BBL-Playoffs Double-Träume der Dorf-Truppe
Für das Wohlergehen einer Randsportart verantwortlich zu sein, ist kein leichter Job. Für Jan Pommer, den Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (BBL), war diese Saison besonders hart: Drei Vereine kämpften gegen eine drohende Pleite (Köln, Gießen und Jena), mehrere Spieler machten mit ihrem Haschisch-Konsum Schlagzeilen (Leverkusen) und die Top-Teams schmissen Profis wieder raus, die sie zuvor erwartungsfroh eingekauft hatten (Bamberg, Berlin).
Doch jetzt, vor dem Start in die Playoffs (Mittwoch, 19.30 Uhr) freut sich Pommer: "Das Schönste ist für mich, dass bei allen Paarungen der Ausgang noch ungewiss ist", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das bedeute spannende Spiele in den nächsten Wochen. Die acht besten BBL-Teams spielen den Meistertitel im Best-of-Five-Modus unter sich aus, und selten war die Leistungsdichte so groß. Erst Anfang Mai schlugen die achtplazierten Eisbären aus Bremerhaven Tabellenführer Alba Berlin. Der Favorit ist also gewarnt.
Alle zwei Tage müssen die Teams antreten und manchmal steht erst mit dem Schlusspfiff fest, ob das nächste Spiel noch ausgetragen wird. Das heißt 48 Stunden Zeit für Rückreise, Regeneration, Taktik-Training und den Verkauf von mehreren tausend Eintrittskarten. Trotz des Stresses wünscht sich BBL-Geschäftsführer Pommer möglichst viele Spiele. "Wenn alles bis zum Schluss offen ist, dann sind die Partien besonders packend."
Auch SPIEGEL ONLINE geht in seiner Prognose bei drei der vier Paarungen von einer äußerst knappen Entscheidung aus. Allein der Pokalsieger, die Artland Dragons aus Quakenbrück, hat beste Chancen, den Einzug in die nächste Runde schneller klar zu machen.
Berlin - Bremerhaven
Der Erste gegen den Achten der regulären Saison, Alba Berlin gegen die Eisbären Bremerhaven eigentlich eine Paarung, bei der alles klar sein sollte. Doch die große Überraschung ist möglich, das musste Alba schon vor einem Jahr erfahren. Die Artland Dragons standen damals auch auf dem letzten Playoff-Platz und beendeten die Berliner Meisterschaftsträume im Viertelfinale mit drei Siegen in Folge.
Das schnelle Aus wollen die Berliner auf keinen Fall wiederholen. Deshalb wurde im Sommer 2007 vieles umgebaut: Trainer Henrik Rödl musste gehen, und auch vor Spielern mit Vertrag machte der Umbruch keinen Halt. Der neue Mann an der Seitenlinie, der Serbe Luka Pavicevic, bewies auch während der laufenden Saison Mut zur Veränderung. Vier Spieler, die er selbst nach Berlin geholt hatte, mussten wieder gehen. Der letzte erst vor einer Woche: Dijon Thompson, Small Forward in der ersten Fünf. Wegen "nicht akzeptabler Vorkommnisse" trat er den Heimflug nach Los Angeles an.
Die neue Starting Five von Alba hatte erst einen Auftritt: Am vergangenen Samstag gegen Braunschweig. Das Spiel, bei dem es für beide Mannschaften um nichts mehr ging, gewannen die Berliner 77:57. Diese Generalprobe ist den Berlinern also geglückt. Doch Trainer Pavicevic geht zurückhaltend in die Playoffs: "Wir haben uns verbessert, aber sind noch nicht bereit. Wir können den Meistertitel nicht garantieren." Dass es schon gegen Bremerhaven schwierig werden könnte, zeigte das Spiel um den dritten Platz im Pokal-Wettbewerb vor zwei Wochen. Die Eisbären gewannen 74:70.
