(Aus dem SPIEGEL 37/2000) Titel: Der Marathonmann - DER SPIEGEL
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(Aus dem SPIEGEL 37/2000) Titel Der Marathonmann

Als Dieter Baumann 1992 olympisches Gold über 5000 Meter gewann, geriet er zum Symbol des sauberen Sports. Die Rolle gefiel ihm, er lebte sie aus ­ bis in zwei Urinproben Dopingspuren entdeckt wurden. Seitdem ist er Hauptdarsteller in einem Glaubenskrieg. Von Alexander Osang
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

St. Moritz scheint noch sicher. Hier ist die Zeit irgendwann in den siebziger Jahren stehen geblieben. Die Luft ist gut, die Farben sind kräftig, die Menschen in den Liegestühlen und an den Rezeptionen könnten in einem alten James-Bond-Film mitspielen, in dem die Welt noch in Gut und Böse aufgeteilt ist.

Seit zwölf Jahren fährt Dieter Baumann, 35, nach St. Moritz ins Trainingslager. Er hat sich hier auf die drei Olympischen Spiele vorbereitet, an denen er teilnahm. St. Moritz ist hoch, es ist schön, vor allem aber ist es vertraut. Es ist die heile, unberührte Welt des Westens, und auf den ersten Blick scheint auch in diesem Sommer alles zu sein wie immer. Der See ist ruhig, und neben dem Schlüsselbrett der "Residenz am See", in der Baumann wohnt, hängt auch das Heiligenbild aus Barcelona, auf dem er entrückt die Arme ausbreitet und die Augen Richtung Himmel verdreht.

Dieter Baumann ist in guter Form, das Training läuft besser als gedacht, er trifft den Punkt, wie er es nennt. Er hat sich die Haare wieder ein bisschen wachsen lassen, so dass sie sich vorn zu einem mephistophelischen Dreieck zusammenschieben und an den Seiten lustig abstehen. Er liest keine Zeitung, er hört keine Nachrichten, die sich mit ihm beschäftigen. Sagt er. Er stellt sich vor, wie das Rennen in Sydney aussehen könnte, während er durch die Bergwälder läuft. Ein hartes Rennen, ein Rennen, in dem er sehr früh und sehr lange an seinem Limit laufen muss, glaubt er. Er denkt nur an den Vorlauf. Das ist sein Ziel. Der Vorlauf am 27. September.

"Ich habe hier oben versucht, eine gewisse Gleichgültigkeit herzustellen", sagt Dieter Baumann.

Diese Woche aber muss er raus aus dem Paradies und in die richtige, wilde Welt zurück. Zwei Wochen vor dem Vorlauf über 5000 Meter fliegt er nach Australien, wo ein Schiedsgericht des Internationalen Leichtathletik-Verbands (IAAF) am Freitag darüber entscheiden wird, ob er an den Olympischen Spielen teilnehmen darf oder nicht. Es ist das letzte Urteil in einer Reihe von Urteilen und Verfahren, die in diesem Jahr stattfanden. Es gibt immer noch zwei positive Dopingproben, es gibt ein paar Verdächtigungen, ein paar Gegendarstellungen, einen Lügendetektortest, eine Schamhaaranalyse, ein paar anonyme Briefe und jede Menge Experten, Funktionäre und Juristen, die mal dies sagen und mal jenes. Baumann wurde zuerst suspendiert, die Suspendierung wurde mehrfach bestätigt, dann aber wieder aufgehoben. Jetzt droht eine erneute Sperre.

"Für einen Sportler ist es wie eine Todesstrafe", sagt Baumann in das schlecht besuchte italienische Restaurant am türkisfarbenen See. Zwei alte Damen schauen erschrocken von ihrem Dessert auf. Dieter Baumann bemerkt sie nicht, sein Leben ist bedroht. "Wenn ich ein Anhänger von George W. Bush bin, aber unschuldig in der Todeszelle sitze, darf ich mich doch wohl trotzdem wehren." Oder anders. "Überall sind Hexen", sagt Baumann. "Keiner wagt, mich zu unterstützen, weil man dann selber als Hexenmeister gilt." Die Damen tun so, als würden sie nicht mehr zuhören.

