Tour-Bilanz: Shootingstars und Pechvögel
Tour-Bilanz 2012 Pechmartin und Nagelfallen
Was wird von der Tour 2012 in Erinnerung bleiben?
Vor allem die Dominanz des britischen Teams Sky mit Gesamtsieger Bradley Wiggins, Edelhelfer Christopher Froome und Sprinter Mark Cavendish. Und sonst? Fabian Cancellara, der seine Bilanz auf 27 Tage in Gelb ausbaute - kein Fahrer, der nie die Frankreich-Rundfahrt gewann, war erfolgreicher. Dazu der Aufstieg der Youngster Peter Sagan (drei Etappensiege und Grünes Trikot) und Thibaut Pinot (ein Etappensieg). In Erinnerung bleiben auch die auf der 14. Etappe von Zuschauern auf die Strecke geworfenen Reißnägel, die etliche Stürze auslösten.
Was wird nicht in Erinnerung bleiben?
Das Drama um das Team Radioshack mit ausbleibenden Gehaltszahlungen, Degradierungen - wie im Falle des sportlichen Leiters Kim Andersen - und Fahrerbestrafungen - wie dem Rennverbot für Jakob Fuglsang. Vom Dopingfall Fränk Schleck wird wohl nur der bizarre Begründungsversuch der Vergiftung übrig bleiben. Denn überraschenderweise war Doping, trotz des Falles Rémy di Grégorio, nicht das große Thema der Tour. Ob dies an grundsätzlich sauberen Sportlern lag? Man weiß es nicht. Sicher ist: Alle Beteiligten scheinen bei diesem Aspekt immer weiter zu ermüden.
Was war die Szene der Tour?
Froome tritt auf der Bergetappe nach La Toussuire an, Vincenzo Nibali hetzt hinterher, Cadel Evans ist schon zurückgefallen. Aber Kapitän Wiggins kann nicht folgen. Froome wird vom Team zurückgerufen - und wartet brav. Am Ende der Etappe führen die beiden Sky-Fahrer das Klassement an, eine mögliche Diskussion über den wahren Kapitän im Rennstall kommt nicht auf.
Ist Wiggins ein würdiger Sieger?
Der Brite gestaltete das Rennen überlegen und war insbesondere in den beiden Einzelzeitfahren herausragend. Allerdings profitierte er auch von dem schwach besetzten Feld. Ohne Andy Schleck und Alberto Contador fehlte es an Konkurrenz, lediglich Teamkollege Froome forderte Wiggins.
Hätte Froome tatsächlich gewinnen können?
Schwer zu sagen. Froome verlor schon auf der ersten Etappe durch einen Sturz viel Zeit - und wurde so nie ein ernsthafter Kandidat für das Amt des Kapitäns. Ob er in den Bergen allerdings etwa drei Minuten auf Wiggins herausgefahren hätte, ist fraglich. Deutlich wäre der Vorsprung jedenfalls nicht gewesen.
War die Tour langweilig?
Spannung kam in der Tat nur selten auf. Zu früh wurde deutlich, dass Cadel Evans nicht in Form und auch Nibali kein ernster Kandidat für Gelb ist. Allerdings: Zu Zeiten Lance Armstrongs war es auch selten abwechslungsreicher.
Warum konnte Evans seinen Titel nicht verteidigen?
Zum einen war er einfach nicht gut in Form, was die mäßigen Ergebnisse in diesem Jahr zeigen. Zum anderen scheint ihm sein Übermut geschadet zu haben. "Jetzt wo ich weiß, wie man so eine Tour gewinnt, wird alles leichter. Ich muss sie nur noch zu Ende fahren", hatte er vor dem Start gesagt. Am Team jedenfalls lag es nicht. BMC war nur unwesentlich schlechter als Sky, was auch die starke Leistung von Tejay van Garderen als bestem Jungprofi belegt.
Wer war der Pechvogel der Tour?