Nicht nur deshalb können die Eisbären gelassener in die Playoffs gehen. Für das Team von Trainer Sarunas Sakalauskas ist schon der Sprung unter die besten acht ein großer Erfolg. Auch bei Bremerhaven gab es im Sommer einen Umbruch. Viele Leistungsträger gingen, ihre Nachfolger, angeführt vom neuen Playmaker Brian Brown, taten sich schwer.
Erst die Nachverpflichtungen brachten das Spiel der Eisbären in Gang. Matt Haryasz gehört zu den besten Centern der Bundesliga und der im Februar ins Team geholte Power Forward Anthony Tolliver brachte zusätzlich Energie unter den Korb. Wie stark das Team inzwischen ist, bewies es am Samstag gegen Bamberg: Der amtierende Deutsche Meister fuhr mit einer 87:76-Niederlage wieder nach Hause.
Neues Alba-Team zu den Playoffs
Auch bei Alba spielen die Nachverpflichtungen eine wichtige Rolle: Als in Köln das Geld knapp war, machten die Berliner zwei der besten Bundesliga-Spieler der vergangenen Jahre ein Angebot, das die nicht ablehnen konnten: Alexander Nadjfeji und Immanuel McElroy wechselten vom Rhein an die Spree. Johannes Herber ist schon länger in Berlin unter Vertrag, zu den Playoffs kommt er aber praktisch neu ins Team. Sechs Monate lang war er nach einem Kreuzbandriss ausgefallen. Da auch das deutsche Nachwuchstalent Philip Zwiener nach dem Rauswurf von Thompson mehr Spielzeit bekommen dürfte, unterscheidet sich Albas Playoff-Mannschaft deutlich vom Hauptrunden-Team.
Die Spiele zwischen Bremerhaven und Berlin waren seit dem Bremerhavener Aufstieg vor drei Jahren bisher fast immer eng. So ist das Spiel Erster gegen Achter fast ein Duell auf Augenhöhe.
SPIEGEL-ONLINE-Tipp: 3:2
Quakenbrück - Bonn
Die T-Shirts liegen bereit. "Es wird heiß " verrät die Aufschrift, was nicht das Wichtigste am 9,50 Euro teuren Textil ist. Das Playoff-Shirt soll auch dort noch Wirkung entfalten, wo die Buchstaben lange nicht mehr zu entziffern sind. In weiß sollen die Zuschauerränge in der Artland Arena in Quakenbrück während der K.o.-Runde erstrahlen, unter dem Motto "Wird es heiß, trag' ich weiß" soll wieder die Stimmung unter den 3000 Fans erzeugt werden, die die Dragons im Vorjahr bis ins Finale getragen hatte.
Als großer Außenseiter war man damals in die Playoffs gestartet, hatte Topfavorit Alba Berlin und Pokalsieger Köln aus dem Wettbewerb geworfen und war erst im Finale an Bamberg gescheitert. Die Rolle des sympathischen Underdogs aus der Provinz mit den fanatischen Fans gefiel den Quakenbrückern. Auch in dieser Saison versuchten Trainer Chris Fleming und Manager Marko Beens lange, die Erwartungen an das Team zu bremsen.
Doch die laufende Saison mit Spitzenposition in der BBL, dem überraschenden Einzug ins Achtelfinale des Uleb-Cups und dem Pokalsieg Anfang Mai haben dieser Strategie jegliche Glaubwürdigkeit genommen. Was man inzwischen auch im 13.000-Einwohner-Dorf Quakenbrück eingesehen hat: "Wir haben uns eine gewisse Rolle als Favorit verdient, weil wir bisher eine gute Saison gespielt haben", sagt Fleming. "Letztes Jahr sind wir als Underdog zweimal Zweiter geworden. Jetzt haben wir als Favorit im Pokalfinale unseren ersten Titel geholt. Vielleicht ist es gut so", sagt Dragons-Manager Beens SPIEGEL ONLINE.
