(Aus dem SPIEGEL 39/2000) Helden: "Ein pubertäres Land" - DER SPIEGEL
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(Aus dem SPIEGEL 39/2000) Helden "Ein pubertäres Land"

Der australische Sportkritiker Barry Spurr über den Starkult um den Schwimmer Ian Thorpe, die Folgen der Spiele für die Nation und falsche Vorbilder
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Spurr, 50, lehrt an der University of Sydney Englische Literatur. Im traditionell sportverrückten Australien hat er sich mit kritischen und hintersinnigen Veröffentlichungen über den nationalen Kult um die Athleten einen Namen gemacht.

SPIEGEL:

Den Australiern ist ein neuer Held erschienen: Ian Thorpe. Können Sie die Begeisterung über seine Goldmedaillen nachvollziehen?

Spurr: Thorpe ist eine reizende Person. Er steht für Fleiß, Talent, für physische Stärke. Das ist in Ordnung. Wir brauchen aber nicht nur sportliche, sondern verschiedene Arten von Vorbildern. Unser Land hat große Probleme im Bereich der Bildung, und die Selbstmordrate bei männlichen Jugendlichen erreicht epidemische Ausmaße. Da sind wir Spitzenreiter in der Welt. Diese sozialen Probleme kann Thorpe nicht lösen.

SPIEGEL: Anders als bei Ihren Landsleuten ist der olympische Geist offenbar nicht in Sie gefahren.

Spurr: Das mit dem Geist wundert mich doch sehr. Wissen Sie, wir sind ein sehr skeptisches, eher zynisches Volk. Nicht sehr traditionsbewusst, ohne jeden Sinn für Spiritualität. Und auf einmal reden die Fernsehreporter so salbungsvoll daher: "Wird Ian Thorpe wieder Gold nach Hause bringen?" Das fing ja schon an, als diese Fackel durchs Land getragen wurde.

SPIEGEL: Die Ovationen für die olympische Flamme haben Ihnen missfallen?

Spurr: Das ist doch pure Ironie. Wir sind das wahrscheinlich unreligiöseste Volk auf der Erde, und dann wird diese Fackel angebetet, als sei sie ein Fragment des biblischen Kreuzes. Alte Frauen wurden interviewt, die sagten: "Ich habe die Flamme gesehen, jetzt kann ich glücklich sterben." Was repräsentiert denn diese Flamme ­ das IOC etwa?

SPIEGEL: Ihre Landsleute sind dennoch seit den ersten Triumphen ihrer Schwimm-Heroen mächtig in Fahrt: 85 Prozent der Karten sind verkauft, Plätze mit Großbildschirmen wurden wegen Überfüllung geschlossen. Souvenirhändler mussten schon ihre Bestände auffüllen, die Nachfrage nach der australischen Flagge ist gewaltig.

Spurr: Seltsam, nicht? Es ist dieselbe Flagge mit dem Union Jack, die viele kürzlich noch abgeschafft sehen und durch ein Symbol mit einem Känguru ersetzt haben wollten. Das ist ein sehr oberflächlicher, unreifer Patriotismus. Weil er einzig auf sportlichen Leistungen basiert. Von Kindesbeinen an bekommen wir zu hören, wir seien eine Sportnation, erfolgreiche Sportler seien lebende Legenden. Ich sage Ihnen: Wir sind ein pubertäres Land. Die meisten hier glauben, der bedeutendste Australier aller Zeiten sei Don Bradman, der Kricketspieler.

SPIEGEL: Wer ist es dann?

Spurr: Natürlich ist es Howard Florey, der das Penicillin entwickelt und damit vielen Millionen Menschen das Leben gerettet hat. Aber die meisten Australier kennen den nicht mal. Sport dagegen, wird uns eingetrichtert, sei die wichtigste Sache der Welt. Wenn du nicht dafür bist, bist du kein wahrer Australier. Schauen Sie sich diesen Werbespot an, in dem ein Läufer hinfällt und ein anderer ihm auf die Füße hilft. Zum Schluss kommt der Spruch: "Feiert die Menschlichkeit!" Du meine Güte, Menschlichkeit! So toll das ist, wenn ein Athlet dem Konkurrenten hilft ­ ist Menschlichkeit nicht etwas Größeres?

SPIEGEL: Sie meinen, die Spiele bekommen mehr Aufmerksamkeit, als sie verdienen?

Spurr: Das Wort "Games" bedeutet Spiel, Vergnügen, Unterhaltung. Im letzten Jahr starb Morris West, einer der großen australischen Schriftsteller ­ das hat keinen interessiert. Nicht auszudenken, was passiert, wenn Bradman stirbt.

