BDR-Chef Scharping Präsident ohne Plan
Rudolf Scharping strahlt. Er lacht in die Kamera, im Arm hält er seine Ehefrau Kristina Gräfin Pilati. Am vergangenen Wochenende besuchte der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer zur Eröffnung des Münchner Oktoberfestes das Zelt von Feinkostkönig Michael Käfer und ließ sich bereitwillig von den Fotografen ablichten. Vielleicht wollte Scharping noch einmal Kräfte sammeln vor der Weltmeisterschaft der Straßenrad-Profis, deren Rennen morgen beginnen.
Es wäre dem einstigen Kanzlerkandidaten allerdings auch zuzutrauen, dass er sich endlich einmal wieder in den Medien sehen wollte, ohne dass ihm im nebenstehenden Text jemand vorwirft, er sei falsch beraten, er halte sich nicht an Zusagen, er treffe falsche Entscheidungen, nehme das Vorgehen gegen Dopingsünder nicht ernst und führe sich im eigenen Haus auf wie ein Diktator.
Mit diesen Vorwürfen sah sich der 59-Jährige zuletzt konfrontiert, und wenn er heute auf dem Stuttgarter Schlossplatz gemeinsam mit dem Präsidenten des Weltverbandes UCI, Pat McQuaid, die WM eröffnet, muss er befürchten, ausgepfiffen zu werden. Da ist es natürlich verständlich, wenn Scharping in den Tagen vor der Veranstaltung für ein Interview nicht zu erreichen ist. Zum Glück gibt es andere, die über ihn sprechen.
Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner, betont, dass er Scharping nicht kritisieren möchte. Allerdings stellt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE fest, wie wenig Verlass auf die Aussagen des Radpräsidenten sei: "Scharping hat uns vor der WM zugesagt, dass entweder alle dopinggeständigen Fahrer und Sportlichen Leiter starten dürfen oder keiner." Tatsächlich schickt der BDR nun zwar den Ein-Wochen-Doper Erik Zabel an den Start, verweigert aber den einstigen Telekom-Profis Christian Henn (jetzt Gerolsteiner) und Rolf Aldag (T-Mobile) die Teilnahme im Begleitwagen des deutschen Teams. Holczer, der nun selbst ans Steuer muss, sagt: "Da ist das, was besprochen wurde, im BDR-Präsidium nicht umgesetzt worden."
Dass Scharping sich nicht durchsetzen konnte, darf man bezweifeln. Christian Frommert, der als Leiter der Sponsoringkommunikation bei der Deutschen Telekom auch für das T-Mobile-Team zuständig ist, schätzt den früheren Politiker "als einen Präsidenten ein, der seinem Führungsanspruch den entsprechenden Nachdruck zu verleihen vermag". Und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Hört man sich weiter bei den deutschen Profi-Teams um, bekommt man von leitenden Mitarbeitern schon mal zu hören, dass sich im BDR zu viele "eitle, profilneurotische Duckmäuser ohne eigene Meinung" herumtreiben würden. Vor allem im Präsidium.
Die Nominierung des deutschen WM-Kaders sorgte ohnehin für einen Eklat. Weil Zabel ebenso vom BDR aufgestellt wurde wie Astana-Fahrer Andreas Klöden (der inzwischen verletzt absagte) und CSC-Profi Jens Voigt, die für früher (CSC) oder bis heute (Astana) dopingverseuchte Rennställe starten, trat Verbandsvize Dieter Kühnle zurück. Seine Begründung: "Die Generalrichtung, die Rudolf Scharping vorgibt, kann ich nicht länger glaubwürdig vertreten."
Machtbewusstes Schwergewicht
Der Entscheidung über den WM-Kader waren heftige interne Diskussionen vorangegangen. Holczer berichtet von einer Anfrage Kühnles. Der wollte wissen, ob es möglich wäre, ausschließlich junge und unbelastete Fahrer zu nominieren, ohne sich sportlich zu blamieren. Holczer: "Ich habe gesagt, ja, das geht." Scharping war anscheinend anderer Meinung. An der Abstimmung über die Nominierungen beteiligte er sich zwar nicht. Das, so ließ Kühnle verlauten, musste er allerdings auch nicht, denn der starke Arm des Präsidenten sorge schon für die gewünschten Ergebnisse.
