Astana-Rennstall: Schweizer Schweigen - DER SPIEGEL
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Astana-Rennstall Schweizer Schweigen

Der Astana-Rennstall gerät wieder in die Kritik. Dieses Mal geht es nicht um Doping, sondern um die Taktik im Rennen und den Einfluss des Sponsors. Doch für Andreas Klöden gibt es noch eine Chance auf den Toursieg. Am liebsten möchte man bei seinem Arbeitgeber aber möglichst wenig sagen.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Pressekonferenz beim Team Astana dient vor allem einem Zweck: Keine Fragen aufkommen zu lassen. Zu diesem Zweck stellt die Pressesprecherin vorab schonmal fest, dass ausschließlich "sportliche Fragen" zugelassen sind. Als die Journalisten trotz dieser Einschränkung überraschenderweise den Saal nicht gleich wieder verlassen, versuchen Manager Marc Biver und der Sportliche Leiter Mario Kummer, in umfassenden Statements alle möglichen Einwände schon vorab auszuräumen, während Andreas Klöden demonstrativ gelangweilt in einer Broschüre des Rennstalls blättert und sich wie seit dem Tourstart in London gewohnt unter einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe versteckt. Länger als dreißig Minuten darf das Ganze auch nicht dauern, leider - denn so bleibt kaum Zeit für all die Fragen, die aus Astana-Sicht nicht gestellt werden sollen. Die sich aber am Ruhetag der Tour reichlich aufdrängten.

Im Zentrum steht dabei jener Zweifel, den die französische Sportzeitung "L'Équipe" gestern so formulierte: "Irren sich die Astanas in ihrem Anführer?" Auf der Sonntagsetappe hoch nach Tignes war der kasachische Teamkapitän Alexander Winokurow in der ersten Verfolgergruppe wenige Kilometer vor dem Ziel abgehängt worden. Zur allgemeinen Überraschung wartete der in der Gesamtwertung wesentlich besser liegende Klöden auf Winokurow, zog ihn im Windschatten ins Ziel - und büßte dabei eine Minute ein.

Der Deutsche beschrieb die Szene so: "Stück für Stück kamen wir näher an die Gruppe heran und konnten fast aufschließen, bis Vino Probleme bekam. Klar hätte ich auch alleine weiterfahren können. Wir waren uns aber schnell einig darüber, dass ich auf Vino warte und wir so gemeinsam versuchen, den Abstand in Grenzen zu halten, was uns letztlich auch gut gelungen ist".

Am Abend vor der Presse klang das dann etwas anders. Der Sportliche Leiter Kummer erklärte detailliert, dass auch Klöden auf Grund seiner Sturzverletzung gar nicht mit dem Tempo der Verfolgergruppe hätte mitgehen können - und bügelte so mögliche Kritik gleich ab. Demzufolge war als dritter Astanafahrer der Kasache Andrej Kaschetschkin weiter vorne mitgefahren, statt Winokurow zu helfen. Die Entscheidung verantwortete Kummer. Während beim schweizerischen Rennstall offenbar eine gewisse Uneinigkeit darüber herrscht, zu welchen Leistungen Klöden momentan fähig ist, löste die eigenwillige Taktik nicht nur bei "L'Équipe", sondern auch bei den anderen Teams Unverständnis aus. Wo man sich am Ruhetag, bei dem die Teams traditionell zu Pressegesprächen laden, auch umhörte - niemand mochte Klödens Amtshilfe verteidigen.

Der neue T-Mobile-Star Linus Gerdemann kommentierte: "Ich kann die Astana-Taktik nicht nachvollziehen. Klar ist Winokurow in Kasachstan ein sehr populärer Mann, aber ich halte es für einen Fehler, Klöden zu opfern." Gerdemanns Bemerkung spielte auf den starken Einfluss der kasachischen Sponsoren an, die unbedingt einen Einheimischen als Toursieger sehen wollen. Ähnlich wie das Team Telekom in den Neunzigern in Deutschland firmiert Astana als eine Art inoffizielle Rad-Nationalmannschaft, die von dem Staat nahestehenden Konzernen finanziert wird. Am Sonntag inspizierte der Verteidigungsminister Kasachstans - der zugleich Präsident des dortigen Radsportverbandes ist - als Beifahrer im Begleitfahrzeug seine Kämpfer auf zwei Rädern.

Ob Astana für den Erfolg systematisch zu ähnlichen Mitteln greift wie die deutschen Widergänger in den Neunzigern, ist ungeklärt. Der dringend dopingverdächtige Italiener Eddy Mazzoleni erklärte zumindest gestern, dass er seinen Vertrag mit dem Team beendet. Astana-Sprecherin Corinne Druey versicherte, dass der Rennstall keinen Druck auf Mazzoleni ausgeübt habe. Matthias Kessler war wegen seiner rekordverdächtigen Testosteronwerte, auf die selbst Floyd Landis neidisch sein dürfte, bereits vor wenigen Tagen von Astana entlassen worden.

Neben dem Dopingproblem hat Astana nun auch ein Taktikproblem. Oder ein paar Schwierigkeiten im Hinblick darauf, wer im Rennstall eigentlich das Sagen hat. Nach der Pressekonferenz deutete Kummer an, dass die endgültige Entscheidung über das weitere Vorgehen vielleicht erst am kommenden Samstag fallen werde - falls auf der letzten Alpenetappe heute nach Briançon keiner seiner Topfahrer schwächelt. Dann steht im südfranzösischen Albi ein schweres Zeitfahren an.

Falls Klöden, der zuletzt hervorragende Leistungen im "contre-la-montre" zeigte, dort Winokurow distanziert, fährt er möglicherweise doch als Kandidat auf den Gesamtsieg in die Pyrenäen. Stärker als sein Teamkapitän wirkt er ohnehin bereits seit dem Start in London. Kummer formulierte die Option so: "Wir werden lieber mit Klöden Erster als mit Winokurow Dritter oder Vierter." Die Sponsoren hören das möglicherweise nicht so gerne.

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