Australian Open Agassi schwebt auf Wolke sieben
Melbourne - Steffi Graf sprang hoch, strahlte und drückte Brad Gilbert und Gil Reyes ein Küsschen auf die Wange. Andre Agassi streckte nach dem 3:6, 6:3, 6:2, 6:4 gegen Titelverteidiger Jewgeny Kafelnikow (Russland) im Finale der Australian Open in Melbourne beide Fäuste in den blauen Himmel, tanzte einen kurzen Shuffle - und erwähnte seine neue Liebe mit keinem Ton. Der Weltranglistenerste dankte nach seinem zweiten Triumph "down under" und dem sechsten Grand Slam-Titel Gott und der Welt - nur nicht der, auf die alle gewartet hatten. Als ein Zuschauer während der Siegerehrung rief, "Wie steht's mit Steffi", antwortete Agassi grinsend: "Kümmer dich um deine Sachen." Dann dankte er ausführlich seinen Trainern Brad Gilbert und Gil Reyes und den Sponsoren, bevor er wenig später seine öffentliche Zurückhaltung doch noch erklärte: "Steffi hat mich in diesen zwei Wochen wundervoll unterstützt. Sie weiß, wie wichtig sie für mich ist, aber unsere Beziehung gehört uns." Andre Agassi, der edle Ritter, der sein Fräulein vor der neugierigen Öffentlichkeit schützt. Andre Agassi, der Tennisprofi, dem zurzeit keiner widerstehen kann. Trotz eines klassischen Fehlstarts entthronte der 29 Jahre alte Amerikaner Titelverteidiger Kafelnikow nach allen Regeln der Kunst - nach 2:19 Stunden verwandelte Agassi den zweiten Matchball mit seinem neunten As, sicherte sich den Preisgeldscheck über umgerechnet 980.000 Mark, und machte das halbe Dutzend an Grand-Slam-Titeln voll.
Es war der perfekte Zeitpunkt, Geschichte zu schreiben. Als erster Profi seit Rod Laver 1969 hatte Agassi in Melbourne vier Grand-Slam-Finals in Folge erreicht. Nach den French Open und den US Open 1999 gewann er seinen dritten großen Titel innerhalb von acht Monaten - und zog mit dem sechsten Grand Slam seiner einmaligen Karriere in der ewigen Bestenliste mit Boris Becker und dem Schweden Stefan Edberg gleich.
"Nichts ist vergleichbar mit den letzten acht Monaten. Es war eine verrückte Zeit", erzählte Agassi nach der Siegerehrung im Melbourne Park und dem obligatorischen Foto-Shooting auf dem Yarra-Fluss. "Ich habe gelernt, mein Spiel fliegen zu lassen. Ich bin stärker als je zuvor. Ich bin fitter als je zuvor. Ich bewege mich besser als je zuvor. Das erlaubt mir den Luxus, über fünf Sätze zu gehen. Ich bin für jede Schlacht bereit."
Nur zwei Bälle war Agassi im denkwürdigen Fünfsatz-Halbfinale gegen Pete Sampras im Halbfinale vom Aus entfernt, aber er zog sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf und siegte am Ende klar. Auch im Finale gegen Kafelnikow erwischte der diesmal "weiße Ritter" einen schlechten Start. Nach 35 Minuten war der erste Satz weg, dann aber zeigte Kafelnikow erstmals Schwächen, und Agassi nutzte seine Chance. Nach einem Break zum 5:3 und vier Satzbällen holte er sich den zweiten Satz (6:3), die Vorentscheidung fiel kurz danach. Mit einem Doppelfehler schenkte ihm Kafelnikow das Break zum 1:0, von da an war die Nummer eins, die im Champions Race mit 200 Punkten die Führung vor Kafelnikow (141) übernahm, nicht mehr zu stoppen. Auch Kafelnikow, der im dritten Grand Slam-Finale seiner Karriere nach Paris 1996 (gegen Michael Stich) und Melbourne 1999 (gegen Thomas Enqvist) erstmals verlor, nahm den Verrückten und die Niederlage nicht weiter tragisch. "Ich habe 100 Prozent gegeben, und 100 Prozent bekommen. Andre hat mich besiegt, trotzdem war es ein großartiges Turnier für mich", sagte der 25-jährige Russe: "Als ich herkam, hätte ich nie erwartet, so weit zu kommen."
Andre Agassi und Steffi Graf hingegen schwebten nach dem gelungenen Start ins 21. Jahrhundert im siebten Himmel. Eine kleine Feier am Abend in Melbourne, schon am Montag aber trennten sich die Wege des Tennis-Traumpaars. Während Agassi zurück nach Los Angeles flog, um sich mit Daviscup-Kapitän John McEnroe zu treffen und zum Erstrunden-Match der USA nach Zimbabwe zu reisen, trat Steffi Graf die nächste Etappe ihrer Abschiedstournee rund um die Welt an. Am Montag ging es nach Kangaroo-Island in Süd-Australien, am Dienstag weiter nach Neuseeland. Globetrotter-Schicksal.