Eindeutig Tony Martin. Schon beim Prolog hatte der Deutsche einen Defekt, am nächsten Tag stürzte er und zog sich einen Kahnbeinbruch in der Hand zu. Er fuhr mit einer Manschette weiter und absolvierte das erste Einzelzeitfahren. Doch dort warf ihn erneut ein Defekt zurück. Einen Tag später stieg Martin aus.
Wer enttäuschte? Mit wem ist 2013 zu rechnen?
Welche Fahrer fielen positiv auf?
Sicherlich Thibaut Pinot. Und das nicht nur wegen seines Etappensieges auf dem hügeligen achten Teilstück. Auch ansonsten war er derjenige, der in den Bergen am besten mit Froome mithalten konnte. Gut war auch die Leistung des deutschen Sprinters André Greipel, der drei Etappensiege errang. Kein anderer Fahrer gewann mehr.
Welcher Fahrer enttäuschte?
Fränk Schleck. Als Mitfavorit an den Start gegangen, war er einer der ersten großen Verlierer im Kampf um Gelb. Viel Schlimmer: Dem Luxemburger wurden in A- und B-Probe Spuren der verbotenen Substanz Xipamid nachgewiesen. Dennoch leugnet Schleck, gedopt zu haben.
Wurde weniger gedopt als in früheren Jahren?
Dies zu beantworten, gleicht Kaffeesatzleserei. Hinweise, dass beispielsweise die Dominanz des Teams Sky durch Doping bedingt war, gibt es nicht. Es ist allerdings anzumerken, dass bestimmte Dopingpräparate, wie einige Wachstumshorme, nur schwer nachweisbar sind. Das bedeutet aber nicht, dass sie auch verwendet werden.
Ist Bradley Wiggins sauber?
Es liegt nichts gegen ihn vor, keine positive Probe, keine verweigerte oder ausgelassene Kontrolle. Der Rennstall Sky startete ausdrücklich mit dem Wunsch, binnen fünf Jahren nicht nur einen britische Toursieger und einen britischen Olympiasieger zu haben, sondern dies auch auf sauberem Wege zu erreichen.
Hat die Tour eine Zukunft?
Auf jeden Fall. Wenn die entscheidenden Parameter (herausforderndes Streckenprofil und der Termin in den Sommerferien) nicht unerwartet geändert werden, und so auch die Werbeindustrie weiter starkes Interesse hat, bleibt die Frankreich-Rundfahrt ein Highlight im Sportkalender.
Wird sich in Deutschland die überwiegend negative Meinung zur Tour ändern?
Wer sich aus Dopinggründen abgewandt hat, dem ist meist auch die Diskussion darüber müßig geworden. Wer noch dabei ist, beklagt die zurückgegangene mediale Aufmerksamkeit - die sich mit Dopingfragen im übrigen nicht allein erklären lässt. Sollte Alpecin die Gründung eines deutschen Rennstalls gelingen, dürfte das Interesse wieder wachsen und wohl auch die öffentliche Meinung positiver werden. Grundvoraussetzung dafür sind natürlich ausbleibende Dopingfälle.
Welchen Fahrern kann man 2013 den Tour-Sieg zutrauen?
Nach den Leistungen in diesem Jahr neben Wiggins vor allem Froome und Nibali. Hinzu kommen die Rückkehrer Andy Schleck und Contador. Außenseiter-Tipps sind der Belgier Jurgen Van Den Broeck, der wegen eines Sturzes ausgefallene Girosieger Ryder Hesjedal und der Giro-Dritte Thomas De Gendt, der wegen seiner Hochzeit auf die Tour verzichtete.
Welche deutschen Fahrer haben Siegchancen?
Im Gesamtklassement keiner. Andreas Klöden befindet sich im Spätherbst seiner Karriere, schon in diesem Jahr spielte er keine Rolle. Bei Tony Martin ist nicht ersichtlich, dass er einmal auf den Gesamtsieg bei einer dreiwöchigen Rundfahrt gehen will. Und Linus Gerdemann ist selbst bei seinem eigenen Rennstall als "Trainingsweltmeister" abgeschrieben und schaffte es nicht einmal mehr in den Tourkader. In den Massensprints wird aber sicherlich wieder mit Greipel zu rechnen sein.