Basketball Roter Riese, frecher Grieche
Yao Ming war glücklich. Dabei hatte sein Team gerade überaus deutlich gegen die USA verloren. 70:101 hieß es am Ende. Yao strahlte dennoch: "Ich freue mich, diesen Korb erzielt zu haben", sagte der chinesische Center der Houston Rockets. Mit einem verwandelten Dreier hatte der 2,29 Meter große Spieler die Partie eröffnet. "Es war der erste Treffer bei unserem olympischen Auftritt, daran werde ich mich immer erinnern." 300 Millionen Menschen spielen in China Basketball. Lange schon dominiert der Sport und mit ihm die amerikanische Profiliga NBA das nationale Interesse. Yao gilt als das chinesische Gesicht dieser Sommerspiele. Von vielen Werbewänden lächelt den Chinesen sein Gesicht entgegen. So wundert es kaum, dass Schätzungen zu Folge knapp eine Milliarde Menschen die Auftaktpartie beider Teams im Fernsehen verfolgten.
Aus einer relativ unbedeutenden Vorrundenbegegnung wurde das meist verfolgte und mit Spannung erwartete Spiel der Basketball-Geschichte. "Ich stand noch nie in einer solchen Umgebung auf dem Feld", zeigte sich US-Superstar Kobe Bryant begeistert von der Atmosphäre in der 18.000 Fans fassenden Basketball Arena des Wukesong Sports Center. "Ich habe schon viele wichtige Partien bestritten, aber heute war die Energie eine ganz andere. Ich denke, dass die Fans wussten, dass Geschichte geschrieben wird", so der Shooting Guard des NBA-Vizemeisters Los Angeles Lakers.
Für die US-Spieler geht das Turnier am Dienstag mit der Partie gegen Angola weiter (14 Uhr MESZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Die Chinesen treffen auf Weltmeister Spanien (10.45 Uhr). Der zweite Spieltag der Vorrundengruppe B wurde von der zum Auftakt gegen Angola siegreichen deutschen Mannschaft (seit 8.30 Uhr) eröffnet.
Gegner Griechenland, der die erste Partie 66:81 gegen Spanien verloren hatte und ohne seinen Top-Center Lazaros Papadopoulos auskommen muss, hat anscheinend nur vor den NBA-Profis Dirk Nowitzki und Chris Kaman Respekt. "Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass der Ball die beiden Guten erreicht", sagte Papadopoulos. Gegen Angola (95:66) hatte der eingebürgerte Center Kaman von den Los Angeles Clippers 24 Punkte erzielt, Power Forward Nowitzki, der für Dallas spielt, einen weniger.
"Endspiel gegen Deutschland - wer verliert kann gleich nach Hause gehen", titelte die griechische Zeitung "Ta Nea" am Montag. "Ein Spiel ums Überleben", urteilte die Sportzeitung "To Fos". Bei aller Brisanz ist dies natürlich übertrieben, denn mit zwei Siegen ist die Teilnahme am Viertelfinale sicher. Und die Griechen spielen ja noch gegen China und Angola, die beiden am schwächsten eingeschätzten Teams in der Gruppe.
Bei den USA ist hingegen wohl nur die Frage interessant, wie hoch sie ihre Begegnungen gewinnen werden, gleichwohl Spanien mit etlichen NBA-Stars wie Center-Forward Pau Gasol (LA Lakers) oder Point Guard José Calderon (Toronto Raptors) nicht zu unterschätzen ist. Was den Erwartungsdruck angeht, wird das Kräftemessen der USA mit den Spaniern am Freitag jedoch nichts im Vergleich zur Partie gegen China sein.
Seit Wochen war in beiden Ländern eine beispiellose Kampagne gelaufen, die das Aufeinandertreffen zu einem Kampf der Systeme machen sollte. Hier die schwächelnde Basketballsupermacht USA. Dort ihr aufstrebender Erbe mit riesigem Talentpotential. Haben sich viele der amerikanischen Sportkolumnisten mittlerweile damit abgefunden, im Medaillenspiegel erstmals gegen China den Kürzeren zu ziehen, wäre eine Niederlage im Basketball gegen die Gastgeber eine nationale Sportkatastrophe gewesen. "Die Aufregung, Spannung und Ungewissheit im Vorfeld war einfach verrückt", gestand Guard Dwyane Wade, "ich bin irgendwie froh, dass dieses Spiel vorbei ist. Das Drumherum war einfach zu viel."
Selbst US-Präsident George W. Bush hatte es sich nicht nehmen lassen, die Partie zusammen mit seinem Vater und dem früheren Außenminister Henry Kissinger zu verfolgen. Vor der Begegnung sprach das scheidende Staatsoberhaupt sogar zur Mannschaft. "Er kam zu uns und sagte: Ich unterstütze euch, die Nation unterstützt euch, also geht raus und tretet in ein paar Hintern", verriet der in China vergötterte Bryant.
"Es war schwer für uns, konditionell und physisch sind die USA uns überlegen", sagte der litauische Trainer der Chinesen, Jonas Kazlauskas. "Dieses Spiel hat uns trotzdem sehr geholfen. Meine Jungs konnten eine Menge lernen." Zu athletisch, zu physisch agierte das Team seines Gegenübers Mike Krzyzewski. Mehr als 20 Dunkings schlugen im Korb der Gastmannschaft ein Spielzüge, die auch von den chinesischen Fans frenetisch gefeiert wurden.
"Das war harter, kraftvoller Basketball, den wir gespielt haben", war US-Coach Krzyzewski später zufrieden und wollte trotz der zahlreichen spektakulären Flugeinlagen keinen übertriebenen Hang zur Show bei seiner Mannschaft ausgemacht haben. Und selbst wenn es so wäre, am Ende zählt nur eines für die USA: olympisches Gold, es wäre das erste seit 2000. Dazu passt der Name der Mannschaft perfekt: "Redeem Team" - Wiedergutmachung. Der Sieg gegen China war schon mal ein guter Anfang.