Box-Comeback Kruse tritt Rocky in den Hintern
Berlin - In seiner Zeit als Bundesligaspieler bei Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin und dem VfB Stuttgart gehörte bedingungsloser Trainingsfleiß nicht unbedingt zu Axel Kruses herausragenden Eigenschaften. Trotzdem avancierte der Gastronom, der im Berliner Osten eine Kneipe betreibt, zum Konditionstrainer von Graciano Rocchigiani.
Er brauche den Freund bei der Schinderei für das Comeback vornehmlich für den zeitweise nötigen "Tritt in den Hintern", ließ der inzwischen 37-jährige Ex-Weltmeister wissen. Nach neun Monaten Pause bekommt Rocchigiani es am Sonnabend mit dem nicht gerade Furcht einflößenden Willard Lewis zu tun - der Kanadier verlor seine vorigen vier Kämpfe.
"Graciano hat sensationell trainiert"
Ex-Stürmer Kruse musste nicht treten. "Graciano hat sensationell trainiert. In fünf Wochen hat er fast keinen Tag ausgelassen", fand der Kicker des American-Football-Clubs Berlin Thunder nur lobende Worte für seinen Kurzzeit-Schützling. "Graciano hatte doch keinen, der ihm hilft. Ich glaube nicht, dass ich das auch vor dem nächsten Kampf oder der angestrebten WM machen werde."
Für seinen neuen Fitnessjob bringt Kruse neben eigenen Erfahrungen als Berufsfußballer "jahrelange Box-Begeisterung" mit: "Ich hab' die meisten Rocky-Kämpfe live gesehen." Wegen bislang nicht ausgeräumter Familienstreitigkeiten mit seinem Bruder Ralf, der als Ex-Boxweltmeister vor zwei Jahren zurücktrat, wird Kruse am Samstag an dessen Stelle in Rocchigianis Ringecke stehen.
"Graciano hat doch Erfahrung genug"
Viel falsch machen kann Kruse nicht. Zu Beginn seiner Profikarriere sekundierte Rocchigiani mit Wolfgang Wilke ein Gaststättenbetreiber. "Graciano hat doch Erfahrung genug", meinte Kruse, der am Mittwoch in einer Hinterhof-Boxschule in Berlin-Köpenick beim Pressetraining Einblick in raffinierte Gymnastik-Techniken gab.
Zur Musik von Eros Ramazzotti machte sich der im Vergleich zu seinem letzten Kampf vor neun Monaten - Aufgabe gegen Dariusz Michalczewski - rund zehn Kilogramm schwerere Rocchigiani locker. Der gebürtige Schöneberger, der zumeist an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste lebt und in Lübeck ein Box-Gym betreibt, war trotz des öffentlichen Interesses an seiner Rückkehr gut gelaunt.
Dennoch konnten Journalisten und Reporter Mikrofone und Schreibblöcke wieder einpacken. "Ich sage nichts", erklärte Rocchigiani und verschwand nach einer Stunde Training. Selbst die TV-Leute von Sat.1 ließ der für seine chronische Allergie gegen Medienvertreter bekannte Boxer wortlos stehen. Der Privatsender zahlt Rocchigiani für das Comeback rund 400.000 Mark. Gegen Michalczewski betrug die Börse drei Millionen Mark. "Das Finanzielle spielt immer eine Rolle im Boxen", bekennt Rocchigiani.
Sat.1 lässt sich jedoch Rockys Allüren gefallen, weil außer der Skandalnudel auf Grund von Alkohol am Steuer verlor Rocchigiani bereits mehrfach den Führerschein und handelte sich Vorstrafen wegen Körperverletzung ein - weit und breit kein anderer Quotenbringer im abflauenden Box-Geschäft auszumachen ist. "Ihr wisst doch, wie er ist", versuchte Veranstalter Peter Hanraths vom Hamburger Universum-Boxstall zu beschwichtigen und verkündete stattdessen tapfer: "Der Kampfabend ist fast ausverkauft."
Rocky - der Hauptdarsteller im Rahmenprogramm
Graciano Rocchigiani, der am Sonnabend seinen 47. Profikampf bestreitet und Ende dieses Jahres sogar noch einmal um einen WM-Titel boxen soll, startet nur im Rahmenprogramm. Der No-Name-Halbschwergewichtler Thomas Ulrich bestreitet den Hauptkampf. Nominell, Hauptdarsteller ist jedoch ein anderer - Graciano Rocchigiani.