Box-Comeback: Henry und die alten Haudegen - DER SPIEGEL
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Box-Comeback Henry und die alten Haudegen

Für seine Comeback-Pläne muss sich Ex-Weltmeister Henry Maske reichlich Kritik gefallen lassen. Heute gab der Gentleman bekannt, dass er im Februar zur Revanche gegen Virgil Hill in den Ring steigen wird. Maske wäre nicht der einzige Sportler, der mit über 40 nochmal zurückkommt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Henry Maske sucht noch immer. Nicht nach seiner Form, sondern nach einem Trainer. Wenn der gefunden ist, dann wird die Form schon kommen, meint zumindest Maske. Eigentlich müssten sie ja Schlange stehen bei einem wie ihm, dem früheren Weltmeister im Halbschwergewicht, der nur den einen, den allerletzten Kampf verlor, damals gegen Virgil Hill. Aber das ist schon zehn Jahre her.

Hill ist mittlerweile wie Maske 42 Jahre alt - und hat im Januar den WM-Titel im Cruisergewicht in der WBA-Version gewonnen. Wenn man ihn boxen sieht, erinnert wenig an sein fortgeschrittenes Alter. Einträchtig saßen beide Altmeister heute nebeneinander bei einer Pressekonferenz und waren sich einig, dass ihr Kampf, der im Februar in München stattfinden soll, eine prächtige Idee ist - die man vielleicht nicht zu ernst nehmen sollte. Um den WBA-Gürtel geht es dabei natürlich nicht.

Da erscheint es schon etwas sonderbar, dass sich alte Weggefährten Maskes wie der Promoter Wilfried Sauerland dermaßen entsetzt über die Pläne des Mannes aus Frankfurt an der Oder zeigen, Revanche an Hill zu nehmen. Der Alte im Boxen – ein Ausgestoßener?

Wohl kaum. Evander Holyfield, fast 44, brauchte am vergangenen Wochenende gerade mal fünf Minuten und 56 Sekunden, um seinen elf Jahre jüngeren Landsmann Jeremy Bates auszuknocken. Und hinterher festzustellen, die Schläge seien gekommen wie zu besten Zeiten. Auch er kann’s einfach nicht lassen - und darüber braucht sich eigentlich auch niemand zu wundern.

Ausflug ins Altersheim

Denn gerade die Geschichte der schweren Gewichtsklassen liest sich zeitweise wie ein Ausflug ins Altersheim des Faustkampfes. 1915 etwa unterlag Jack Johnson, der erste farbige Schwergewichts-Champion, seinem gerade mal drei Jahre jüngeren Widersacher Jess Willard in der 26. Runde durch Knockout. Johnson, der den Titel sieben Jahre lang hielt, war damals 37 Jahre alt – seinerzeit ein beinahe biblisches Alter für einen Boxer.

Nicht immer traten die alternden Helden allerdings so ganz freiwillig an. Steuerschulden trieben mit Sugar Ray Robinson sogar den wohl größten Boxer der Geschichte immer wieder ins Seilgeviert – den letzten seiner 202 Fights bestritt der Weltergewichtler, der nie K.o. ging, mit 44 Jahren. Und als 1962 mit dem langjährigen Halbschwergewichts-Champion Archie Moore ein 46-Jähriger gegen Cassius Clay - der sich später Muhammad Ali nennen sollte - antrat, verschoben sich die Vorstellungen von der Leistungsfähigkeit alternder Faustkämpfer.

Dass sich heute das Kampf-Alter vieler Boxer in den höheren Gewichtsklassen beinahe regelmäßig auf Mitte 30 verlängert, hat verschiedene Ursachen: Standen früher Athleten im Ring, die mitunter in wenigen Jahren in mehr als 100 Profikämpfen weichgeklopft worden waren, absolvieren heute nur noch die wenigsten Boxer mehr als 50 Fights. Und gern wird ihnen in der Frühphase der Karriere leichte Kost serviert, die sie in drei, vier Runden oder noch schneller verputzen können. Wladimir Klitschko, Champion der IBF, kommt in seinen 49 Duellen auf gerade mal 178 absolvierte Runden, auch Maskes 217 Runden in 31 Duellen stellen nicht gerade eine Rekordsumme dar.

