Boris Becker: "Ich war die Kampfmaschine" - DER SPIEGEL
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Boris Becker "Ich war die Kampfmaschine"

Von Donnerstag bis Sonntag spielen die früheren Wimbledonsieger Boris Becker und Michael Stich auf der Senioren-Tour in der Frankfurter Festhalle. In einem Doppel-Interview sprechen die einstigen Erzrivalen über ihr heutiges Verhältnis, ihre Stärken auf dem Platz sowie über Pete Sampras und Tommy Haas.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Herr Stich, Herr Becker, was hat Sie bewogen, wieder Wettkampf-Tennis zu spielen?

Michael Stich: Ich wollte nach fünf Jahren reinschnuppern, ausprobieren, ob es mir noch Spaß macht. Bisher fühle ich mich ganz wohl.

Boris Becker: Als Gesellschafter der Völkl Tennis GmbH wollte ich auch die Schläger testen, die ich verkaufe. Und so kam der Spaß am Tennis wieder zurück. Ich wollte die Schläger dann auch in einem echten Match spielen.

Worin besteht für Sie der elementare Unterschied zwischen heute und Ihrer aktiven Zeit?

Stich: Man kann es heute mit Abstand betrachten, ohne krankhaften Ehrgeiz Spaß entwickeln.

Becker: Das Ergebnis ist letztendlich nicht mehr entscheidend. Die Leistung auf dem Platz ist mit einem Lachen verbunden. Trotzdem möchte keiner verlieren.


Was haben Sie bei Ihrem gemeinsamen Match in Berlin empfunden?

Stich: Es war ein schönes Gefühl, vor ausverkauftem Haus zu spielen. Es war ein tolles Event. Hat Lust auf mehr gemacht.

Becker: Es war ein schöner Moment, etwas Besonderes, mit einem großen Rivalen von einst nach Jahren wieder auf dem Platz zu stehen.

In Frankfurt spielen Sie wieder gegeneinander, diesmal in einem Turnierformat. Sind Sie nervös?

Stich: Sicher ist da auch Nervosität dabei. Aber die Freude herrscht vor. Wir beide haben schöne Erinnerungen an Frankfurt und das Masters damals Anfang der Neunziger.

Becker: Ich bin gespannt, wie immer vor einem Match gegen Michael. Und schließlich ist dieses Match am ersten Tag meines neuen Lebensjahrs. Und ich möchte das Jahr gut beginnen.

Was haben Sie, was der Andere nicht hat?

Stich: Ich sehe einfach besser aus als er. Spaß beiseite. Wir sind sehr verschieden, unsere Gemeinsamkeit heißt Tennis. Aber ich behaupte auch, dass ich mehr Talent habe.

Becker: Michael hat die bessere Technik. Gerade bei der Rückhand, dem Aufschlag - vielleicht hatte er sogar den besseren Volley. Ich hatte den größeren Willen. Michael war der Stratege, ich war die Kampfmaschine.

Welches Element seines Spieles hätten Sie gern gehabt?

Stich: Seine mentale Stärke in kritischen Situationen auf dem Platz. Der unbedingte Wille zum Sieg.

Becker: Die Leichtigkeit seines Spiels. Er hat weniger trainiert. Der hat den Schläger genommen und einfach losgespielt.

Wie würden Sie heute Ihr Verhältnis beschreiben?

Stich: Heute ist das Verhältnis entspannt. Damals war es geprägt von Rivalität, jeder wollte besser sein als der andere. Davon haben wir beide aber sicherlich profitiert.

Becker: Wir sind uns bei der gemeinsamen Vorbereitung auf Berlin privat näher gekommen. Wir beide haben einiges durchgemacht, haben uns darüber ausgetauscht. Ich sehe uns beide heute als Kumpels.

Welche Rolle sehen Sie für sich künftig im Tennis?

Stich: Im Moment sehe ich keine bestimmte. Ich will aber weiterhin mein Know-how dem deutschen Tennis weitergeben.

Becker: Das Tennis-Geschäft hat wieder oberste Priorität bekommen in meinem Leben. Nicht als Spieler, das ist ein kleiner Teil. Eher als Manager, der Events veranstaltet und vermarktet.

Was wünschen Sie Daviscup-Coach Patrik Kühnen?


Stich: Dass er nicht die gleichen Probleme hat wie ich und es schafft, aus den Spielern eine Mannschaft zu formen und Änderungen im DTB durchzusetzen.


Becker: Dass er ein gutes Händchen und das nötige Glück hat, das Michael und mir in dieser Aufgabe vielleicht gefehlt hat.

Wohin führt der Weg von Tommy Haas?

Stich: Tommy ist talentiert, aber ihm fehlt der Ehrgeiz, zwölf Monate im Jahr hart zu arbeiten. Mit der Einstellung, die er hat, wird er nie die Nummer eins.

Becker: Er ist in einer entscheidenden Phase seiner Karriere. Er hat ganz nach oben geschielt. Aber auf Grund von Verletzungen und eines zu vollen Turnierplans konnte er im Herbst die Erwartungen nicht erfüllen. Die nächste Saison wird darüber entscheiden, ob er den Sprung ganz nach oben schafft oder ein Spieler zwischen Platz fünf und fünfzehn bleibt.

Wer war für Sie die Entdeckung dieser Saison?

Stich: Es war faszinierend zu sehen, dass mit Agassi und Sampras zwei Alte das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres in New York unter sich ausgemacht haben. Das spricht nicht für die Jugend.

Becker: Pete Sampras war die Wiederentdeckung.

Glauben Sie an eine Rückkehr von Pete Sampras auf die ATP-Tour?

Stich: Ich würde ihm wünschen, dass er die Kraft hat, mit dem US-Open-Sieg aufzuhören. Es kann für einen Tennisspieler keinen schöneren Abschied geben. Ich hätte mir 1997 auch gewünscht, noch einmal Wimbledon zu gewinnen und dann tschüs zu sagen.

Becker: Ich glaube, Pete Sampras hat bei den US Open sein letztes Match gespielt.

Wer war die Enttäuschung dieser Saison?

Stich: Kafelnikow, der doch ziemlich abgefallen ist. Aber auch Tommy Haas, der an seine guten Leistungen nicht anknüpfen konnte.

Becker: Marat Safin. Er hat von allen Tennisspielern die meisten Möglichkeiten. Er hat aber nur am Anfang und am Ende der Saison aufhorchen lassen. Er ist ein absoluter Nummer-Eins-Kandidat.

Wohin entwickelt sich das Tennis in den kommenden Jahren?

Stich: Die körperliche Komponente wird stärker. Das aggressive Spiel von der Grundlinie wird immer dominanter. Tennis ist aber ein Spiel. Und ein Spiel muss man spielen und darf es nicht arbeiten.

Becker: Spieler, Trainer und Manager müssen endlich begreifen, dass Profi-Tennis ein Teil der Unterhaltungsindustrie ist. Turniere müssen zu Events werden, die Spieler zu den Gladiatoren der Neuzeit.

Die Fragen stellte Andreas Bellinger, dpa