Bjarne Riis: "Wir wollen Jan Ullrich" - DER SPIEGEL
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Bjarne Riis "Wir wollen Jan Ullrich"

Der dänische Rennstall CSC Tiscali mit Teamchef Bjarne Riis liegt im Rennen um die Verpflichtung Jan Ullrichs anscheinend vorne. Dessen Ex-Arbeitgeber Telekom ist derweil von der Trennung schwer enttäuscht.
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Hamburg - "Wir wollen ihn und sind in Verhandlungen, aber bevor mit dem neuen Sponsor noch nichts hundertprozentig ist, kann ich keinen Vertrag machen", erklärte Riis, 1996 Telekom-Kapitän, als Ullrich hinter dem Dänen auf Anhieb Zweiter der Tour de France wurde.

CSC, dessen bisheriger Co-Sponsor Tiscali vor dem Absprung steht, verzögert im Moment laufende Verhandlungen mit dem spanischen Weltmeister Oscar Freire. "Das Optimum wären beide, aber Jan ist ja nicht gratis", sagt Riis.

Ullrich innerhalb von sechs Monaten in Topform?


Das CSC-Team will bei der WM Anfang Oktober im belgischen Zolder einen namhaften deutschen Co-Sponsor präsentieren, mit dessen Hilfe eine Ullrich-Verpflichtung möglich wäre. "Die Marke Ullrich ist in Deutschland weiterhin für nahezu jede Branche enorm werbeträchtig", sagt der Bonner PR-Fachmann Tilmann Falt, der Ullrich zu dessen Anfangszeiten bei Telekom mit betreut hatte.

Bis zum Einfrieren seines Telekom-Vertrages nach der Verkündung seiner Dopingsperre im Juli hatte Ullrich von den Bonnern ein Grundgehalt von rund 120.000 Euro pro Monat kassiert. Diesen Vertrag wollte Telekom modifizieren und den 28-Jährigen in Zukunft nur noch leistungsbezogen bezahlen. Darauf wollte sich Ullrich offenbar nicht einlassen.

"Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber ich wollte einen Neuanfang", sagte Ullrich, der nicht im Ruf steht, besonders trainingsfleißig zu sein. "Wenn er kommt, weiß Jan, dass er machen muss, was Bjarne sagt", kündigte Riis an. Der Däne glaubt, Ullrich "in sechs Monaten wieder in Topform" bringen zu können. Einen Tag nach der Trennung von Telekom sprach der 28-Jährige seinem persönlichen Trainer Peter Becker, der ebenfalls mitgekommen war, demonstrativ das Vertrauen aus: "So lange ich aktiv bin, wird er an meiner Seite bleiben."

Wüst will Ullrich zu Coast holen


Auch das Essener Team Coast buhlt um die Gunst des Tour-Siegers von 1997. "Wir müssen abklopfen, was Ullrichs sportliche Erwartungen an unser Team wären. Das Geld ist ihm nicht das Wichtigste. Es geht ihm um sein Comeback, und die Chancen dazu stehen gut. Ich weiß, dass Lance Armstrong höchstens noch zwei Jahre fährt", sagte Coast-Manager Marcel Wüst, der in Kontakt mit Ullrich-Manager Wolfgang Strohband steht, "wenn Jan zu uns will, holen wir ihn." Der Hamburger Strohband, väterlicher Freund Ullrichs, lässt sich nicht in die Karten blicken: "Zu Verhandlungen sagen wir vorerst nichts."

"Ich hoffe, Jan hat die richtige Entscheidung getroffen und bekommt durch den Wechsel die richtige Motivation. In meinem Sport-Leben muss ich eine neue Seite aufschlagen. Bis zuletzt habe ich versucht, ihn noch umzustimmen", sagte Telekoms Sportlicher Leiter Rudy Pevenage, zu dem Ullrich ein besonders enges Verhältnis hatte.

Der Weg zurück an die Spitze sei steinig für Ullrich, der sich nach der zweiten Knie-Operation weiterhin in der Rehabilitationsphase befindet und im Oktober mit dem Straßen-Training beginnen will. "Wenn Bjarne oder sonst wer Jan im nächsten Jahr bei der Tour aufs Podium bringt, würde ich sagen: Hut ab", so Pevenage, der seit 2000 mit Ullrich bei der Tour de France gegen den inzwischen vierfachen Gewinner Armstrong zweimal den Kürzeren zog.

Vorwürfe gegen Ullrich


Unterdessen zeigte sich Telekom-Kommunikationschef Jürgen Kindervater in einem Interview mit dem "Bonner Generalanzeiger" von Ullrichs Weggang enttäuscht: "Wir sollten hingehalten werden, unser neues Angebot lag Ullrich schon länger vor - mündlich bereits eine ganze Weile." Ein Teamwechsel bringe Ullrich nichts: "Bloß, weil Sie die Brille wechseln, wird aus Regen kein Sonnenschein." Ullrich ist laut Kindervater von Leuten mit "egoistischen Motiven" umgeben. "Als Sportler hätte man diesem Team nicht mehr antun können, als es Ullrich getan hat."

Nach dem Ausscheiden Ullrichs wird sich Telekom eventuell noch nach einem 24. Profi für die kommende Saison umschauen, "wenn es der Transfermarkt hergibt", so Pevenage. Nach der bereits erfolgten Verpflichtung des diesjährigen Giro-Siegers Paolo Savoldelli (Italien) und des talentierten Cadel Evans (Australien) habe Team Telekom aber bereits Alternativen für die großen Rundfahrten im Kader.