Box-WM Die Rache des kleinen Klitschkos
Die erste Geste offenbart den Charakter. Samstagnacht ist der Schwergewichtsboxer Wladimir Klitschko Weltmeister geworden. In der siebten Runde schlägt der Herausforderer den Champion Chris Byrd zum zweiten Mal zu Boden. Byrd, das große Kämpferherz aus Flint in Michigan, aber steht wieder auf, will nicht aufgeben, taumelt mit blutverschmiertem Gesicht in die Seile. Ringrichter Wayne Kelly (USA) sieht dem lädierten Titelverteidiger in die Augen und beendet den Kampf: Sieg für Wladimir Klitschko durch technischen K.o.
14.000 Zuschauer in der Mannheimer SAP-Arena rufen seinen Namen. "Klitschko, Klitschko", schallt es. Jede einzelne Stimme habe er gehört, wird Wladimir später sagen. Doch der neue Weltmeister der Boxverbände IBF und IBO sucht nicht sofort das Bad in der Menge, sondern streckt seine rechte Faust in die Luft und schaut zu Boden, er braucht in dem größten Moment seiner Karriere nicht sofort die Bestätigung von außen - er ist ganz bei sich.
Es war ein Kampf um "alles oder nichts", wie Klitschkos Management vor dem Gefecht getrommelt hatte. Zu verlieren hatte der tief gefallene Wladimir Klitschko nicht mehr und nicht weniger als seine Zukunft im Profiboxen. Seit Samstag aber hat er durch einen der besten Fights seiner Karriere eine wohl in jeder Hinsicht goldene vor sich.
Party-Weltmeister Klitschko
Schon einmal schien dies so zu sein, vor fünfeinhalb Jahren, als er eben jenen Chris Byrd, der zuvor seinen älteren Bruder Witalij besiegt hatte, nach Punkten bezwungen hatte und zum ersten Mal Weltmeister des Verbandes WBO geworden ist. 24 Jahre war er da jung. Und übermütig. Damals brauchte Wladimir das Bad in der Menge. Danach fehlte er auf fast keiner Party mehr.
Wladimir Klitschko war ein Weltmeister, der seinen Titel bei den Schönen und Reichen spazieren trug. Er und sein Bruder Witalij, die Klitschkos, wurden als eine Marke wahrgenommen und zu Werbe-Ikonen. Nach dem ersten Sieg über Byrd war der Olympiasieger von 1996 berühmt und bald war das, was ihn berühmt gemacht hatte, das Boxen, nicht mehr das Allerwichtigste in seinem Leben.
Der zwei Meter große Hüne, Sohn eines ukrainischen Luftwaffenoberst und einer Lehrerin, wähnte sich ganz oben angekommen. Der Absturz war tief. Zwei bittere K.o.-Niederlagen gegen Corrie Sanders und Lamon Brewster ließen die Öffentlichkeit den Respekt vor dem "kleinen Klitschko" verlieren. Von Kritikern wurde der Wahlhamburger als "Glaskinn" und "Fallobst" verspottet.
Wladimir Klitschko weiß, wie es sich anfühlt, wenn man Weltmeister ist. Und er weiß, wie es ist, wenn man von ganz oben wieder auf die harten Bretter der Realität geschlagen wird. Er hat sein "Napoleonsyndrom" (Klitschko) überwunden und das ist der wohl wichtigste Sieg seines Lebens gewesen.
Am Samstagabend kam er als ein perfekter Kämpfer zurück, wie sein Trainer Emanuel Stewart mit Recht feststellt. "Wladimir ist einer der größten Champions des Schwergewichts", behauptet Stewart gar, der immerhin 35 Boxweltmeister trainierte. Aus den bitteren Niederlagen habe er seine Motivation gezogen und nun so viel Spaß am Boxen wie noch nie, sagt Klitschko, der nach dem einseitigen Kampf keine einzige Blessur im Gesicht trug und wirkte, als habe er gerade ein bisschen Tischtennis gespielt.
Der zwölf Zentimeter kleinere und fast 13 Kilogramm leichtere Chris Byrd war chancenlos. Acht Wochen bereitete sich Klitschko mit seinen Trainern Emanuel Stewart und Fritz Sdunek auf diesen Kampf vor, akribisch wie noch nie, auf Mallorca. "Wie ein Musiker, der nach Noten spielt" (Klitschko) kämpft er in Mannheim. Mit seiner linken Führhand hält er Byrd auf Distanz. Immer wieder setzt er dem Amerikaner mit einem linken Haken und einer katapultartig folgenden Rechten zu. In der dritten Runde spürt Klitschko, wie er später sagt, dass er die Kontrolle hat . Aber er wird nicht übermütig. Linker Haken, steife Rechte, immer wieder treffen seine Schläge Byrd, der Klitschko seinerseits nie am Kopf trifft.
Byrd fällt nicht
Zu Beginn der fünften Runde geht Byrd zum ersten Mal zu Boden. Klitschko setzt nach. Byrd, in den Seilen hängend, muss schwere Treffer hinnehmen. Aber: Er fällt nicht. Manch ein Kampfrichter hätte hier abgebrochen. "Ich habe noch nie einen Gegner gesehen, der so viel einsteckt und weitermacht", sagt Klitschko hinterher anerkennend, als Byrd an der Hand seiner Frau, um 1.30 Uhr am Sonntagmorgen, mit Sonnenbrille und der Aussicht auf einem Röntgentermin in einem Mannheimer Krankenhaus auf der Pressekonferenz erscheint.
In der sechsten Runde beweist Klitschko eine außerordentliche taktische Reife. Er will nicht gleich alles. Der finale Schlag ergibt sich einfach nicht, Klitschko wartet, er hat Geduld. In der siebten Runde ist es dann so weit, in 102 Ländern sind Millionen Menschen an den Fernsehschirmen live dabei. Auch in Amerika, der Sender HBO überträgt zum ersten Mal einen Kampf live aus Europa.
Die ganze Boxwelt hat wieder Respekt vor Wladimir Klitschko. Und jetzt, da er oben ist und schon weiß, wie es ist, wenn man wieder hinfällt, da will er noch höher hinaus: "Den Weltmeistertitel zu verteidigen ist spannend, aber neue Meisterschaften sind spannender", sagt Wladimir, nach seinem 46. Sieg im 49. Kampf.
Er wirkt nicht arrogant dabei und es klingt nicht vermessen. Einen Vereinigungskampf streben die Klitschkos an. Vielleicht gegen WBC-Champion Hasim Rahman, der einst Witalij einen Feigling nannte? Der ältere Bruder, der verletzungsbedingt im letzten Jahr seine Karriere beendet hat, hält dies für die beste Option. Jüngst wollte er Bürgermeister von Kiew werden, der Hauptstadt ihrer ukrainischen Heimat, und sieht heute schon die erneute "Rache der Brüder" am Kampfhorizont.
Doch dieser Samstag in Mannheim steht ganz im Zeichen des Fairplays. Byrds elf Jahre alter Sohn Justin, dem die Tränen kommen, als sein Vater zum ersten Mal auf die Bretter kracht, gratuliert zuerst Wladimir Klitschko zum Sieg, bevor er den Vater tröstet. Chris Byrd, der mit einer Börse von 4,5 Millionen Dollar entlohnt wird (Klitschko kassiert 1,5), ist stolz gegen einen "großen Champ" gekämpft zu haben.