Boris Becker Ein Mann rüttelt an seinem Denkmal
Graz - Die Rückkehr in sein altes Terrain endete für Boris Becker mit einer Ernüchterung: Im Glanz alter Tage kann man sich nicht so ohne weiteres sonnen. Dennoch will sich der "rote Baron" nicht davon abbringen lassen, auch in Zukunft auf Tennisplätzen in aller Welt den Schläger zu schwingen. Und so saß Boris Becker bereits einen Tag nach seiner Abbruchniederlage gegen Björn Borg schon wieder im Flugzeug nach München, nachdem eine Oberschenkel-Zerrung nach 46 Minuten sein erstes Match nach zwei Jahren Pause beim Stand von 6:3, 2:3 gestoppt hatte. Doch bedeutet die "Delta Tour of Champions" in Graz nur den Aufgalopp des 33-Jährigen in eine sportliche Zukunft.
"Nur an schönen Orten"
"Ich kann mir vorstellen, zehn bis zwölf Turniere im Jahr zu spielen, im Einzel oder Doppel, nur an schönen Orten. Ich werde in Zukunft ein fester Bestandteil der Senioren-Tour sein", verkündete Becker unmittelbar nach seinem missglückten ersten Auftritt im überfüllten "Champions-Zelt" den rund hundert Journalisten mit. In einem gecharterten Privatjet flog er dann am Freitag zu seinem Münchner Leibarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, um wenigstens noch den dritten Auftritt gegen Pat Cash zu retten. Nach einer dreistündigen Behandlung durch den "Mann, der mit den Fingern sehen kann", bei der eine Oberschenkelverhärtung diagnostiziert wurde, flog er zurück in die Steiermark.
Die Veranstalter, die Beckers Auftritt auf dem Grazer Kaufhaus mit einem Antrittsgeld von angeblich 600.000 Mark honorierten, haben wohl Druck ausgeübt und schicken den Freizeitprofi nochmals in den Ring: Nach der Absage für das zweite Match am Freitagabend gegen Yannick Noah muss das Zugpferd die Zähne zusammenbeißen und am Samstag noch einmal vor den Karren - außer Konkurrenz gegen Cash. "Es wäre schon ein ziemlicher Schlag für uns, wenn er nicht mehr spielen könnte", hatte Pressechef Karl-Heinz Wieser noch am Freitagmorgen gesagt: "Die Zuschauer kommen eigentlich nur wegen ihm."
Dauerhafter Ausflug in die Vergangenheit
Gegen den schwedischen Jahrhundert-Sportler Borg konnte Becker den 4000 Zuschauern auf dem ausverkauften Center-Court allerdings noch nicht die erhoffte Show bieten. Dennoch scheint Deutschlands ehemaliger Tennisstar, der bereits weitere Events am 8. September bei den US-Open gegen John McEnroe und in Verona (14. bis 16. September) gegen den Weltranglisten-Achten Roger Federer fest geplant hat, mit neuer Bekleidungskollektion (Becker wechselte von weiß auf schwarz während der Partie) und anderem Spielgerät "runderneuert" einen dauerhaften Ausflug in die Vergangenheit machen zu wollen. "Mein Comeback ist ein Schritt zurück in ein Leben, das ich kenne", so Becker, der zugleich eine fast trotzig klingende Spielanalyse mitlieferte: "Bis zu meiner Verletzung habe ich immerhin richtig gutes Tennis gespielt, das kann ich nämlich immer noch."
Vor dem Match sei er gar "angespannter als normal" gewesen. "Die rechte Seite im Rücken hat gezogen". Ein Wärmepflaster sollte den Schmerz lindern, doch habe er sich insgesamt nicht ganz fit gefühlt, musste Becker eingestehen. Dazu komme, dass Training und Match "zwei verschiedene Paar Schuhe" seien. Selbst wenn es nur gegen den Tennis-Rentner Björn Borg geht, der immerhin noch einmal zwölf Jahre älter als er selbst ist. Am Tag zuvor trat Becker noch bei einem Prominenten-Golfturnier in Murstätten bei Graz an.
Teilnehmer eines neuen Formats
Betrachtete Becker die Veteranen-Auftritte früher mit Distanz, so brach er nun eine Lanze für weitere Duelle: "Ich werde auch versuchen, Thomas Muster und Stefan Edberg zu überreden. Ich möchte auch, dass Michael Stich spielt. Ich befürchte, dass Borg, McEnroe und Connors nicht mehr lange spielen werden." In jedem Fall wurde deutlich, dass der Wahl-Münchner nach einem bedrohlichen Abdriften ins Jetset und mehreren missglückten Versuchen im Nadelstreif seine Zukunft wieder in kurzen Hosen sucht. Kommerziellen Gründen dürften dabei auch eine Rolle gespielt haben. Als Teilnehmer eines neuen Formats, das Lifestyle, Entertainment, Wirtschaft und Sport zusammenbringen soll, wird in Verona das Becker-Gastspiel gegen Federer sogar von klassischer Musik umrahmt.
Kein Mensch beachtete Borg
Es kam einem Personenkult gleich, was rund um Boris Becker in Graz betrieben wurde. Fotografen, Kameraleute und Sicherheitsbeamte drängten sich um den Deutschen, als der am Donnerstag um 17.35 Uhr den Platz auf dem Dach eines Einkaufszentrums betrat. Ein paar Schritte hinter ihm schlurfte Björn Borg, unbehelligt wie ein Freizeitspieler. Kein Fotograf wollte ein Bild von jenem Mann, der immerhin fünfmal in Folge Wimbledon gewann und in den 70-er Jahren der Größte seiner Zunft war. Während der Pausen stand ein Ballmädchen mit einem Schirm neben Becker, um ihm bei 40 Grad Schatten zu spenden. Borg saß ein paar Meter weiter mutterseelenallein in der prallen Sonne. Was mag sich der stille Schwede in diesem Moment gedacht haben? Nach seiner Spielerkarriere mussten die Fans jahrelang nur Schlagzeilen über unglückliche Frauenbeziehungen und geschäftliche Pleiten lesen, wenn sie etwas über Björn Borg erfahren wollten. Inzwischen scheint der 45-Jährige aber sehr zufrieden zu sein mit seinem stillen Leben als Seniorenprofi.
Ob Beckers Fangemeinde aus früheren Tagen das neue Leben ihres Idols so ohne weiteres mitverfolgen wird, bleibt abzuwarten. Obwohl die meisten Zuschauer in Graz nur wegen Becker gekommen waren, kommentierte der Sportinformationsdienst (sid) am Freitag den Auftritt des 33-Jährigen eher bissig: "Boris Becker auf der Senior Tour, das ist so ähnlich wie der Versuch des 70-jährigen Pierre Brice, bei den Karl-May-Festspielen in Elspe den jugendlichen Apachen-Häuptling Winnetou zu geben."