Verbesserte Trainingsmethodik und das Wirken der Sportmedizin tun ein Übriges, um alte Haudegen im Rennen um Titel und Prämien zu halten. Denen kann zudem Routine und ein geschultes Auge in brenzligen Situationen oft mehr helfen als eine überragende Athletik. Über solche verfügte George Foreman vor allem in jungen Jahren, als er gegen Muhammad Ali seinen Titel als im Schwergewicht verlor. Der alte Foreman, dessen Comebackserie mit 38 Jahren begann und erst elf Jahre später endete, war ein Spezialist in der Nahdistanz, der jeden Körpertreffer mittels imposanter Plauze entschärfte. So raubte er seinen Widersachern den Nerv und ließ sich notfalls zwölf Runden Zeit für den alles entscheidenden Hieb. Und weil im Schwergewicht das Tempo eine mindere Rolle spielt als bei den Leichtgewichten und Boxer von überragender Klasse immer seltener in die Ringe geworfen werden, ist die Profiszene zu einem ebenso dankbaren wie lukrativen Betätigungsfeld für die Box-Rentner im Rückwärtsgang geworden.

Milla, Matthäus, Ottey

Doch selbst für den gewieften Box-Taktiker Maske besteht die Gefahr, dass sein gut gepflegtes Image leiden könnte. Denn es gibt auch einige Beispiele für missglückte Comebacks: Legende Muhammad Ali scheiterte nach zwei Jahren Ring-Abstinenz an Larry Holmes, Sugar Ray Leonard ging nach sechs Jahren Pause gegen Hector Camacho K.o. und auf Dariusz Michalczewski prasselten im vergangenen Jahr die Fäuste von Fabrice Tiozzo ein.

Dennoch: Allein im Boxen scheinen ältere Athleten noch sonderliches Aufsehen zu erregen. Irgendwann begann man zwar über Lothar Matthäus zu spotten, weil er kurz vor Vierzig noch immer Libero spielen wollte. Doch noch niemand hat der notorischen Merlene Ottey auf den Sprintstrecken der Welt die Abkürzung zur Senioren-Residenz empfohlen, und dass Jens Lehmann kürzlich ankündigte, seine Karriere bis zum 38. Lebensjahr fortzusetzen, wurde es als folgerichtig empfunden, weil der Mann ja Torwart ist. Dass Keeper jenseits der 30 im Vertragspoker beste Karten haben, ist auch dem Nordiren Pat Jennings zu verdanken, der bei seiner WM-Teilnahme 1986 den Altersrekord des italienischen WM-Keepers Dino Zoff mit seinen 41 Jahren um ein Jahr überbot.

Als Kameruns Stürmer Roger Milla vier Jahre später in Italien Publikum samt Eckfahnen becircte, war zwar auch die Fachwelt über den 38-Jährigen bass erstaunt, hatte aber leider schon vergessen, dass Fitz Walter in seinem letzten WM-Spiel 1958, immerhin ein Halbfinale, genauso alt war, was damals niemanden wunderte. Vielleicht hatten sich Walters Zeitgenossen einfach nur daran erinnert, dass auch Max Schmeling ein paar Jahre zuvor jenseits der vierzig keinen schlechten Eindruck im Ring hinterlassen hatte.

So gesehen spricht außer der Gewichtsklasse gar nicht viel gegen ein Comeback von Henry Maske, der ja binnen der letzten zehn Jahre nichts auf die Nuss bekam. Sein Trainingsgewicht, verrät Jean-Marcel Nartz, ein alter Weggefährte, habe er immer gehalten. Und ihren Punch verlieren Boxer sowieso zuallerletzt. Dumm nur: Maske hat nie einen gehabt.

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