Offen zitieren lässt sich mit solch heftiger Kritik am Radverband und seinem Chef allerdings niemand. Zwar beschreiben Beobachter in Verband, Teams und auch Politik Scharping gleichermaßen als glatten Berufsfunktionär, der sich bei ernsten Themen wie Doping lieber im Ungefähren bewegt zugleich gilt der frühere Ministerpräsident, SPD-Vorsitzende und Verteidigungsminister aber trotz seiner am Ende unglücklich verlaufenen Polit-Karriere immer noch als machtbewusstes Schwergewicht mit vielen wichtigen Kontakten.
Telekom-Sprecher Frommert beschreibt es so: "Scharping verfügt über große Erfahrung und über genügend Mechanismen, seine Position zu befestigen." Unterschätzen sollte den Präsidenten niemand, auch wenn er die Swimming-Pool-Fotos aus der "Bunten" noch im Hinterkopf hat und die breite, gemächliche Sprechweise des gebürtigen Westerwälders aus dem Stand nachahmen kann (das können übrigens fast alle, die man zu Rudolf Scharping befragt und sie demonstrieren es gern).
Eine Kommission als "Feigenblatt"
Deshalb glaubt auch kaum jemand daran, dass er vor Ablauf seiner Amtszeit 2009 zurücktreten wird. Dabei geriet Scharping kürzlich noch weiter unter Druck, als eine erst im Juli vom BDR berufene Anti-Doping-Kommission ihre Arbeit einstellte. Deren Sprecher Fritz Sörgel, Leiter des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmakologische Forschung, warf dem Präsidenten vor, nicht einmal eine Aufgabenbeschreibung vorgelegt zu haben und sich bei der einzigen gemeinsamen Sitzung schnell verdrückt zu haben. Sörgel bezeichnete die Kommission als "Feigenblatt" und forderte "einen kompletten Neuanfang". Ohne Scharping.
Der wusste sich allerdings zu wehren. In einem Interview nannte der BDR-Präsident die angeblich verlangten Tagessätze der Kommissionsmitglieder in Höhe von 1700 Euro plus Mehrwertsteuer. Scharping warf Sörgel zudem vor, auch mit Blick auf den Gesamtetat utopische Geldforderungen zu stellen. In solchen Grabenkämpfen, das zeigt der Konflikt, kann man Scharping nicht besiegen.
Den Verband lähmen solche Machtspielchen allerdings nur. Die Einsetzung der Kommission, in der aus unerfindlichen Gründen auch der Olympiasieger Michael Groß als Vertreter einer nicht gerade doping-unverdächtigen Disziplin Schwimmen saß, entpuppte sich so als hastige und substanzlose Reaktion auf die Ereignisse bei der diesjährigen Tour de France.
T-Mobile geht auf Distanz
Die Farce um das Gremium, das der Präsident laut leitenden BDR-Mitgliedern allein durchgesetzt haben soll, spiegelt Scharpings Vorgehen wider mit dem er zu Beginn seiner Amtszeit 2005 noch die Rennställe beeindruckt hatte. "Der legte los wie die Feuerwehr", erinnert sich ein Aktiver, der ihn damals erlebte, "aber bald merkte man, dass er nur an der Oberfläche kratzte und ganz allein unterwegs war". Der diplomatische Frommert formuliert das so: "Er gibt Tempo und Richtung an. Ich kann mir vorstellen, dass sich da einige in seinem Umfeld nicht immer mitgenommen fühlen."
Auch beim führenden Radteam in Deutschland löst Scharpings Kurs Befremden aus. "Als Sponsor zweier Profi-Radteams sollten der Bund Deutscher Radfahrer und T-Mobile in beiderseitigem Interesse künftig stärker auf eine gewisse Distanz achten", sagt Frommert. Dabei hatte Scharping, der früher bei der Tour de France Dauergast des Teams Telekom war, den Nachfolger T-Mobile für eine enge Zusammenarbeit etwa bei Jedermann-Rennen gewinnen wollen.
Von Scharping, so ist der Eindruck unmittelbar vor der Rad-WM, erwartet niemand mehr einen Fortschritt für den Radsport und den bitter notwendigen Anti-Doping-Kurs. "Die Agenda von Rudolf Scharping ist Rudolf Scharping. Der steht für gar nichts, der braucht nur eine Funktion", urteilt ein früheres Mitglied der rheinland-pfälzischen Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Scharping. Das sei bereits in der SPD so gewesen, und im Radsport hört man mittlerweile an jeder Ecke ähnliche Urteile.
Rudolf Scharping war für ein Interview zu all den Vorwürfen trotz mehrerer Anfragen nicht zu erreichen. Er sei leider erkrankt und müsse alle Termine absagen, teilte sein Büro am vergangenen Donnerstag schließlich mit. Zwei Tage später begann das Oktoberfest.