Basketball-EM: Körbe statt Kanonen - DER SPIEGEL
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Basketball-EM Körbe statt Kanonen

Es war wohl das beste europäische Nationalteam aller Zeiten: Jugoslawien Ende der Achtziger. Dann kam der Balkan-Krieg und machte aus Kroaten, Serben oder Slowenen Feinde. Mehr als ein Jahrzehnt später könnte die Basketball-EM in Belgrad die Wunden heilen.
Von Martin Fünkele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Juri Zdovc lächelt. Er hat den Kopf leicht nach vorn geneigt, im Gesicht die späte Genugtuung, um den Hals die funkelnde Goldmedaille. Die Menschen erheben sich von ihren Stühlen und spenden Beifall. Er ist ein Held, ihr Held - endlich. Es ist der 3. Juli 2005 in Belgrad.

Auf den verschwommenen Bildern einer Super-Acht-Kamera 14 Jahre zuvor hat Zdovc Tränen in den Augen. Damals war er kein Held, er war Slowene - ein Verräter. Bei der Basketball-Europameisterschaft in Rom erfährt er von der Unabhängigkeitserklärung seines Landes, und in den Händen hält er ein Fax seines Sportministers. Es sind nur noch wenige Stunden bis zum EM-Halbfinale, und gerade bombardieren serbische Kampfflieger die slowenische Hauptstadt Ljubljana. In dem Fax liest Zdovc: "Spielst du weiter für die Jugoslawen, begehst du Hochverrat."

Eine skandalöse Siegerehrung

Wenn morgen die 34. Basketball-Europameisterschaft in Serbien und Montenegro beginnt, wird dieser Film in vielen Köpfen ablaufen: Bilder von Zdovc, als er vor 14 Jahren in Rom sein Hotelzimmer nicht verlassen durfte - oder von der skandalösen Siegerehrung 1995 in Athen, als jugoslawische Spieler ihren EM-Triumph durch den Drei-Finger-Gruß serbischer Militärs besudelten. "Die Europameisterschaft ist sehr, sehr wichtig für Jugoslawien", sagt Svetislav Pesic. "Schließlich ist die EM in Belgrad die erste Großveranstaltung nach dem Krieg und den Sanktionen gegen Serbien und Montenegro." Pesic, der sowohl Deutschland (1993) als auch Jugoslawien (2001) zum EM-Titel führte, weiß was es bedeutet, wenn Politik und Sport durcheinander geraten.

Als der im serbischen Novi Sad geborene Pesic vor mehr als 20 Jahren die besten Junioren Jugoslawiens um sich versammelte, konnte er nicht ahnen, was aus den pubertierenden Burschen namens Dino Radja, Toni Kukoc, Aleksandar Djordjevic und Vlade Divac einmal werden sollte. Man nannte sie die "Goldene Generation", die 1987 im italienischen Bormio Junioren-Weltmeister wurde. Für Pesic noch heute "mein größter persönlicher Erfolg". Zwei Europa- (1989 und 1991) und ein Weltmeistertitel (1990) bei den Senioren sollten für Divac & Co. unter jugoslawischer Flagge folgen. Danach kamen der Krieg, die Toten und die Wut.

Aus einer Bande Jugendlicher, die vier Jahre wie Brüder für den gemeinsamen Sieg gekämpft hatten, waren erwachsene Männer geworden, die kein Wort mehr miteinander wechselten. "Früher war ich oft bei den anderen zu Hause. Heute geht das nicht mehr", sagt der Serbe Djordjevic. Mit den Bomben rückten die Nationalitäten ins Bewusstsein und säten Zwietracht zwischen den Freunden. "Die einzige Art, wie wir früher über unsere ethnische Herkunft gesprochen haben, war durch Witze. Früher lachte jeder darüber", erinnert sich der Kroate Radja.

Als der Amerikaner Aleksandar Wolff diese Geschichte 2002 in seinem Buch "Big Game Small World" veröffentlichte, waren die Wunden noch tief - eine Versöhnung schien unmöglich. Der Krieg zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniern begrub mit den Toten auch die Träume der Goldenen Generation.

Einreiseverbot wegen einer Tätowierung

Drei Jahre später sei "Basketball in Belgrad wie Fußball in Brasilien", schwärmt Pesic, der mit einer Kroatin verheiratet ist. "Alle spielen und verstehen es. Selbst Politiker organisieren Games." Aber bei aller Begeisterung weiß auch Pesic, dass 16 Jahre nicht genug sind, um die grausamen Erinnerungen auszulöschen. 1989, als die EM zuletzt in Jugoslawien (in der heutigen kroatischen Hauptstadt Zagreb) stattfand, war sie unschuldig - 2005 dagegen haftet ihr eine politische Bedeutung an: "Die Serben wollen zeigen, dass sie gute Gastgeber sind", so Pesic. "Sie wollen Europa sagen: 'He, wir sind ein ganz normales Volk, nicht wie einige uns in der Welt gezeigt haben.'" Und nicht, wie Milan Gurovic es noch immer tut.