SPIEGEL: Australiens Schwimmstars haben sich ihre Spitznamen als Warenzeichen registrieren lassen. Thorpe hat "Thorpedo" geschützt, Kieren Perkins "Superfish". Sponsoren schätzen, eine Goldmedaille sei durch Vermarktung umgerechnet rund fünf Millionen Mark wert. Welche Botschaft haben die Sportler?

Spurr: Unsere Athleten werden durch Sponsoring zu Hollywood-Stars. Das gibt ihrem Vorbildcharakter eine tragische Komponente. Ich glaube, dass die meisten Kinder von einem Thorpe nicht inspiriert werden. Eher sagen sie: So gut, wie er ist, kann ich niemals sein. Es ist aussichtslos.

SPIEGEL: Aber Australien ist ein Sportland.

Spurr: Falsch. Unsere Gesellschaft lebt in einem absurden Widerspruch zu ihrer Selbstdarstellung. Nie waren Australier im Schnitt fetter, nie zuvor haben unsere Kinder so wenig Sport getrieben. Und nie zuvor haben wir uns überzeugter als Sportnation präsentiert. Da sitzen dann die dicken Fans mit Bierdose auf der Tribüne und brüllen: "Aussie, Aussie, oi-oi-oi". Es fehlt uns die Ironie, das zu bemerken.

SPIEGEL: Nach dem Sieg der Schwimmstaffel ließ Michael Klim sich zu aggressiven Gesten gegenüber den Amerikanern hinreißen. Woher rührt diese Feindseligkeit?

Spurr: Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir zu Amerika eine ähnlich schwierige Beziehung wie zuvor zu den Briten. Wir verhalten uns wie Teenager, die von ihren Eltern abhängig sind, sie aber hassen. Früher gab es nichts Wichtige- res, als die Pommies, wie wir die Engländer nennen, im Kricket zu schlagen. Jetzt ist es genauso mit den Yanks. Dabei war Australien noch nie so amerikanisiert wie heute. Wir sind längst der 51. Staat von Amerika.

SPIEGEL: Die Rivalität ist also künstlich?

Spurr: Es ist unreif, mit den Amerikanern zu konkurrieren. Wir sorgen uns immer, was man in Übersee über uns denkt. Dabei wissen die meisten Amerikaner gar nicht, wo Australien liegt. Sie glauben, unsere Hauptstadt sei Wien. Sie verwechseln Australia mit Austria.

SPIEGEL: Leidet Australien an einem Minderwertigkeitskomplex?

Spurr: Wir wollen einen guten Eindruck hinterlassen. Alle hatten eine Heidenangst vor der Eröffnungsfeier. Heraus kam ein völlig falsches Bild, etwa was die Aborigines angeht: Australien durch die rosarote Brille. Es waren nur glückliche Eingeborene zu sehen. Als dann das Feuer um Cathy Freeman kreisrund brannte, wurde ja auch kein australisches Bild transportiert, sondern ein deutsches. Das war original Richard Wagner: Brünnhilde in der "Walküre".

SPIEGEL: Die Einschaltquote ist australischer Rekord. Hat der Sender Recht, wenn er von den Spielen als dem größten Event in Australiens Geschichte spricht?

Spurr: In gewisser Weise ja. Nie hat die Welt so intensiv auf uns geschaut, nie haben sich so viele Freiwillige für etwas eingesetzt. Und wir erleben die größte Evakuierung Sydneys, die es jemals gab: Mehr Leute haben die Stadt für die Zeit der Spiele verlassen, als hereingekommen sind. Aber man verwechselt Umfang mit Bedeutung. War nicht das Überleben der Nation im Zweiten Weltkrieg das bedeutendste Ereignis? Wenn Olympia das Größte wäre, müssten wir danach in eine tiefe Depression fallen.

SPIEGEL: Wird sich Australien durch Sydneys Olympia verändern?

Spurr: Kulturell sicher nicht. Wir bleiben eine Entertainment-Gesellschaft. Ob ein Thorpe zur Ikone wird, macht keinen Unterschied. Wir haben schon genug Sporthelden. Schön wäre es, wenn die Wirtschaft profitierte, wenn der Tourismus angekurbelt würde. Aber ich bin skeptisch.

SPIEGEL: Warum?

Spurr: Die Leute in Übersee schauen auf Sydney, gucken sich jedoch in erster Linie die Wettkämpfe an. Zurzeit interessieren sich die Medien für Australien, aber dann kommt wieder etwas Neues. Es wird sein wie in einem Musical, wenn der Vorhang fällt. Dann ist es eben vorbei.

INTERVIEW: JÖRG KRAMER, ALFRED WEINZIERL

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