Basketball: Sternstunde der "jungen Wilden" - DER SPIEGEL
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Basketball Sternstunde der "jungen Wilden"

Die deutschen Basketballer sind die Überraschungsmannschaft bei der diesjährigen EM in der Türkei. Nach dem Erfolg über Frankreich sind Nowitzki & Co. die neuen Helden der Nation.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Istanbul - Dirk Nowitzki führte die Polonaise um den Massagetisch in der Kabine an, draußen in der Halle schmetterten die Fans Jubelarien, nur Bundestrainer Henrik Dettmann konnte noch nicht fassen, was im Sportpalast von Istanbul passiert war. "Ein Traum ist wahr geworden", rang der sichtlich überwältigte Finne nach dem 81:77 (35:41) über Frankreich, dem Einzug ins Halbfinale der Basketball-EM in der Türkei und der Qualifikation für die WM 2002 in Indianapolis, um Fassung und Worte.

Im Halbfinale gegen die Türkei


Nowitzki, mit 32 Punkten überragender Hauptdarsteller des Krimis, wurde anschließend sogar keck: "Jetzt will ich auch ins Endspiel. Warum sollen wir das nicht schaffen?" Niemand widersprach, obwohl im Halbfinale am Samstag (18 Uhr/live im DSF) kein geringerer als EM-Gastgeber Türkei der Gegner ist. 10.000 enthusiastische Fans werden das Heimteam ohrenbetäubend anfeuern wie schon beim 87:85 nach Verlängerung gegen Kroatien.

Der größte Erfolg nach dem sensationellen Titelgewinn 1993 in München und die dritte WM-Teilnahme nach 1986 und 1994 hat den Hunger der deutschen "jungen Wilden" noch nicht gestillt. "Diese Mannschaft hat es verdient und ich bin stolz, dass ich dazu gehöre", betont Nowitzki. Mit einer Glanzvorstellung in der zweiten Halbzeit untermauerte der Superstar von den Dallas Mavericks in der zweiten Halbzeit seine Dominanz. 136 Punkte erzielte er bisher in den fünf EM-Spielen (Schnitt 27,2). "Ohne die Mannschaft, in der es einen Riesenspaß macht zu spielen, wäre ich nichts", gibt sich Nowitzki wie immer bescheiden. Da liegt er auf einer Wellenlänge mit Bundestrainer Dettmann, der den immensen Wert seines Juwels genau so zu schätzen weiß wie seine Auswirkung auf die Mannschaft. "Dirk hat uns wieder mal gerettet", so der Finne, "aber wir haben kein Ein-Mann-Team. Ohne den Enthusiasmus seiner Mitspieler wäre der Erfolg nicht möglich, der sportlich gesehen auch für mich als Basketball-Coach bisher der größte ist."

"Am Anfang lullen wir immer herum"


Wieder waren ein spektakulärer Kraftakt und starke Nerven in der Schlussphase nach einer schwachen ersten Halbzeit mit einer eklatanten Reboundschwäche nötig, um den Coup perfekt zu machen. "Wenn wir jetzt auch noch 40 Minuten konstant spielen, ist alles möglich. Ich weiß nicht, warum wir am Anfang immer so rumlullen?", fragt sich Nowitzki. Mit seinem letzten Korb wenige Sekunden vor dem Ende zum 79:77 sorgte der 23-Jährige für die Vorentscheidung, bevor der gebürtige Türke Mithat Demirel mit zwei Freiwürfen das Halbfinal-Duell mit seinen Landsleuten besiegelte.

"Hier wird nur Verrücktes geboten. Jetzt kommt die Kür. Ich traue der Mannschaft eine Medaille zu", sagte Roland Geggus, Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB), der am Donnerstagmorgen einige "Luxusprobleme" zu lösen hat. Denn für das Halbfinale hat sich hohe politische Prominenz angesagt. Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Innenminister Otto Schily sind im Gespräch.

Überwältigendes Echo


Der Sieg, so der DBB-Boss, habe mehr ausgelöst als der Titelgewinn vor acht Jahren. Glückwünsche per Telefon, Fax und SMS bescherten der Delegation eine schlaflose Nacht. Geggus: "Das Echo ist überwältigend. Hier bricht alles zusammen, wir können uns vor Reaktionen nicht retten. Die Leute zu Hause spüren den echten Teamspirit der Mannschaft. Das kommt selbst im Fernsehen rüber und macht sie so sympathisch."