Wieder wird es weiß und heiß werden in Quakenbrück, doch es hat sich auch einiges geändert im Jahr nach der großen Provinzüberraschung. Geht es nach den Verantwortlichen, zum Besseren. "Wir sind auf den großen Positionen besser besetzt", sagt Fleming im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In Adam Chubb haben die Dragons zu Beginn der Spielzeit einen Center verpflichtet, der ebenso beweglich wie kraftvoll agiert. Auch Forward Leon Rodgers, im Winter nach Quakenbrück gekommen, verstärkt das Team, das nun neben einem starken Mannschaftsspiel in wichtigen Phasen auch Akteure für entscheidende Situationen auf dem Feld hat.
Nicht nur für Alba-Kapitän Femerling sind die Dragons nun "ein großer Favorit auf den Titel" - und der wohl stärkste Gegner in der BBL. Die Telekom Baskets Bonn müssen jedoch nicht nur gegen den Pokalsiegerschwung des Kontrahenten bestehen. Auch eigene Probleme machen die Serie gegen Quakenbrück zu einer schwierigen Aufgabe. Lediglich vier Siege gab es zuletzt in acht Partien, zudem musste das große Projekt "Playoffs in der neuen Halle" verschoben werden. "Sollte es eine sportliche Überraschung geben und sollten wir uns für das Halbfinale qualifizieren, werden wir dann vielleicht im Telekom-Dome startklar sein", sagt Bonns Sprecher Michael Mager.
Bis die neue Örtlichkeit, aus Kostengründen in Eigenregie und mit großem Faneinsatz errichtet, fertiggestellt ist, tritt das Team von Trainer Michael Koch in der gewohnten Hardtberghalle an. Dort gab es genauso wie im Artland eine Niederlage gegen die Dragons (71:80, 73:77).
Doch in Quakenbrück lässt man sich von diesen Erfolgen nicht täuschen: "Zu Hause haben wir nur knapp gewonnen, da hatten wir am Ende des Spiels einfach mehr Glück", weiß Ralf Rehberger, Assistenz-Trainer der Dragons.
Besonders auf ihre gute Defensive hoffen die Bonner Baskets, und auf Forward Ronald Burrell, ihren Forward. "Der hat uns in Bonn große Probleme bereitet", sagt Rehberger. Sie werden für die Dragons dennoch zu lösen sein.
SPIEGEL-ONLINE-Tipp: 3:1
Leverkusen - Frankfurt
Es gibt Mannschaften, die sind so stark, dass sie sich nur selbst schlagen können. Sagt man. Die Bayer Giants Leverkusen waren sicher schlagbar, lange Zeit der Saison. Im Rückblick muss man jedoch feststellen, dass sie in den Playoffs äußerst schwer zu besiegen gewesen wären. Für viele, die es nicht geschafft hätten, haben sie das im Laufe der Spielzeit nun selbst erledigt.
Anfang März wurde US-Forward Nate Fox positiv auf THC getestet - ausgerechnet im Spiel gegen die Deutsche Bank Skyliners aus Frankfurt, den Gegner in der ersten Playoff-Runde. Der Verein suspendierte seinen Top-Scorer - und musste zwei Monate später sogar nachlegen: Eric Taylor, bester Rebounder und drittbester Schütze im Team, soll unter Drogeneinfluss Auto gefahren sein und einen Unfall verursacht haben. Auch hier reagierten die Verantwortlichen umgehend: Freistellung, solange die Staatswanwaltschaft ermittelt.
Auch wenn Leverkusen damit die zwei größten Spieler im Kader fehlen, bleibt Trainer Achim Kuczmann dennoch optimistisch: "Es wird natürlich nicht leichter für uns", sagt der "Trainer des Jahres". "Aber wir müssen als kleinere Mannschaft halt schneller spielen."
In Frankfurt ist der Glaube an den Sieg, trotz Platz sechs in der Liga, größer. Für die Skyliners sind die drittplatzierten Leverkusener ein Wunschgegner, gehen sie damit den ungeliebten Teams aus Bamberg und Quakenbrück aus dem Weg. "In der Saison haben wir zweimal nicht sehr gut gegen Leverkusen ausgesehen. Ich bin aber optimistisch, dass wir die Runde überstehen werden", sagt Frankfurts Kapitän Pascal Roller, der gleich das erste Spiel in Leverkusen "stehlen" will.
