Becker-Talk Planschen mit Hitzfeld
Wenn Ottmar Hitzfeld frühmorgens unter der Dusche steht, stellt er sich manchmal vor, dass die Wasserfälle, die da auf ihn herabstürzen, Fragen der Journalisten seien, er selbst aber ein Fels in der Brandung, an dem alles abprallt.
Diese Autosuggestion gibt dem mittlerweile erfolgreichsten deutschen, aber noch immer medienscheuen Fußballlehrer Kraft, das Leben im Rampenlicht zu meistern. Sein Besuch in Boris Beckers Premierensendung jedoch muss für den stets Selbstdisziplin übenden Gefühlsasketen aus Lörrach wie eine warme Badewanne gewesen sein.
"Ich hoffe, sie entspannen sich gerade", sorgte sich der Talkmaster aus Leimen zur Hälfte seiner Show um das Wohlbefinden Hitzfelds, der in den vergangenen fünf Jahren Beckers erklärten Lieblingsverein Bayern München von Titel zu Titel geführt hat. Der frühere Tennis-Held spielte seinem Gast die Bälle zu, der bedankte sich gewohnt höflich ("Das steht in meinem Buch drin. Sie sind gut vorbereitet") und plauderte - in chronologischer Reihenfolge - aus seinem Leben: Wie Hitzfeld Senior der Vorname Fritz zu preußisch war, und er daher seinen jüngsten - immerhin fünf Jahre vor dem Wunder von Bern geborenen - Sohn auf den Namen Ottmar taufen ließ, wie er ihm bald 50 Pfennige für jeden Treffer zahlte, den er zwischen Teppichstangen landete, oder wie Klein-Ottmar vor der strengen Mutter herumtanzte, um ihren Stockschlägen auszuweichen, ehe ihn wenig später das Heimweh im Internat bedrückte.
Kein Ass gegen Hitzfeld
An dieser Stelle nun versuchte Becker, sein erstes Ass als Fernsehjournalist zu landen. Der blondierte Struwwelboris fragte unverblümt, ob Hitzfeld demnächst in Chelsea oder Madrid unter Heimweh leiden werde, aber erntete nicht einmal einen strengen Blick des pflichtbewussten Bayern-Trainers. Er habe noch einen Vertrag in München bis 2005, erklärte Hitzfeld und lächelte sogar dabei. Auch alle weiteren Fragen nach seiner Zukunft ("Reizt Sie das Amt des Bundestrainers?") blockte er so - wie Becker in seinen besten Zeiten die Aufschläge Stefan Edbergs - ab.
"Hitzfeld ist als Mensch spannend", hatte Becker seinen ersten Talkgast angepriesen. Weil dieser allerdings die ganz knackigen Anekdoten aus seinem Leben dezent ausließ, ergänzte der Fragesteller über die Zeit des Profifußballers Hitzfeld, der in den siebziger Jahren den VfB Stuttgart einmal sogar mit sechs Toren in einem Spiel zurück in die Bundesliga schoss: "Sie waren da ein ganz schön wilder Kerl, sind über parkende Autos gestiegen. Es ging ganz schön um die Häuser." Hitzfeld nickte und erzählte noch von Kartenspielen, bei denen der Gewinn hinterher wieder gleichmäßig ausgezahlt wurde.
"Darmdurchbruch ging an die Nieren"
Über das Leiden eines vom Erfolgsdruck permanent Getriebenen hatte Becker sich vorgenommen zu talken, ein Thema, das ihn selbst persönlich fast zwei Jahrzehnte lang bewegt hat. Mit seinem einzigen verbalen Fehlpass erinnerte er Hitzfeld an die Gefahr seiner stressigen Tätigkeit: "Sie hatten zu Dortmunder Zeiten einen Darmdurchbruch. Das ging schon richtig an die Nieren." Doch Hitzfeld, seit Monaten bei Bayern München schwer in der Kritik stehend, erwies sich als Meister der Selbstkontrolle und ließ sich nicht aus der Reserve locken. "Der Druck, erfolgreich zu sein, gehört bei Bayern München dazu", sagte er, "man darf nur nie sein Gesicht verlieren."
Also beantwortete Hitzfeld auch Beckers ultimative Frage ("Interessiert es Gott, ob Bayern München Meister wird?") diszipliniert und konzentriert: "Ich glaube ja. Denn Gott weiß, dass es viele Bayern-Fans gibt und die will er glücklich machen." Die 30 Minuten Sendezeit im DSF waren abgelaufen und Bayern-Fan Becker sah jetzt besonders glücklich aus.