Die Mittagsonne brennt auf St. Moritz, Baumann sucht nach einer Analogie zum Laufen. "So ein 5000-Meter-Lauf ist wie eine Jagd. Als würde man ein Tier hetzen. Laufen ist ja die ursprünglichste menschliche Fortbewegungsart. Wir liefen, um zu jagen. Oder natürlich vor Gefahren weg. Aus Angst. Wobei mir der Gedanke an die Jagd natürlich besser gefällt." Baumann lächelt beim Sprechen, was seinen Worten oft einen Hintersinn zu geben scheint. Aber nicht immer. Er scheint noch einen Moment seinem Vergleich hinterherzustarren, dann sagt er: "Ich bin in Deutschland ja immer allein vorneweg gelaufen. Das ist schwierig. Da kann man nur von Runde zu Runde denken."

Er lächelt. Er ist allein in Deutschland oder der König von Deutschland, er ist voraus. Es passt.

Dieter Baumann hat die Maßstäbe verloren, aber das ist nicht seine Schuld allein. Es ist nur schwer nachzuvollziehen, wie jemand empfindet, der unschuldig in einen solchen Dopingverdacht gerät. Man kann sich kaum wehren, es klebt wie Pech. Noch schwerer nachzuvollziehen ist es, wie Dieter Baumann empfindet, wenn er unter Dopingverdacht gerät. Dieter Baumann ist kein einfacher Dopingverdächtiger.

Er ist ein Symbol.

Als Baumann in Barcelona durchs Ziel rannte, beglückwünschten sich die siegestrunkenen Fernsehreporter. Ihr Mann hatte gewonnen. Der weiße Kenianer aus Baden-Württemberg. Man konnte also sowohl die Neger als auch die Ostler mit fairen Mitteln schlagen. Als Minuten später auch noch Heike Henkel im Hochsprung gewann, war ihr Glück perfekt. "Ein Sieg des sauberen Sports", riefen die Reporter. Katrin Krabbe aus Neubrandenburg war gerade suspendiert worden. Alles kommentierte sich gegenseitig, dies schien die Sternstunde eines neuen gemeinsamen deutschen Sports zu sein. Aber es war wie so vieles nur ein großes Missverständnis.

Es gab niemanden, der sich als Identifikationsfigur weniger eignete als Baumann. Er hatte sich gegen eine bedingungslose Zusammenlegung von Ost- und West-Sportverbänden gewehrt. Er sprach diesen furchtbaren Dialekt. Er hatte dicke Werbeverträge mit Bayer und Asics, er war blässlich und interessierte sich nur für sich selbst. Er war ein Westler. Heike Henkel schien auch blässlich und zickig und ließ sich in "Keine Macht den Drogen"-T-Shirts fotografieren, aber sie hörte wenigstens bald auf. Baumann lief weiter. Er war das Ende und der Anfang. Er war das Vorbild, die Konstante, so sollte der deutsche Sportler der Zukunft aussehen. Er lief und redete und redete. Im Westen wurde er zum Sonnengott, der ähnlich wie Boris Becker den größten Unsinn erzählen konnte, ohne dass es unangenehm auffiel. Als er einst sagte, er fahre nicht zur WM nach Athen, um sich dort zum Brathähnchen machen zu lassen, war das in Ordnung. Als er dann doch antrat, war es auch okay. Der Dieter wird schon seine Gründe gehabt haben. Im Osten war er das Sinnbild des schwäbelnden Besserwissers, der nicht Ruhe gibt, bis der letzte Rest an schönen Erinnerungen zerstört ist.

Niemanden sahen die Leute hier so gern fallen wie ihn. Und es gibt niemanden, der durch einen Anschlag so zu verletzen ist wie er.

Ein Motiv dafür, seine Zahnpasta zu vergiften, muss man also nicht lange suchen. "Es ist ein Ost-West-Konflikt", sagt auch Dieter Baumann, um erst mal eine Falle aufzustellen. Verstehen kann er das alles aber nicht. "Es ist doch schon so lange her."

Baumann ist einer der wenigen aktiven BRD-Sportler, die noch die Ländervergleiche mit der DDR kennen. Er beschreibt fröhlich "die hellblaue Mauer der DDR-Mannschaft, neben der unsere bunte Truppe wie ein Hippiehaufen wirkte". Er hat gegen die hellblaue Wand am Ende gewonnen. Wie sein Land musste er sich bislang nie von seinen Vorurteilen trennen. Das fällt jetzt natürlich um so schwerer, wie man schon bei Helmut Kohl sah, mit dem sich Baumann ganz am Anfang seiner Dopingaffäre wohl nicht zufällig solidarisierte. Baumann will nichts unversucht lassen. Er probiert auch die gönnerhaften West-Onkel-Anbiederungsversuche, indem er DDR-Läufer wie Hansjörg Kunze und Hagen Melzer lobend erwähnt und nun auch "nachfühlen kann, wie sich Grit Breuer damals gefühlt haben muss". Ihren Trainer Thomas Springstein mag er sowieso, "weil der so professionell arbeitet". Dann sagt Baumann noch: "Ich bin ja eigentlich ein Linker. Ich bin so links, dass ich sogar dem Kommunismus was Positives abgewinnen kann. Von der Idee her, meine ich."

