHC Rheinland arbeitet zwar an der Fortsetzung des Spielbetriebs. Doch laut Liga-Geschäftsführer Frank Bohmann ist auch die Einstellung des Spielbetriebs nicht ausgeschlossen. Dann wären die Profis nicht nur arbeitslos. Sie könnten auch in Deutschland bis zur neuen Saison nicht mehr als Profi anheuern, weil die Transferperiode abgelaufen ist. Das bestätigen Bohmann und auch der Justiziar der Handball-Bundesliga (HBL), Andreas Thiel. Nur ein Wechsel ins Ausland wäre möglich.
Maßgebliche Grundlage ist die Spielordnung des Deutschen Handballbundes (DHB), sagt Thiel. Verstieße die HBL dagegen, würde der "Spielbetrieb auseinanderfliegen", heißt es bei der Liga: Dann würden Klagen auf die Handball-Bundesliga zurollen. Angesichts der heiklen Lage für die Spieler sieht man bei der Liga "großen Handlungsbedarf".
Die Sache ist grundsätzlich von Bedeutung. In dem Fall DHC Rheinland jedoch kommt hinzu, dass den Spielern am 7. Februar eine Kündigung zum 15. März ausgesprochen wurde. Deshalb seien Ablösen ohnehin nicht mehr fällig, meint der Wuppertaler Rechtsanwalt Alexander Goldberg, der fünf Dormagener Profis vertritt. "Vor diesem Hintergrund bin ich beauftragt worden, mögliche Schadensersatzforderungen geltend zu machen und gegebenenfalls auch Strafantrag zu stellen", sagte Goldberg SPIEGEL ONLINE. Auch im Fußball gebe es in vergleichbaren Situationen solche Versuche, noch Ablösesummen zu generieren, so Goldberg.
Warum die Gewerkschaft der Profifußballer von Berufsverbot auf Zeit spricht und der Insolvenzverwalter in der Zwickmühle sitzt
Tatsächlich ist die Lage im deutschen Fußball ähnlich. Nach dem Ende der bis 31. Januar laufenden zweiten Transferperiode einer Saison dürfen selbst arbeitlose Spieler nicht mehr bei einem Club anheuern, um sofort in den Spielbetrieb einzusteigen. Sie können erst zu Beginn der nächsten Transferperiode (1. Juli bis 31. August) eingesetzt werden.
"Das ist quasi ein Berufsverbot für mehrere Monate", sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Seine Spielergewerkschaft setze sich seit Jahren dafür ein, diese Regelung zu ändern und grundsätzlich die Transferperioden für vereinslose Profis auszuweiten.
Vor allem, wenn Clubs mitten in der Saison Insolvenz und den Spielbetrieb einstellen müssen, seien die Spieler die Leidtragenden. "Die haben sich auf die Lizenzierung verlassen und können nichts für die Situation", so Baranowsky, "die Insolvenz-Betroffenen stehen auf der Straße und sind plötzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen."
Der Deutsche Fußball-Bund begründet die strikten Wechselregelungen mit Wettbewerbsgleichheit. Baranowsky kann dieses Argument kaum nachvollziehen. "Jeder Club hätte doch die gleichen Chancen, einen vereinslosen Spieler zu verpflichten. Zudem benötigen die meisten Spieler, die lange nicht gespielt haben, bei ihrem neuen Club eine längere Eingewöhnungszeit, um wieder in Topform zu kommen."
Bislang gab es noch keine Klage eines Spielers gegen die Wechselregelung. Dabei sieht Baranowsky gute Chancen, vor Gericht zu gewinnen. Der Aufwand sei jedoch nicht zu unterschätzen. "So ein Verfahren würde sicherlich viele Monate dauern", sagt Baranowsky, "das hat betroffene Spieler bisher abgeschreckt."
Insolvenzverwalter in der Zwickmühle
Auch der vorläufige Insolvenzverwalter im Fall Dormagen befindet in einer schwierigen Situation: Einerseits ist er verpflichtet, möglichst viel Masse, sprich Geld, für die Gläubiger der insolventen Gesellschaft zu akquirieren. "Er muss so vorgehen. Wenn er die Spieler so gehen ließe, beraubt er sich seiner Geschäftsgrundlage", erklärt Handball-Funktionär Bohmann. Andererseits muss er aber auch die Interessen der betroffenen Arbeitnehmer vertreten, in diesem Fall die der Handballprofis.
Ein weiterer relevanter Aspekt ist, dass die Profis im Falle einer Einstellung des Spielbetriebs Insolvenzgeld (etwa bis Ende April) und Arbeitslosengeld (etwa zwei Monate bis Ende Juni) erhielten. Dadurch würde auch die öffentliche Kasse steuerlich belastet. Liga-Justiziar Thiel drückt es so aus: "Es wäre schade, wenn man den Spielern so eine Weiterbeschäftigung verbauen und die Solidargemeinschaft unnötig belasten würde."
DHC-Profi Vortmann hat sich mit diesen juristischen und steuerlichen Dingen nicht auseinandergesetzt. Aber er erwartet vom vorläufigen Insolvenzverwalter, der sich am Donnerstagabend mit den Betroffenen trifft, eine Lösung in seinem Sinne. "Ich hoffe wirklich, dass wir auch ohne Ablöse wechseln dürfen."