Biathlon Big Brother in der Loipe
Zwei Mann sind nötig, die dunkelblaue Kiste zu schleppen. Sie steht in einem Container mit der Nummer 27 im Sportpark von Soldier Hollow. Sie ist der erste Star bei Olympia. Drei Tage bevor im nahen Salt Lake City das olympische Feuer entzündet wurde, warf Steffen Hoos, 33, noch einmal einen Blick in die Truhe. Alles da: das Bügeleisen, die Schleifklötze und natürlich das Wachs.
Hoos hat viel Wachs mitgebracht nach Utah. Blaues, weißes und rotes, in Blöcke gepresst. Anderes ist in kleinen Dosen abgefüllt, mit Fluor zersetzt und fein wie Staub. 100 Gramm kosten 70 Euro, so viel wie Schwarzer Trüffel. Hoos weiß alles über Wachs. Er präpariert die Skier der deutschen Biathlon-Herren. Es ist, wie er sagt, "ein Höllenjob".
Jeden Morgen testet er im Biathlon-Stadion neue Mischungen. Über eine Lichtschranke wird gemessen, welcher Ski mit welchem Wachs am besten gleitet. Nach jedem Durchgang rufen sich die Service-Leute geheimnisvolle Codes zu. Als "L207" über die Piste rauscht, grinst Hoos.
"Haben wir auch so gutes Wachs wie die Norweger?"
Er blickt auf die gestoppte Zeit. "Rakete", entfährt es ihm eine Mischung für Gold. Seit drei Jahren ist Steffen Hoos für den Belag der Skier im deutschen Biathlon-Lager verantwortlich. Anfangs war das ein ruhiger Posten. Kein Mensch außerhalb des Teams interessierte sich für sein Handwerk. Doch das ist jetzt anders.
Ein Kamerateam filmt ihn, wie er seine Kiste inspiziert. Reporter drängeln sich um das Behältnis, als handele es sich um ein antikes Möbelstück, und stellen mit ernster Miene Fragen: "Hoosi, haben wir auch so gutes Wachs wie die Norweger?" Wir!
Olympia hat ja schon oft skurrile Helden hervorgebracht. Exoten, die den Medaillenspiegel aufpäppeln dürfen und dann wieder rasch vergessen werden. Doch die Sonderlinge aus der Loipe haben diesen Status längst verlassen. Beständig sehen sie sich von einer Begeisterung umtost, die fast an die Anfänge der Hysterie um die Skispringer Sven Hannawald und Martin Schmitt erinnert.
Bis zu vier Millionen Zuschauer sitzen bei Weltcup-Rennen regelmäßig vor dem Fernsehgerät, wenn Lieblinge wie die Oberbayerin Uschi Disl, ihre Teamgefährtin Kati Wilhelm oder die Olympiasieger Sven Fischer, Frank Luck und Ricco Groß die Büchse schultern. Über Begriffe wie "Pulsverhalten" und "Schussfrequenz" debattiert das Publikum mittlerweile so selbstverständlich wie die Formel-1-Gemeinde über die maximale Drehzahl von Michael Schumachers Ferrari.
Der Boom verblüfft. Denn lange Zeit stand Biathlon in dem Ruf, nichts weiter als eine Gefechtsübung im Schnee zu sein. Bei den Winterspielen 1924 in Chamonix unter der Bezeichnung "Militärpatrouille" als Demonstrationswettbewerb eingeführt, dienten noch bis 1978, der Frühphase von Friedensmarsch und Ökosandalen, großkalibrige Armeegewehre den Athleten als Waffe. Inzwischen wird mit Kleinkaliber-Sportgewehren geschossen.
Erinnerungen an Grundwehrdienst werden wach
Sensible Beobachter fühlen sich dennoch an den Grundwehrdienst erinnert angesichts des gängigen Sprachgebrauchs unter Biathleten. Das Schießen nennt Herren-Nationaltrainer Frank Ullrich, hauptberuflich Oberfeldwebel bei der Bundeswehr, "Bekämpfung der Ziele". Und wenn ein Schützling in der Loipe gut unterwegs war, dann sagt Ullrich hölzern, er habe sich "ehrenvoll in Szene gesetzt".
Die Darsteller sind also kaum für den neuen Appeal ihrer Sportart verantwortlich. Vielmehr war es das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das auf der Suche nach neuen Idolen Biathlon entdeckte. Denn lange vorbei sind die Tage, da ARD und ZDF dank der Erfolge populärer Skiheroen quasi das Monopol auf Hüttenzauber und Alpenglühen hatten.
Da traf es sich gut, dass die Biathleten auf die Wünsche der TV-Schaffenden eingingen. Es gibt jetzt publikumsfreundliche Disziplinen wie Massenstart und Verfolgung, bei dem ein wenig öde durch den Wald gelaufen, aber viel geknallt wird. Das Fernsehen rückt im Weltcup mit 80 Mitarbeitern und 20 Kameras an und setzt den Sport so spektakulär in Szene, dass mancher denken könnte, John de Mol ("Big Brother") habe die Regie übernommen. Kein Streckenteil, der nicht observiert wird. Kein Schuss, der nicht in Zeitlupe und Großaufnahme analysiert werden kann.
Für die kommende Saison hat der Weltverband in Aussicht gestellt, das Teilnehmerfeld von bisher 120 auf 80 Starter zu reduzieren. Schließlich soll kein Außenseiter aus Argentinien oder Marokko im Weg stehen, wenn Stars wie die Olympiafavoriten Raphaël Poirée aus Frankreich oder Magdalena Forsberg aus Schweden herbeirauschen.