Seit damals im November, als er den Anruf vom DLV bekam, ringt er um seine Fassung.

"Ich habe hier eine positive Probe", sagte der DLV-Mann am Telefon mit zitternder Stimme.

"Ja, und", antwortete Baumann fröhlich. "Von wem?"

"Von dir, Dieter. Von dir."

Zwischen dem persönlichen Ton und den bedrohlichen Probenwerten verlor Baumann die Kontrolle, aber nicht die Geschwindigkeit. Er bewegte sich unentwegt. Er telefonierte, versammelte die Getreuen um sich. Er rief den DLV-Chef Helmut Digel an, der ihm riet, einen Rechtsanwalt mit zur Anhörung zu bringen, dann fragte er den Journalisten Josef-Otto Freudenreich, der eine Biografie über ihn geschrieben hatte, wie man eine Pressekonferenz organisiert. Dann legte er die Einladungen aufs Faxgerät. Natürlich hatte er noch keine Erklärungen, aber was bedeutete das schon. Er war Dieter Baumann, er war der Dieter, und er war gewillt, alles aufzuklären. Das musste man doch respektieren.

Baumann unterschätzte die Zahl der Feinde, die er sich gemacht hatte und die Verwerfungen und Interessenlagen, die es unter der Oberfläche des Sports gibt. Und er unterschätzte vor allem die Stabilität des Systems, für das er sich jahrelang eingesetzt hatte.

Er spaltete das Volk fast augenblicklich.

Es begann ein Glaubenskrieg, den man in den Sportteilen der beiden besten deutschen Tageszeitungen verfolgen konnte. In der "Frankfurter Allgemeinen" kamen die Gegner Baumanns zu Wort, in der "Süddeutschen Zeitung" seine Anhänger. Thomas Kistner von der "SZ" fand "Baumanns Argumentation sehr schlüssig", Hans-Joachim Waldbröl von der "FAZ" berief sich "auf die beiden positiven Proben als bislang einzigen Beweis". Kistner arbeitete mit dem Kölner Dopinglabor um Wilhelm Schänzer zusammen, der auch entlastende Untersuchungen durchführte, Waldbröl mit der Konkurrenz aus Nürnberg. Waldbröl erwähnte, dass Schänzers Labor "hinter vorgehaltener Hand mit dem Chemiesaal einer Schule verglichen" worden sei. Kistner wiederum erfuhr "im kleinen Kreis hernach" von der Tübinger Staatsanwaltschaft, dass Baumann die Zahnpastatuben nicht ohne fachkundige Hilfe hätte präparieren können. Kistner interviewte die Tübinger Kriminalpolizei, die Baumann nach mehrstündigen Vernehmungen für glaubwürdig befand, Waldbröl interviewte den Dopingforscher Klaus Müller aus Kreischa, um die Haaranalyse lächerlich zu machen, die Baumann auf Anraten des DLV-Rechtsausschusses hatte anfertigen lassen. Der normal gebildete Zeitungsleser konnte den biochemischen und juristischen Feinheiten kaum noch folgen.

Beim Wettkampf in Nürnberg, wo Baumann die Olympianorm lief, wollen manche Journalisten "Dieter! Dieter!"-Sprechchöre gehört haben, andere, die neben ihnen standen, aber nicht.

Waldbröl nannte die Richter des DLV, die Baumann freisprachen, mal "Laienrichter", mal "so genannter unabhängiger Rechtsausschuss". Als vorvergangene Woche bekannt wurde, dass Experten der Stasi damals auch einmal das Vergiften von Zahnpasta diskutiert hatten, glaubte Kistner das fehlende Glied in der Indizienkette erkannt zu haben.

