Ausgeschieden Van Almsick taucht unter
Sydney - Wortlos stapfte Franziska van Almsick an allen Mikrofonen und Kameras vorbei. Mit Kopfhörern auf den Ohren machte sie sich unansprechbar. Sie mochte nicht reden, nichts erklären, wollte nur noch allein sein. Der elfte Platz über 200 Meter Freistil war für sie eine Demütigung. Sie hatte im Halbfinale alles auf eine Karte gesetzt - und verloren.
Nach 100 Metern lag die Berlinerin noch in Führung, dann wurde sie durchgereicht, zogen die Gegnerinnen an ihr vorbei, als habe sie Bleigewichte an ihrem Badeanzug. Van Almsick war das Rennen zu schnell angegangen, und als sie schließlich mit 2:00,26 anschlug, hatte sie den sicher geglaubten Einzug in den Endlauf um 29 Hundertstel Sekunden verpasst. Und damit war auch ihre letzte Chance auf eine Einzelmedaille bei diesen Olympischen Spielen passé.
Die Weltmeisterin von 1994 brauchte lange, um zu realisieren, was passiert war, verbarg ihren Kopf in den Händen, strähnig hingen ihre nassen Haare über ihre Schultern. Ihre bei den deutschen Meisterschaften in Berlin geschwommenen 1:59,25 Minuten, die die Olympiaqualifikation bedeuteten, hatten ihr Hoffnung für Sydney gegeben. Manche fühlten sich daraufhin bemüßigt, der 22-Jährigen sogar die Chance auf eine Medaille einzureden. Unsinn natürlich, aber van Almsick selbst schien an der Vorstellung Gefallen zu finden.
Nun kam das böse Ende, das kaum einen Experten überrascht, Franzis Fans aber schwer enttäuscht. Nach dem Ausscheiden im Halbfinale machte schnell das Wort vom Karriereende die Runde. Da die Almsick nicht antworten wollte, mussten das andere übernehmen. Wie beispielsweise Bundestrainer Manfred Thiesmann: "Sie hat ihre eigenen Vorstellungen. Möglicherweise geht es aber in diese Richtung." Ihr frühzeitiges Ausscheiden analysierte Thiesmann ohne größere Sentimentalitäten: "Ihr fehlt die Wettkampfhärte."
War dies wirklich der Anfang vom Ende einer großen Karriere? Als Teenager war "Franzi" der erste gesamtdeutsche Star, mit 14 holte sie bei Olympia 1992 zweimal Silber und zweimal Bronze, stieg von der frechen Berliner Göre auf zu einer hochbezahlten Werbe-Ikone. Eine Karriere im Zeitraffer - und nun soll alles schon vorbei sein? Franziskas Trainer Gerd Eßer flüchtet in Durchhalteparolen: "Jetzt müssen wir versuchen, sie aufzubauen und an ihre Tugenden zu erinnern." Genutzt hat derlei Wortgeklingel wenig. Auch am Dienstag schwamm van Almsick hinterher. Über 200 Meter Schmetterling belegte sie in den Vorläufen nach 2:15,68 Minuten nur den 28. Platz unter 36 Teilnehmerinnen, schied aus und dürfte wahrscheinlich ihr letztes olympisches Einzelrennen bestritten haben.
Konkurrentin Kerstin Kielgaß, die in 1:59,78 Minuten den Einzug in den Endlauf über 200 Meter Freistil schaffte, sieht die schwachen Leistungen von Franzi & Co. kritischer: "Keiner im Deutschen Schwimm-Verband wollte es wahrhaben, dass die anderen besser geworden sind. Es hat sich gezeigt, dass wir einfach härter trainieren müssen", kritisierte die erfahrene Berlinerin. Bundestrainer Manfred Thiesmann wollte von diesen Vorwürfen zunächst nichts wissen: "Das ist Quatsch, wir haben gut trainiert." Dennoch kamen die Trainer noch am gleichen Abend zu einer Krisensitzung zusammen. Dass die deutschen Athleten nach dem Treffen schneller schwimmen, glauben die Trainer allerdings wohl selbst nicht.