Boris Becker: "Ich wollte keinen Jux machen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Boris Becker "Ich wollte keinen Jux machen"

Obwohl sein Comeback nur etwas länger als eine Stunde dauerte, will sich Boris Becker auch in Zukunft noch öfter in Tenniskluft präsentieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cincinnati - Acht Wochen hatte Boris Becker für sein Comeback trainiert, nach nur 67 Minuten war alles vorbei. Gemeinsam mit Wimbledonsieger Goran Ivanisevic verlor Becker beim ATP-Turnier in Cincinnati in der ersten Runde gegen das weltbeste Doppel Jonas Björkman/Todd Woodbridge (Schweden/Australien) 3:6, 2:6. Für den 33-jährigen Freizeitprofi war das Ergebnis allerdings zweitrangig. "Es war ein sensationelles Gefühl, wieder dabei zu sein", sagte Becker, von der Mütze über die knielange Schlabberhose bis hin zu den Schuhen mit Ausnahme des Mercedes-Sterns am Ärmel komplett in jungfräuliches Weiß gekleidet: "Ich habe wirklich hart gearbeitet, und ich hoffe, jeder hat gesehen, dass ich Tennis spielen und keinen Jux machen wollte."

Zuschauer flüchteten


Als große Zugnummer erwies Becker nur zu Anfang des Matches. 5000 Zuschauer hatten den "Grandstand" auf der Tennis-Anlage in Cincinnati bis auf den letzten Rang gefüllt, um am Dienstag das Comeback von Becker hautnah mitzuerleben. Als sich jedoch nach wenigen Minuten abzeichnete, dass der einstige Wimbledonsieger an der Seite von Goran Ivanisevic im Doppel gegen Björkman/Woodbridge chancenlos war, strömten die Massen zum Center Court, wo Patrick Rafter (Australien) gegen den Spanier Albert Portas mit 7:5, 6:3 siegte. Am Ende von Beckers Partie trotzten nur noch rund tausend hartgesottene Fans der sengenden Hitze.

Seit seiner Niederlage im Wimbledon-Achtelfinale am 7. Juli 1999 gegen Patrick Rafter hatte Becker kaum noch einen Tennisschläger angerührt: "Ich habe mich mit Fußball und Basketball fit gehalten, aber ich hatte keine Lust auf Tennis." Erst vor zwei Monaten begann er wieder damit, die Filzkugel über das Netz zu schlagen. "Anfangs hatte ich wahnsinnige Probleme, ich bekam Blasen und die Knie taten mir weh", erinnerte er sich: "Aber seit vier Wochen ist es fast wie früher, ich habe keine Wehwehchen mehr und fühle mich topfit."

Balsam für die geschundene Seele


Gespannt verfolgte Thomas Haas - 6:4, 6:2-Sieger über Chris Woodruff in der ersten Runde - den Neueinstieg seines früheren Idols. "Es ist traurig, dass Boris nicht gefragt hat, ob ich mit ihm spielen möchte. Ich wäre gern noch einmal mit ihm im Doppel angetreten", war Haas ein wenig enttäuscht. Dass Becker wieder das Racket schwingt, empfindet er allerdings als Balsam für dessen geschundene Seele. "Das wird ihn von seinen privaten Problemen ablenken", so Haas.

Und so rief Becker Mitte Juli seinen alten Wegbegleiter Goran Ivanisevic an und fragte mal nach, ob der nicht Lust hätte, mit ihm Doppel zu spielen. "Goran hat erst einen Moment überlegt, er wusste wohl nicht, ob ich es wirklich ernst meine", erinnerte sich Becker schmunzelnd. Dann willigte der Kroate ein und war am Ende frustriert über die eigene Leistung: "Boris Becker kommt zurück, und ich spiele so einen Mist zusammen. Das tut mir leid, er hatte einen besseren Partner verdient." Nach dem Matchball feuerte Ivanisevic wütend seine drei Tage alten Tennisschuhe in einen Müllcontainer.

Kommando auf der Senior-Tour übernehmen


Auf jeden Fall hat Becker. der einst beste Spieler der Welt, bei seinem kurzen Gastspiel in Cincinnati genügend Zuversicht und Motivation für seine sportlichen Zukunftspläne gesammelt: "Anfangs erschien mir die Geschwindigkeit der Bälle enorm, aber nach 20 Minuten hatte ich den alten Rhythmus wieder gefunden. Ich weiß jetzt, dass ich noch fit genug bin und nicht alles verlernt habe."

In der nächsten Woche spielt Becker ein Seniorenturnier auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Graz. Am 8. September tritt er im Rahmen der US Open gegen Altmeister John McEnroe an, und am 15. September ist in der Arena di Verona der Schweizer Jungstar Roger Federer sein Gegner. Patrick McEnroe, der Becker eine mangelhafte Form attestierte, gab der Deutsche einen Gruß an den prominenten Bruder mit auf den Weg: "John soll sich warm anziehen, es wird Zeit, dass ein Deutscher auf der Senioren-Tour das Kommando übernimmt."