Solange es keinen endgültigen Beweis gibt, ob Baumann wissentlich gedopt hat, muss niemand nachgeben. Sie können sich noch fester verbeißen. Baumann kann das nur recht sein. Solange diskutiert und gestritten wird, ist er noch am Leben. Bislang verschwanden Dopingfälle sehr schnell im Dunkeln. Baumann aber hielt die Sache kontinuierlich an der Öffentlichkeit. Er stellte eine Strafanzeige, er setzte ein Kopfgeld von 100 000 Mark aus, er stellte sich einem Lügendetektortest, er ließ sich stundenlang von der Polizei verhören und seine Wohnung auf den Kopf stellen. Und er streute Verdächtigungen aus.

Wenn man ein paar Stunden mit ihm redet, gleicht die Welt einer Löwengrube. Clemens Prokop, der DLV-Jurist, habe mit dem Thema "Die Grenzen der Dopingverbote" promoviert, sagt Baumann. Und lächelt vielsagend. Er deutet enge Beziehungen zischen Prokop und Waldbröl an. Und lächelt vielsagend. Der Läufer Stéphane Franke soll leichenblass gewesen sein, als Baumann in Nürnberg die Qualifikation schaffte, sagt Baumann. Außerdem wohne Franke jetzt in Potsdam, im Osten, und sei auch gern in Amerika, wo leicht an Dopingzeug heranzukommen sei. Franke lobe die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR und habe immer schon Tabletten geschluckt. Mit beckenbauerscher Leichtigkeit lässt Baumann diese Sachen fallen. Er pendelt zwischen Sonnenkönig und Paten. Die alte Unantastbarkeit mischt sich mit der neuen Ohnmacht.

"Das Kapitel 'FAZ' rollen wir auch noch auf. Und wenn ich da einen Studenten ransetze", sagt er.

Wer ist wir?

"Meine Jungs und ich."

"Ich muss den Leuten da draußen nicht drohen. Der Feind kennt mich. Er weiß, dass ich nicht nachgeben werde", sagt er. "Andererseits nimmt der Stéphane ein Geheimnis mit ins Grab. Der ist so ein Typ. Gewonnen hat er gegen mich übrigens nie. Seine Frau wäre eine Chance, aber ich glaube nicht, dass er der was erzählt hat. Ich gehe davon aus, dass es kein Fremder ist. Wenn er bezahlt wurde, melkt er jetzt die Kuh. Wenn sein Auftraggeber nicht mehr bezahlen will, kommt er irgendwann zu mir. Nur wenn er aus dem Osten kommt, wird es schwierig. Dann geht es nicht um Geld, sondern um Ideologie. Ich war der Feind in gewissen Kreisen, zumal ich in einer Disziplin war, in der man Geld verdienen konnte. Im Wurf wird natürlich nicht so viel verdient. Und wenn man sieht, wer im Wurf startet und wer die trainiert, weiß man mehr. Da kommt es auf den Punkt. Ich kann natürlich nicht viel sagen, ich tappe noch im Dunkeln. Aber seit zwei Jahren wurden die Gerüchte gegen mich gestreut. Von hochrangigen Funktionären, dass der Baumann auch nicht koscher ist. Jetzt haben sie mich da, wo sie mich hinhaben wollen. Die, die immer gesagt haben, im Sport geht nichts ohne Doping, reiben sich die Hände."

Und nach einer Pause: "Aber zu früh. Zu früh. Ich gebe nicht auf. Da hat mir der Leistungssport geholfen. Ich kann an der Grenze laufen."

Zweimal huscht seine Frau Isabelle vorbei. Ein Schatten. Selbst Leute, die sich sonst nicht so für Sport interessieren, glauben, jetzt sagen zu dürfen: Die Frau war's. An ihrem Geburtstag haben sie den Lügendetektortest gemacht.

"Ich könnte mir schönere Geburtstage vorstellen", sagt Dieter Baumann leise. Er wirkt müde manchmal, vielleicht hat er das alles schon zu oft erzählt. Vielleicht begreift er, dass die Zusammenhänge fehlen.

"Beim Laufen muss man für alles Bilder haben", sagt er. "Für jede Situation ein Bild. Was mache ich, wenn sich da eine Lücke auftut und so weiter. Wenn mir die Bilder fehlen, fange ich an zu denken. Wenn ich anfange zu denken, verliere ich Zeit. Das ist das Gute an den Afrikanern, die denken nicht. Die sind viel unbefangener."

