Basketball-WM Demut nach der Schmach
Indianapolis - Am Morgen nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Team USA bei der Basketball-WM präsentiert sich Indianapolis, als sei der Alptraum um das "Dream Team" nicht wirklich passiert. Im RCA Dome, einem der zwei Veranstaltungsorte dieser WM, ist das Spielfeld bereits abgebaut, das Medienzentrum geräumt, und in den Gängen des anliegenden "Indiana Convention Center" weist bereits alles auf die nächste Veranstaltung hin: eine Baumesse.
Zwei Straßenblöcke weiter sitzt Jugoslawiens Point Guard Marko Jaric, unter Vertrag beim NBA-Team Los Angeles Clippers und einer der Helden, die am Abend zuvor mit 82:79 über das Team USA gesiegt haben, kaum beachtet in einem der Straßencafes zum späten Frühstück und unterhält sich mit zwei jugoslawischen Fans. Neben ihm weht eine blaue Colts-Fahne im Wind. Am Wochenende beginnt die NFL-Saison, und die Colts sind das Team der Stadt.
Aufruhr in den Redaktionsstuben
Doch so friedlich sich die Stadt am White River an diesem Freitagmorgen
präsentiert, in den Redaktionsstuben der nationalen Medien kocht zeitgleich
amerikanische Seele. Gedemütigt, geschlagen, beleidigt, schlimmer geht
es nicht. Wurde die historische Niederlage der amerikanischen
Basketballnationalmannschaft am Mittwoch gegen Argentinien noch als
ärgerlicher "Wake-up-call" registriert, der die eigenen Jungs schon noch
auf Trab bringen würde, kam das Ausscheiden im Viertelfinale gegen
Jugoslawien als unerwarteter Schock.
Galt bisher die Niederlage der US-Basketballer gegen Russland im
Olympiafinale von 1972 als schlimmste Demütigung - die Silbermedaillen für
die USA liegen heute immer noch beim olympischen Komitee, weil sie aus
Protest von den Amerikanern nicht angenommen wurden -, hat das Auftreten
des mittlerweile siebten "Dream Teams" bei der WM 2002 in Indianapolis eine
neue Stufe der Erniedrigung erklommen.
"Den Arsch auf dem Tablett serviert bekommen"
"Bringen wir es auf den Punkt: Wir sind hier hergekommen, und man hat uns
unseren eigenen Arsch auf dem Tablett serviert. Es gibt keine
Entschuldigung dafür", musste Ben Wallace nach dem Spiel zerknirscht
feststellen. Und Teamkamerad Paul Pierce fügte hinzu: "Ich bin sehr
enttäuscht, dass wir unser Land im Stich gelassen haben - und das auf
eigenem Boden." Zur allem Übel müssen die US-Basketballer nun noch ein
Playoff mit Puerto Rico, Spanien und Brasilien um den fünften Platz
spielen. Eine zusätzliche Schmach über zwei weitere Partien. Immerhin
besiegte das Team USA Puerto Rico am Freitagabend mit 84:74 und trifft nun
auf Spanien, das Brasilien mit 105:89 bezwang.
"Was gibt es für einen fünften Platz zu gewinnen? Eine Kiste Pabst Blue
Ribbon, etwa?", schimpfte der NBC-Kommentator David Aldridge am Freitag in
seiner Kolumne auf ESPN. Zur Aufklärung: Pabst Blue Ribbon ist eine
amerikanischen Billigbiermarke, und NBC hat im Vorfeld die Fernsehrechte für
die Halbfinal- und Finalspiele am Wochenende gekauft und muss nun gegen
NFL, College Football und US Open antreten. Eine katastrophale
Einschaltquote dürfte programmiert sein.
"Man kann nicht so spielen wie in der NBA"
Nun wird ein Schnitt gefordert. "Unsere NBA-Spieler beherrschen das
internationale Spiel nicht", lautet ein Fazit für das unerwartete Aus bei
dieser WM. Ein Programm für internationale Turniere wie diese WM soll
zukünftig installiert werden. Eine läppische Vorbereitung wie dieses Mal,
als sich die zwölf ausgewählten NBA-Stars zehn Tage vor Turnierbeginn in
San Francisco zum Trainingslager getroffen haben, wird es in Zukunft nicht
mehr geben. "Man kann (bei einer WM) nicht so spielen, wie in der NBA",
weiß inzwischen auch Andre Miller, Aufbauspieler des US-Teams bei dieser
WM. "Man muss den Ball mehr verteilen und variabler sein. Wir haben den
Ball viel zu lange gehalten."
Immerhin geben sich die Spieler, die diese WM zum Teil wie ein
Allstar-Wochenende gesehen haben und mehr Zeit in den stadtbekannten
R'n'B-Clubs verbrachten als beim Training, nach den zwei Niederlagen in
Folge mit einem Mal einsichtig. "Ich glaube, im tiefsten Inneren haben wir
bei diesem Turnier auch etwas über das Basketballspiel gelernt", beichtete
Center Antonio Davis von den Toronto Raptors. "Wir sind hier nach
Indianapolis gekommen, ohne zu wissen, wie wichtig diese WM für die anderen
Teams ist und wie wichtig sie für uns hätte sein sollen. Nicht nur um unser
Land würdig zu vertreten, sondern um auch das Basketballspiel genügend
Respekt entgegen zu bringen."
Fest für den Basketballsport
Auch US-Coach George Karl, der auf der Pressekonferenz nach dem Aus gegen
Jugoslawien den Tränen nahe war, fand wenigstens etwas Trost in der
Niederlage. "Ich bin mir nicht sicher, ob dies das Ende einer Ära ist, oder
gleichzeitig ein Fest für den Basketballsport", philosophierte Karl. "Viele
Nationen lieben inzwischen diesen Sport und spielen ihn voller Leidenschaft
und Begeisterung. Auf seltsame Weise sollten wir Amerikaner stolz auf diese
Errungenschaft sein."