Meisterschaft der Red Sox: Brille auf, jetzt wird geduscht!
Triumph der Boston Red Sox Verlierer, die zu Helden wurden
Koji Uehara schaut konzentriert zu Catcher David Ross hinüber. Der Pitcher der Boston Red Sox weiß, dass gleich alles vorbei sein kann. Einmal muss der Japaner den Baseball noch so raffiniert werfen, dass Matt Carpenter von den St. Louis Cardinals ihn nicht trifft, dann ist Boston Meister.
Ueharas Versuch dreht sich leicht nach rechts, Carpenter holt aus, schwingt - und verpasst. Als der Ball mit einer Geschwindigkeit pro 130 Kilometern in der Stunde in die Fanghand von Ross knallt, brüllen die knapp 40.000 Zuschauer los. Ross reißt sich seine Schutzmaske vom Kopf und die Arme nach oben. Und dann springt ihm auch schon Uehara entgegen. "Das hat es seit 95 Jahren im Fenway Park nicht mehr gegeben. Die Red Sox sind World Champions", brüllt der Kommentator des TV-Senders "Fox" in sein Mikrofon.
6:1 gewinnt Boston die sechste Partie der World Series gegen St. Louis und wird zum achten Mal Meister.
Boston Red Sox im Bartfieber: "Jeder will ihn anfassen"
Eine der unglaublichsten Geschichten des US-Sports findet am 30. Oktober 2013 in Boston ihr Happy End, in der Stadt, die im April von dem Terroranschlag beim Marathon erschüttert worden war. Noch dazu im ältesten Baseball-Stadion Amerikas. Der Fenway Park, sagt Ross, sei ein ganz besonderer Ort, um Meister zu werden. Das kann kaum jemand besser nachvollziehen als Arthur D'Angelo.
"Ich komme seit 65 Jahren hier her und habe auf diesen Moment gewartet", sagt der 88-Jährige. Er ist seit 1948 Dauerkarteninhaber, hat seitdem nach eigenen Angaben kein Spiel verpasst - und dennoch bislang nie eine Meisterschaft im Fenway Park miterlebt. Zwar gewannen die Red Sox 2004 und 2007 die World Series. Doch die entscheidenden Siege gegen St. Louis und die Colorado Rockies gab es auswärts. Als zuletzt im Fenway Park der Titel bejubelt werden konnte, war selbst D'Angelo noch nicht geboren.
Am 11. September 1918 gelang den Red Sox im sechsten Spiel der Finalserie gegen die Chicago Cubs vor 15.238 Zuschauern der entscheidende 2:1-Sieg. Der große Star der Ära, Pitcher Babe Ruth, kam für die Red Sox im achten Inning als Verteidiger im linken Outfield zum Einsatz. Ein Auto kostete damals 500 Dollar, die Gallone Sprit acht Cent, für ein Haus wurden 4821 Dollar verlangt und das Präsidentenamt hatte Woodrow Wilson inne. Den ganzen Tag über wurden am Mittwoch in den Bostoner Radio- und TV-Stationen derlei Fakten hervorgekramt.
Durchschnittspreis für ein Ticket bei 1860 Dollar
Bereits ab 10 Uhr - und somit zehn Stunden vor dem ersten Pitch - hatten sich die ersten Fans vor dem Fenway Park versammelt. Wer kein Ticket hatte, musste tief in die Taschen greifen. Die billigsten Karten kosteten 700 Dollar, der Durchschnittspreis lag bei 1860 Dollar. Dennoch wollten viele dabei sein, wenn die Red Sox erstmals seit 95 Jahren wieder daheim Meister werden.
Dass das Team von Trainer John Farrell überhaupt die Finalserie erreichte, grenzte ohnehin an ein Wunder. Unter Vorgänger Bobby Valentine gewann Boston im Vorjahr nur 69 seiner 162 Spiele, ein Wert von lediglich 42,6 Prozent. Noch nie zuvor hatte es in der MLB-Geschichte ein Team geschafft, nach einer derartigen Quote ein Jahr später den Titel zu holen.
"Ich kann das alles noch nicht begreifen"
Dass dies nun den Red Sox gelang, lag zum einen an Farrell. "Er war das Meisterstück, das uns im Vorjahr gefehlt hat", sagt David Ortiz, der MVP der Finalserie. Mit Farrell, der von 2007 bis 2010 bereits als Pitching Coach in Boston arbeitete, kehrte ein familiäres Klima ein - und ein üppiger Haarwuchs im Gesicht vieler Spieler, die sich im Laufe der Saison Vollbärte wachsen ließen. "Die Bärte sind einfach ein äußeres Zeichen, wie stark diese Truppe zusammenhält", sagt Trainer Farrell.
Sportliche Gründe für den Erfolg: Die Pitcher Jon Lester und John Lackey zeigten in den Playoffs grandiose Leistungen. Und die Neuverpflichtungen wie die Outfielder Jonny Gomes und Shane Victorino, First Baseman Mike Napoli, Short Stop Stephen Drew oder Catcher Ross erwiesen sich als Glücksgriffe.
Farrell sagt, er könne das alles noch nicht begreifen: "Wenn man überlegt, wo wir vor einem Jahr waren. Jeder in dieser Truppe ist jetzt vom Mannschafts-Konzept überzeugt gewesen", so der Coach. Neben Einsatz und Energie sei vor allem eines bezeichnend für dieses Team gewesen: "Der unbedingte Siegeswille."
Und der hat für eine Metamorphose gesorgt. "From Chumps to Champs" titelt der "Boston Herald" - innerhalb eines Jahres wurden aus den Trotteln Champions. Die werden am Samstag auf einer Parade gefeiert. Es ist das achte Mal seit der Jahrtausendwende, dass Bostoner Sportprofis jubelnd durch die Massachusetss-Metropole ziehen dürfen. In den USA gibt es zwölf Städte, die jeweils Teams in den vier großen Ligen NFL, NBA, MLB und NHL haben - doch keine ist im 21. Jahrhundert so erfolgreich wie Boston. Lediglich die vier Vereine aus Philadelphia haben es ebenfalls in die jeweiligen Finals geschafft, allerdings konnten nur die Baseballer der Phillies 2008 auch jubeln.
In Boston hingegen haben die New England Patriots dreimal (2002, 2004, 2005) den Super Bowl gewonnen, die Red Sox 2004, 2007 und 2013 die World Series geholt. Die Celtics wurden 2008 NBA-Meister und die Bruins 2011 Stanley Cup-Sieger. Doch kein Titel kam so unerwartet, wie die diese Meisterschaft der Red Sox.