Atmosphärischen Veränderungen
Die Anbiederung an den Kommerz europaweit zahlt das Fernsehen pro Jahr rund 3,5 Millionen Euro, weitere 5 Millionen Euro werden von Sponsoren eingenommen führt jedoch zu atmosphärischen Veränderungen. Der Ruhpoldinger Wolfgang Pichler, Trainer der schwedischen Nationalmannschaft, sieht den Biathlon-Sport auf dem Weg zum "High-Society-Event" und fürchtet um den Verlust "des familiären Touchs". Denn eigentlich sind Biathleten ja eher stille Zeitgenossen, Typen wie Sven Fischer, der Ski fährt und schießt, weil er "eben nie was anderes gemacht" habe.
Fischer, 30, ist wie sein Teamkollege und Schwager Frank Luck, 34, im thüringischen Schmalkalden geboren. Er besuchte, genauso wie Luck, die Kinder- und Jugendsportschule in Oberhof. Mit 20 Jahren gelang ihm der Sprung in die Nationalmannschaft, 1994 und 1998 wurde er mit der Staffel Olympiasieger.
Nun ist Fischer zum dritten Mal bei Olympia. Er weiß nicht recht, ob er die modernen Zeiten gut oder schlecht finden soll. Denn einerseits bekommt er für einen Sieg nicht mehr wie früher nur einen Fresskorb gereicht, sondern verdient allein durch Prämien rund 50 000 Euro im Jahr.
Andererseits herrschen neuerdings ja doch komische Sitten. Zeitungen interessieren sich für das Liebesleben der Biathleten. Beim Weltcup in Ruhpolding reichen Hostessen im VIP-Zelt Sekt und Lachshäppchen. In Oberhof haben sie eine riesige Videoleinwand in die Postkartenkulisse gerammt.
Und draußen in der Loipe wird getrickst und gedrängelt wie nie zuvor. Es gehe eben "um einen Haufen Geld", sagt Fischer, da bleibe "der Sportsgeist auf der Strecke". Biathlon sei kein Sport, den man ausüben könne, wenn die Leidenschaft fehlt. Biathlon ist griechisch und heißt: Doppelkampf. Vor Jahren konnte ein guter Schütze noch eine schlechte Laufleistung ausgleichen und umgekehrt. Jetzt sind die Besten sowohl im Schießen als auch im Langlauf Weltklasse.
So bringt es Frank Luck bei 60 Schuss auf 595 Ringe ein Wert, mit dem er auch bei Olympischen Sommerspielen im Lager der Schützen bestehen könnte. Der Norweger Ole Einar Björndalen wiederum, der beste Läufer der Biathleten-Zunft, belegte dieses Jahr bei Weltcup-Rennen der Langlauf-Spezialisten zweimal Rang zwei.
10.000 Ski-Kilometer und 20.000 Schüsse pro Jahr
Die Konkurrenz wird härter. Wer in der Weltspitze mithalten will, beginnt schon im Mai mit dem Training. Auf 10.000 Ski-Kilometer und 20.000 abgegebene Schüsse kommt ein Topathlet pro Jahr. Geübt wird mitunter an bizarren Orten. So verbringen die deutschen Biathleten den Juli gern in einem Tunnel im finnischen Vuokatti, weil dort eine 1,2 Kilometer lange Ganzjahrespiste angelegt ist. Danach versammeln sie sich in der Kältekammer der Firma Rheinmetall bei Hannover. In endlosen Tests wird geprüft, welcher Gewehrlauf und welche Munition auch bei minus 20 Grad noch ein makelloses Trefferbild garantieren.
All die Plackerei nehmen Biathleten auf sich, um am Ende für eine denkbar widernatürliche Übung vorbereitet zu sein. Es ist der Moment, in dem sie schwer atmend in die Schießanlage gleiten, ihr Gewehr vom Rücken holen, anlegen und trotz aller Anstrengungen plötzlich erstarren. Nur Biathleten beherrschen diesen Trick.
Ungeübte würden dabei in Ohnmacht fallen
Wenn Sven Fischer in den Schießstand fährt, trommelt sein Herz 180-mal pro Minute. 15 Sekunden nimmt er sich Zeit, bis er den Zeigefinger für den ersten Schuss in Position bringt. Sein Puls liegt immer noch bei 150. Dann wird es kompliziert. Vor jedem Schuss stößt Fischer zwei Drittel seiner Atemluft aus, um das Kohlendioxid aus der Lunge zu pumpen. Dann hält er die Luft an. Nachdem er abgedrückt hat, atmet Fischer einmal tief durch. Diese Prozedur wiederholt er viermal. Ungeübte würden dabei in Ohnmacht fallen.
Aber wer weiß das schon. Fischer kennt die Schwächen seines Sports, dass man Thrill bietet, aber nicht wirklich Respekt erntet wie Skispringer oder Abfahrer. Das Publikum sieht nur, ob der Schütze trifft oder nicht trifft. Wenn nicht, dann bleibt der Trefferkanal schwarz und das Publikum stöhnt: "Uuh." Wenn ja, dann klappt eine weiße Blende vor das Ziel und die Zuschauer schreien: "Yeah."
Dabei, sagt Fischer, soll es aber auch bleiben. Es gibt Leute, die würden die Pulsfrequenz der Sportler gern auf einer Anzeigetafel einblenden. Doch wenn derlei dramatische Show-Effekte eingeführt werden, so Fischer, dann sei es "höchste Zeit aufzuhören".
GERHARD PFEIL