Australian Open Capriatis später Triumph
Melbourne - Nach dem erfolgreich verwandelten Matchball stieß die 24-Jährige vor den 15.000 Zuschauern in der Rod-Laver-Arena Freudenschreie aus und warf ihren Tennisschläger ins Netz. Jubelnd rannte Jennifer Capriati auf die andere Seite zu ihrem Vater Stefano, der in Reihe eins mitgefiebert hatte.
Dann reichte ihr ein Ordner ein Mobiltelefon. "Ich wünschte mir, dass ihr jetzt hier wäret und dies erleben könntet", sagte sie ihrem Bruder Steven, dem ersten Gratulanten aus dem heimischen Wesley Chapel in Florida.
"Manchmal werden Träume eben wahr"
"Es ist für mich alles noch unglaublich", freute sich Capriati nach ihrem in 63 Minuten herausgespielten 6:4, 6:3-Erfolg gegen die Schweizerin Martina Hingis, "endlich habe ich einen dieser Titel geholt, wer hätte das gedacht, nachdem so viel passiert ist. Manchmal werden Träume eben wahr."
Mit 14 Jahren und 235 Tagen ist sie bis heute die jüngste Spielerin, die in die Top Ten vorstieß. Das war 1990, und anschließend ging es ähnlich rasant weiter. Als 16-Jährige gewann die Tochter italienischer Einwanderer 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona die Goldmedaille im Finale gegen Steffi Graf.
Nach dem frühen Triumph folgte der Absturz. Persönliche Probleme inklusive Ladendiebstahl und Haschischaffäre dominierten, Tennis war nur noch Nebensache. Als sich Jennifer Capriati 1996 zum Comeback bereit fühlte, musste sie wieder ganz von vorne anfangen. Bei manchen Turnieren durfte sie nur im Hauptfeld starten, weil sie zuvor eine Wildcard erhalten hatte. Und jetzt der vorläufige Höhepunkt nach ihrer Rückkehr in den Tennis-Circuit.
"Ich weiß jetzt, dass für mich alles möglich ist"
"Ich weiß jetzt, dass für mich alles möglich ist", meinte Capriati nach ihrem Überraschungscoup in Melbourne, "ich werde nicht länger an mir zweifeln. Wenn man an sich glaubt, kann alles passieren." Als Nummer 14 war sie nach Australien gekommen - noch nie gewann eine niedriger notierte Spielerin bei einem der vier Grand-Slam-Turniere -, jetzt gehört sie erstmals seit dem 16. Januar 1994 mit Rang sieben wieder zu den ersten zehn. Besser platziert war Capriati nur von September 1991 bis April 1993, als sie auf dem sechsten Platz stand.
Die höchste Siegprämie ihrer bislang elfjährigen Profikarriere in Höhe von 465.000 US-Dollar soll erst der Anfang sein. "Ich werde weiter hart an mir arbeiten, weiter konzentriert bleiben. Vielleicht kann ich dann ja noch ein paar Grand-Slams gewinnen."
"Ich hatte heute einfach nicht die Power"
Dieses Ziel hatte ihre Endspielgegnerin schon vor dem Finale erreicht. Martina Hingis siegte bei bereits fünf Major-Turnieren. Doch das war für die Weltranglistenerste kein Trost. "Ich hatte heute einfach nicht die Power. Und wie sie gespielt hat, hatte ich auch keine Chance", erklärte die 20-jährige nach ihrer achten Niederlage in einem Grand-Slam-Finale in Folge.
"Ich war vom Kopf her nicht mehr in der Lage, um jeden Punkt zu kämpfen", bekannte die Schweizerin, die zuvor in fünf Matches gegen die US-Amerikanerin gerade einmal einen Satz verloren hatte. Nach dem obligatorischen Handschlag am Netz sank Hingis für Minuten auf ihrer Spielerbank in sich zusammen.
Auch im Finale von Melbourne hatte es wieder Schlägerwerfen voller Ärger und Diskussionen über die Linien- und Schiedsrichterentscheidungen gegeben. Ein komplettes Ausrasten allerdings wie 1999 im verlorenen Finale von Paris gegen Steffi Graf blieb diesmal aus. Martina Hingis' Erkenntnis: "Es gibt schlimmere Dinge im Leben, als das, was mir hier passiert ist."