Armstrongs Abschiedstour: Das Gesetz des Stärksten - DER SPIEGEL
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Armstrongs Abschiedstour Das Gesetz des Stärksten

Obwohl Lance Armstrong überlegener denn je dem Rekordsieg bei der Tour de France entgegenradelt, wird er es möglicherweise bei sechs Erfolgen belassen. Der US-Amerikaner will sich angeblich im kommenden Jahr auf andere Rennen konzentrieren. Bevor er aber Frankreichs Straßen räumt, nutzt er jede Siegchance.
Von Till Schwertfeger
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Bernard Hinault weiß den Ertrag harter Arbeit zu schätzen. Der fünffache Gewinner der "Tour der Leiden" verdingt sich seit dem Ende seiner Radsportkarriere als Landwirt in seiner bretonischen Heimat. Im Juli aber empfängt der offizielle Repräsentant der Tour de France täglich den Träger des Gelben Trikots auf dem Podium des Zielortes. "Keine Geschenke! Gut so", nickte Hinault in Le-Grand-Bornand Lance Armstrong zu, der soeben auch die dritte Alpenetappe als Erster beendet hatte, und schüttelte kräftig die Hand des US-Amerikaners. Einige Zuschauer jedoch quittierten die übermenschliche Leistung Armstrongs mit Pfiffen, unmenschlich finden sie seinen Siegeswillen. Ob er der Nachfolger von Eddy Merckx als Kannibale sei, fragten die Reporter.

Einen halben Meter vor der Ziellinie war diesmal T-Mobiles Shootingstar Andreas Klöden Opfer der Überlegenheit Armstrongs geworden. Aus der fünfköpfigen Spitzengruppe war der Dritte in der Gesamtwertung davongespurtet, Floyd Landis (US Postal), Ivan Basso (CSC) und Jan Ullrich (T-Mobile) konnten nicht folgen, und auch Armstrong schien distanziert. Doch seinen ersten Etappensieg vor Augen bekam Klöden einen Krampf im rechten Oberschenkel. Als der 29-Jährige sich deshalb umdrehte, sah er, wie Armstrong mit letzter Kraft heranschoss und ihn noch überholte. Ein Miguel Indurain, fünffacher Champion Anfang der neunziger Jahre, hätte ihm sicherlich den Erfolg überlassen, mutmaßte Klöden anschließend. "Aber Lance ist Lance", fügte er achselzuckend hinzu, "der nimmt jetzt alles mit, was er kriegen kann."

So dominant wie keiner

Auf seinem Weg zum sechsten Toursieg fährt Armstrong so aggressiv wie nie. Neben dem Erfolg im Mannschaftszeitfahren mit seinem US-Postal-Team gewann er vier der fünf Tagesabschnitte im Hochgebirge, zwei davon im Sprint. Kein Champion der Nachkriegsgeschichte war so dominant. "2003 war er verwundbar, aber dieses Jahr habe ich noch keinen schwachen Punkt bei Armstrong gesehen", sagt Mario Kummer, Sportlicher Leiter des erneut geschlagenen T-Mobile-Teams, bewundernd. "Er ist so stark wie 2001 bei seiner besten Tour de France", urteilt Ullrich-Mentor Rudy Pevenage.

Ist der US-Amerikaner auch im abschließenden Zeitfahren morgen in Besancon der Schnellste - woran kein Experte mittlerweile mehr zweifelt, hätte er seine erfolgreichste Tour de France hinter sich. Es wäre ein großartiger Abschluss seiner Frankreich-Abenteuer.

Die "New York Times" titelt in ihrer heutigen Ausgabe: "Armstrong will not return to Tour de France". Angeblich hat der 32-Jährige die Organisatoren der Grande Boucle darüber informiert, dass er nach seinem Rekordsieg nicht mehr an seinem Lieblingsrennen teilnimmt. Begründung: Er wolle zum Ende seiner Karriere auch mal die Zeit haben, sich auf andere große Rundfahrten wie den Giro d'Italia oder die Vuelta d'Espana vorzubereiten. Dann will sich der beste Radfahrer der Welt natürlich auch dort in den Siegerlisten verewigen. Am Giro hat Armstrong bislang noch nicht teilgenommen, aber auf Vuelta-Erfahrung kann er zurückblicken. Im Herbst 1998 feierte Armstrong mit einem vierten Platz in der Gesamtwertung ein sensationelles Comeback nach seiner zweijährigen Pause infolge seiner Krebserkrankung. Der Auftritt bei der Vuelta spiegelt auch die Wandlung Armstrongs vom einstigen Klassikerspezialisten zum überragenden Rundfahrer wider.

Neuorientierung angedeutet

Dass er in jedem Fall weiter Radrennen fahren wird, bestätigte Armstrong gestern amerikanischen Journalisten. US-Postal-Sprecher Jogi Mueller erklärte: "Lance hat sich allerdings noch nicht entschieden, an welchen Rennen er teilnimmt." Der Discovery Channel, der ab der kommenden Saison US Postal als Namenssponsor ablöst, geht nach eigenen Angaben noch davon aus, dass Armstrong auch 2005 die Tour de France fährt. Doch der Seriensieger scheint sich wirklich neu zu orientieren. "Ich glaube, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem ich auf andere Radrennen schauen sollte", zitiert die Nachrichtenagentur AP ihren Landsmann. Freudestrahlend wie niemals zuvor tritt Armstrong dieser Tage auf dem Podium auf, so als wisse er, dass er seine Triumphgefühle beim berühmtesten Radrennen der Welt zum letzten Mal genießt.

Morgen in Besancon, nach dem contre-la-montre und vor der Tour d'honneur in Paris, wird damit gerechnet, dass Armstrong die Weltöffentlichkeit in seine Zukunftspläne einweiht. Eine Entscheidung gegen die Frankreich-Rundfahrt dürfte sein Leben verändern. "Es ist wegen der Tour de France, dass ich jeden Morgen aufstehe", hatte er nach der Genesung von seiner Krebskrankheit immer wieder betont.