Der aktuelle Nationalspieler durfte Ende letzten Jahres mit seinem Team Partizan Belgrad nicht nach Kroatien einreisen. Das kroatische Innenministerium begründete die Entscheidung mit dem Verweis auf Gurovics Tätowierung, die auf dessen Oberarm das Konterfei des früheren ultranationalistischen Tschetnik-Führers Draza Mihajlovic zeigt. "Gurovic ist eben der Meinung, dass Mihajlovic eine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte war", so Pesic, der die Aufregung für übertrieben hält.

Aber beinahe hätte Gurovic es geschafft, Djordjevic die Party zu vermiesen. Zu Ehren des ehemaligen Kapitäns der Legenden von Bormio waren an jenem 3. Juli dieses Jahres Weggefährten aus mehr als 20 Jahren Basketball-Geschichte nach Belgrad angereist. Und mit 14-jähriger Verspätung schloss sich für den Slowenen Zdovc der Kreis aus Vergangenheit und Gegenwart: Ihm wurde nachträglich seine EM-Goldmedaille von Rom überreicht. Auch NBA-Veteran Toni Kukoc (Milwaukee Bucks) schob seinen Hass beiseite und setzte seit Kriegsende erstmals wieder einen Fuß in die Stadt. Nur Dino Radja wollte nicht kommen.

Seit Gurovics Einreiseverbot lieferte sich der Kroate Radja ein öffentliches Wortgefecht mit dem tätowierten Serben. "Wie die Kinder", kommentiert Pesic. Wäre Vlade Divac nicht gewesen, die öffentliche Fehde wäre wohl eskaliert. Doch der betuchte Ex-NBA-Star (Los Angeles Lakers, Sacramento Kings) schickte am Morgen jenes 3. Juli einen Privat-Jet nach Split. Als die Maschine in der Luft war, rief er Radja an und sagte: "Dino, ein Flugzeug holt dich ab, wir erwarten dich in Belgrad."

Die beste EM aller Zeiten?

Als Radja am Abend offiziell vorgestellt wurde, gab es Standing Ovations. Svetislav Pesic erinnert sich: "Die Leute haben gezeigt: 'He Dino, du bist uns willkommen wie in der alten Zeit.'" So scheint die Zeit tatsächlich fast alle Wunden geheilt zu haben. Als Pesic vor ein paar Wochen in Slowenien in einem Straßencafé vom Nachbartisch aus angestarrt wurde, "habe ich die Leute erst ignoriert", sagt er. "Dann standen sie auf und gratulierten mir zum Weltmeistertitel von Indianapolis. Obwohl es Slowenen waren. Das sagt mir, dass die Zeiten sich ändern."

Geändert hat sich auch die sportliche Situation der Gastgeber: Zwar gilt das Team um die aktuellen Stars Dejan Bodiroga und Wladimir Radmanovic als einer der Favoriten auf den EM-Titel, von einer jugoslawischen Dominanz der achtziger und neunziger Jahre ist allerdings nichts mehr übrig. Wie dem blinden Hass, der eine der erfolgreichsten Sportnationen der Welt zerstückelte, allmählich Normalität gefolgt ist, nivellierte sich auch die jugoslawische Überlegenheit. Dass bei der bevorstehenden Europameisterschaft zwischen Kroaten und Serben kein Verhältnis herrschen wird wie zwischen Deutschen und Franzosen, bestreitet Pesic nicht: "Aber die Emotionen sind heute hauptsächlich sportlicher Natur."

Der Serbe Svetislav Pesic, der als Spieler 1976 mit Bosna Sarajevo den Europapokal gewann - den ersten internationalen Titel der jugoslawischen Basketballgeschichte - ist sich sicher, dass auch die "Eurobasket 2005" in die Annalen eingehen wird. "Ich bin sehr, sehr zuversichtlich, dass es eine der bestorganisierten Europameisterschaften aller Zeiten werden wird." Bei all den Problemen, die der Balkan seit der letzten EM in Zagreb vor 16 Jahren hatte, kann man nur hoffen, dass Svetislav Pesic die Situation richtig einschätzt - wie schon so oft in seinem Leben.