Skyliners-Coach Murat Didin führte das Team nach zweijähriger Pause wieder in die Playoffs, dort will der türkische Erfolgstrainer nun die "volle Konzentration" auf die Abwehr legen. Damit will er "eine der besten Offensiven der Liga" bekämpfen. Für die unter dem Korb schwächer besetzten Frankfurter sind die Ausfälle der großen Leverkusener sicher kein Nachteil, auch wenn Didin die fehlenden Leistungsträger nicht besonders interessieren. "Egal ob Spieler fehlen oder nicht: Die wissen, wie man Basketball mit hohem Tempo spielt", so der Trainer.
Entscheidend wird sein, wie die Leverkusener Fox und Taylor ersetzen können und wie Frankfurt die Leverkusener Offensive in den Griff bekommt. Am Ende wird daraus wohl eine der knappsten Serien des Viertelfinales, fünf Spiele sind allemal drin.
SPIEGEL-ONLINE-Tipp: 2:3
Bamberg - Oldenburg
Eigentlich könnte man die Brose Baskets aus Bamberg im Kampf um die Meisterschaft schon abschreiben. Die Saison lief bisher gar nicht gut. Der vierte Platz täuscht darüber hinweg, wie tief die Löcher waren, in die das Team von Dirk Bauermann auswärts immer wieder gefallen ist: Als einziges Top-Team verlor der amtierende Deutsche Meister beim Tabellenletzten Jena, in der Euroleague wurde Bamberg von Partizan Belgrad 85:37 aus der Halle gejagt und im Pokal kam das Aus im Viertelfinale, die Artland Dragons gewannen 98:67.
Dass man sie aber deshalb nicht abschreiben sollte, hat einen Grund: Den Bauermann-Mythos. Viele trauen dem Bundestrainer zu, dass er sein Team doch wieder pünktlich zu den Playoffs in Top-Form bringt. Immerhin hat es der Mann in schwarzer Kleidung schon neun Mal geschafft. Sieben Mal war er mit Leverkusen Deutscher Meister, zwei Mal mit Bamberg.
Mit der Nationalmannschaft wurde er Vize-Europameister. Ein Großteil der Auswahl trägt in dieser Saison das Bamberger Trikot: Lokalmatador Steffen Hamann, Robert Garret, Demond Greene, Ademola Okulaja und Mithat Demirel sowie Nachwuchscenter Tim Ohlbrecht. Doch die Ansammlung von Nationalspielern reichte bislang nicht für mehr als für den vierten Platz.
Der hat zur Folge, dass die Bamberger gegen einen zuletzt sehr starken Tabellenfünften spielen müssen: die EWE Baskets aus Oldenburg. Der Gegner aus Oldenburg hatte im letzten Jahr knapp die Playoffs verpasst und danach ordentlich aufgeräumt: Alle Spieler bis auf Daniel Strauch mussten gehen, auch für Trainer Don Beck war es die letzte Saison in der EWE-Arena. Sein Nachfolger Predrag Krunic hatte einen mittelprächtigen Start in die Saison. Doch gegen Ende der Hauptrunde scheint sich das Team, das überwiegend aus US-Amerikanern und Spielern aus Kroatien und Serbien besteht, gefunden zu haben: Von den letzten vierzehn Spielen gewann das Team elf.
Bamberg-Coach Bauermann macht seiner Mannschaft Mut: "Mit einer guten Vorbereitung und unseren unglaublichen Fans im Rücken werden wir das erste, sicherlich schwere Spiel am Donnerstag gewinnen." Playoff-Mythos Bamberg gegen die Oldenburger Frühjahrsstärke ein Duell, dass schnell zur Nervenschlacht über fünf Spiele werden kann.
SPIEGEL-ONLINE-Tipp: 3:2