Am Nachmittag fährt er hoch auf den Berg. In der letzten Zeit schlief Baumann dreimal die Woche dort oben in über 3000 Meter Höhe, um seine Blutwerte zu verbessern. Ein Tourist mit Knickerbockern starrt ihn auf dem Weg zur Gondel an wie ein Ausstellungsstück und ruft: "Ischt er's, oder ischt er's nicht?" Baumann schweigt. Er trägt ein kleines Armband, mit dem er die UV-Bestrahlung in der Höhe für eine Wissenschaftlerin misst. Man denkt an verbotene Mittel, wenn man es sieht, und er weiß, dass man das denkt, und er lacht. "Die Sponsoren verhalten sich loyal, wenn auch paralysiert", sagt er. Das kann viel bedeuten. In der Gondel starren ihn die Leute an, man weiß nicht, was sie denken. Draußen auf dem Gletscher fährt seine Frau mit den beiden Kindern Schlitten. Baumann sieht ihnen traurig zu. Er muss weiterlaufen. Er darf jetzt nicht stehen bleiben.

"Ich wäre gern nach der Olympiade zurückgetreten, aber so geht es nicht. So soll meine letzte Olympiade nicht aussehen. Wenn die Journalisten sagen, wir Alten könnten nicht loslassen, dann stimmt das ja. Ich kann nun mal am besten laufen."

Im Frühling will er den Marathon probieren. Vielleicht geht das. Eigentlich wollte er ja in den DLV gehen. Es war alles klar. Aber jetzt bezahlt er sogar seine Trainingslager und die Reise nach Sydney, er will kein Geld mehr von denen. "Vielleicht ist es ja ganz gut so, das das nicht geklappt hat mit meiner Karriere im DLV", sagt er. "Ich wusste ja nicht, wie anders die sind. Ich dachte, die respektieren mich. Aber die hätten mich ja zerfleischt, in ihrer Löwengrube. Das ist ein politischer Fall. Meine Weltanschauung ist nicht mehr gefragt. Es geht nicht mehr nur um meine Person. Mit dem DLV beschäftige ich mich nicht mehr. Ich bin da nicht mehr zu Hause. Ich kann jetzt nicht darauf achten, was der sagt und was der. Es geht doch nicht darum, den Waldbröl zu überzeugen, ich muss das Schiedsgericht überzeugen."

Um fünf müssen alle Besucher runter vom Berg. Er bleibt allein oben und telefoniert noch mit seinen Jungs. "Ich will informiert sein, auch wenn es bad news sind", sagt er. Sie wollen den Fall vor den CAS schleppen, ein olympisches Schnellgericht, wenn die IAAF ihn sperren wird.

Er muss die Formfragen klären, wenn er laufen will. Er weiß nicht, wie viel die drei Ausländer im IAAF-Arbitration-Panel von seiner Rolle in Deutschland verstehen, vom Ost-West-Konflikt, dem Konkurrenzkampf zwischen den überregionalen Zeitungen und diesen Sachen. Er weiß nicht, ob sie ihm glauben. Aber darum geht es. Es ist eine Glaubenssache. Zum allerersten Mal. Baumann ist wieder so was wie ein Pionier. Er ist das Ende und der Anfang. Er läuft und läuft und schaut zu, wie sich die Dinge verändern.

Er reizt die Leute. Die Dopingexperten fallen übereinander her. Es gab Journalisten, die sich bei ihm dafür entschuldigten, dass ihr Interview nicht gedruckt wurde, weil der Chefredakteur Baumann kein Podium geben wollte. Der Journalist Freudenreich von der "Stuttgarter Zeitung" schreibt nicht über den Fall, weil er zu befangen ist. Der Kripokommissar aus Tübingen würde es als persönliche Niederlage betrachten, wenn Baumann doch schuldig wäre. DLV-Präsident Digel weinte, als er die Nachricht erfuhr und dachte dann an Rücktritt. Hans-Joachim Waldbröl sagt: "Vielleicht habe ich mich da auch zu sehr engagiert. Ich habe ja nur noch biochemische und juristische Sachen gelesen, und die andere Arbeit ist liegen geblieben. Vielleicht war es das nicht wert. Ich weiß auch nicht." Und sein Kollege Kistner sagt: "Wenn Baumann doch dahinter steckt, kann man schon fast stolz sein, auf ihn hereingefallen zu sein."

Wenn man von einem Baumann-Interview kommt, fragen die Leute: Und? Glaubst du ihm?

Schwer zu sagen. Wenn man ihm lange in die Augen sieht, spürt man zumindest, dass er nicht aufgeben wird. Nie. Er müsste schizophren sein. Es hat etwas von den StasiVerdächtigungen gegen Bürgerrechtler.

"Ja, ja, ja", ruft Baumann. Er schnappt sich das Argument wie einen Power-Riegel und rennt weiter.