Bahnrad-WM Riesenstunk im deutschen Lager
Stuttgart - Jens Lehmann schäumte vor Wut, Robert Bartko bezeichnete seinen Teamkollegen als "charakterlos" und erst das energische Eingreifen von BDR-Präsidentin Sylvia Schenk verhinderte eine weitere Eskalation im Lager der deutschen Bahnradasse. Die Bahnrad-WM in Stuttgart begann aus deutscher Sicht chaotisch und nach dem enttäuschenden Aus von Doppel-Olympiasieger Bartko und Daniel Becke in der Einerverfolgung geriet das Auftakt-Gold durch Stefan Nimke vom Vorabend über 1000 Meter zum Randthema.
Erst nach einstündigem Krisengipfel in den Katakomben der Hanns-Martin-Schleyer-Halle war der Frieden nach außen hin wieder hergestellt. Lehmann, der sich in der Einerverfolgung ausgebootet fühlte, gab mit Blick auf Olympia 2004 klein bei und blieb damit vom Rauswurf aus der Mannschaft verschont. Im Vierer soll er mit Bartko, Becke und Guido Fulst am Freitag an den Start gehen und zumindest eine Medaille retten.
"Das ist eine üble Intrige"
Zuvor war es auf offener Bühne zum handfesten Streit gekommen. Nachdem Bartko als Fünfter (4:26,522) und Becke als Sechster (4:27,379) aus den Medaillen gefahren waren, goss Lehmann sofort Öl ins Feuer: "Ich habe mich ein halbes Jahr auf die WM vorbereitet und fühle mich um meine Medaille betrogen. Das ist eine üble Intrige. Es stand schon vor dem letzten Test fest, dass Bartko fahren wird. Das hat Bernd Dittert mir am Mittwoch selbst bestätigt."
Der Bundestrainer wies alle Vorwürfe zurück: "So ein Quatsch. Allein die sportlichen Werte waren ausschlaggebend." Dann lief Bartko nach seinem bescheidenen Auftritt auf dem 285-Meter-Holzoval verbal zur Höchstform auf. "Es tut mir für Lehmann nicht mehr leid. Der ist charakterlos", erklärte der Berliner und schloss mit der "Person Lehmann" endgültig ab: "Es wird nicht mehr möglich sein, mit ihm noch ein Bier zu trinken."
Nach dem Desaster mussten sich auch die Verantwortlichen vielen unangenehmen Fragen stellen. "Wir sind ein Risiko eingegangen, und das ist schief gegangen", gestand Sylvia Schenk ein, Sportdirektor Burckhard Bremer räumte ein: "Im nächsten Jahr werden wir die Nominierungskriterien ändern."
Becke kraftlos nach drei Wochen Tour de France
Nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte sich bei der Streiterei auch Bianchi-Profi Becke, nachdem er knapp acht Sekunden - eine Ewigkeit über 4000 Meter - über seiner Siegerzeit bei den deutschen Meisterschaften Ende Mai geblieben war: "Das ist natürlich für Jens nun sehr bitter. Für mich war es lehrreich. Nach den drei Wochen bei der Tour ging einfach nichts mehr", gestand ein völlig zerknirschter Becke.
Ob sich bis zum Viererwettbewerb wieder Harmonie einstellt, scheint mehr als fraglich. "Die Meinungen haben sich nicht geändert. Ich habe nur leider keine Beweise", schimpfte Lehmann, der Bartko und Bremer "Berliner Machenschaften" vorwirft. Weil der 35-Jährige aber unbedingt bei Olympia starten will, wird er in den nächsten Tagen und nicht, wie zunächst wütend angekündigt, vorzeitig abreisen: "Das hätte in einem Jahr
jeder noch im Gedächtnis."
Auf Präsidentin Schenk wird in den nächsten Wochen noch viel Aufräumarbeit warten: "Die ganzen Sachen konnten nicht in einer Stunde bereinigt werden, dazu sind auch noch zu viele Altlasten von den Spielen in Sydney im Spiel. Aber vorerst haben wir eine Basis gefunden."
In Australien war der Bahn-Vierer 2000 noch mit Weltrekord zu Gold gefahren. Dass er bis Freitag zumindest wieder zu einer "Mannschaft" wird, hofft Lehmann: "Ich will auf jeden Fall noch eine Medaille, wir sind doch alle Profis." Bartko zeigte sich in dieser Hinsicht pessimistischer: "Der Kopf spielt eine entscheidende Rolle. Und das Kindergarten-Theater war mit Sicherheit nicht leistungsfördernd."