BMW Open: Auferstanden aus Ruinen - DER SPIEGEL
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BMW Open Auferstanden aus Ruinen

Heute startet in München Deutschlands wichtigstes Golfturnier. Die Aufmerksamkeit gilt neben vielen Topstars auch Talent Martin Kaymer, der sich in Rekordtempo im europäischen Profigolf etabliert hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

John Daly ist ganz bestimmt kein typischer Golfer. Der 41-jährige US-Amerikaner hat mehrere Entziehungskuren aufgrund seiner Alkoholsucht hinter sich. Zudem ist er spielsüchtig: 50 bis 60 Millionen Dollar hat ihn diese Schwäche nach eigenen Angaben bereits gekostet. All dies hat er musikalisch verarbeitet, auf eine CD ("My life") gebrannt und veröffentlicht. Dieser Hintergrund macht Daly zu einem Publikumsmagneten - zu einem Trumpf für jeden Turnierveranstalter.

Und so war Dalys kurzfristige Absage im vergangenen Jahr ein harter Schlag für die Organisatoren der BMW Open International in München. 2007 ist das anders. Die neuerliche Absage des Enfant terribles - dieses Mal aus privaten Gründen - ließ gestern keine Ängste vor leeren Wiesen aufkommen. Denn das Publikum im Münchner Vorort Eichenried bekommt eine andere Attraktion geboten.

Vom heutigen ersten Abschlag an wird sich ein großer Teil des Publikums an die Fersen eines jungen Deutschen heften, der die Hoffnung nährt, endlich einen würdigen Nachfolger für Bernhard Langer gefunden zu haben. Martin Kaymer wird sein erstes Turnier als European-Tour-Profi auf deutschem Boden bestreiten. Die Augen der Fans werden sich deshalb auf den kräftigen Jungen aus Mettmann richten - trotz Stars wie Paul Casey, Nick Dougherty und Niclas Fasth, die am vergangenen Wochenende die US Open unter den besten Zehn beendet haben. Trotz Henrik Stenson, dem Führenden in der European Tour. Und auch trotz Langer, Ernie Els und all der anderen Topspieler, die bei Deutschlands wichtigstem Golfturnier abschlagen.

Denn Kaymer ist der Mann der Stunde. Der Shooting-Star, der in den vergangenen zwölf Monaten in Windeseile den Weg in Europas Golfspitze beschritten hat. Der im vergangenen Jahr noch auf der drittklassigen EPD-Tour spielte, wo er für Furore sorgte, als ihm bei den Habsberg Classics, auf den Tag vor einem Jahr, eine sensationelle 59er-Runde gelang - und damit ein deutscher Rekord bei dem er nur ein Schlag schlechter lag als der Weltrekord des Japaners Shigeki Maruyama.

Die zweitklassige Challenge-Tour durchschritt Kaymer anschließend im Rekordtempo (fünf Podiumsplätze bei acht Starts) und landete schon Ende 2006 auf der European Tour. Dort hält Kaymer nach anfänglicher Eingewöhnungszeit ("Hier spielen die Big Boys, da wartet keiner auf Dich") gut mit. Im März wird er in Estoril Dritter, Anfang dieses Monats liegt er in Wales vor dem letzten Tag in Führung, geht mit Bradley Dredge und Tausenden Fans auf die letzte Runde - und wird 14.

Die Situation in München wird für Kaymer, als 52. der Geldrangliste bester Neuling der European Tour, ähnlich sein - der Druck gewaltig. "Es wird einiges auf Martin hereinstürmen", prognostiziert Martin Hasenbein, Trainer des Team Germany, zu dem auch Kaymer gehört, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Damit muss man erst einmal klarkommen können."

Kaymer, dem Langer die nötige "charakterliche Stärke" attestiert, will sich nicht verrückt machen lassen. Er spricht vom "Stolz", der ihn erfüllen wird, wenn er am Sonntag zum letzten Grün gehe und "die ganzen Zuschauer" sehe. SPIEGEL ONLINE erzählt er vom Spaß, den es mache, überhaupt in der ersten Liga mithalten zu können.

Von Druck redet er nicht. Dabei ist nur zu erahnen, was sich am Sonntag an Loch 18 abspielen könnte, sollte Kaymer zu diesem Zeitpunkt noch gut im Rennen liegen. Das Publikum erwartet sehnlichst deutsche Erfolge. In Langer und Kaymer liegen die besten zwei deutschen Profis in der Weltrangliste auf den Plätzen 89 und 121. Zum Vergleich: Das heftig kritisierte deutsche Tennis hat zwei Spieler unter den besten 30 (Tommy Haas, Platz 10, und Philipp Kohlschreiber, Rang 28).

"Golf ist hierzulande immer noch Freizeitbeschäftigung"

Trotz Kaymers grandioser Entwicklung sei von einem Aufschwung im deutschen Golf nichts zu sehen, sagt Trainer Hasenbein: "Kaymer ist ein Zufallsprodukt". Zufällig, weil er in einer Organisation mit fehlender sportlicher Struktur im Jugendsport groß geworden ist. "Daraus entstehen einfach keine Sportler. Golf ist hierzulande doch immer noch Freizeitbeschäftigung, nicht Sport", sagt Hasenbein. Es fehle an Jugendligen, regelmäßigen Wettkämpfen mit und gegen Gleichaltrige, die in anderen Sportarten Motivation für tägliches Training seien. "Was wollen sie erreichen, wenn sie nur einmal die Woche trainieren?", fragt Hasenbein.

Die Golflandschaft in Deutschland müsse sich dramatisch verändern, sagt Hasenbein, der trotz allem den "Einzelfall" Kaymer in höchsten Tönen lobt. "Er hat keine auffällige Schwäche. Martin scheint sehr, sehr schnell in seiner Entwicklung zu sein", sagt der Bundestrainer. Und dann erklärt er noch etwas, was nicht nur die Zuschauer in München freuen dürfte: "Martin spielt, um Turniere zu gewinnen."

Wenn man Hasenbein Glauben schenken mag, wird Kaymer jedoch auf lange Sicht der Einzige mit derart guten Aussichten im deutschen Golf bleiben. Der öffentliche Druck wird also eher zunehmen. In München kann Kaymer an diesem Wochenende schon einmal üben, damit umzugehen. In Zukunft wird ihm auf deutschem Boden auch John Daly die Show nicht stehlen können.